Sven Rautenberg: Als Angestellter an Projekten beteiligt ?!

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Moin!

Tja, ein unbeschriebenes Blatt. Findest Du man sollte schön pralen, posen und klotzen, man erzählt ich kann Java, obwohl man erst eine kleine Anwendung erstellt hat?!

Prahlen, posen und klotzen ist sicher genauso schädlich für den Job, wie das Understatement bei der Gehaltsforderung.

Überlege mal, was deinem Gegenüber eine extrem niedrige Gehaltsforderung über dich sagt.

Dinge wie "Aha, hat wenig Selbstvertrauen" oder "Schätzt sich selbst ja kaum als kompetent ein" könnten da auftauchen.

Tatsache ist aber, dass es dir selbst absolut nichts bringt, weniger zu fordern, als man dir maximal zahlen würde. Jeder Job hat ein gewisses Budget, das der Arbeitgeber zu zahlen bereit ist - nehmen wir mal an, von zehn bis zwölf Goldstücke. Jetzt kommst du an und forderst sechs Goldstücke. Da wird der Arbeitgeber dann ein Gesicht einer sauren Zitrone machen und sagen "Wir bieten ihnen fünf Goldstücke", und du wirst freudig erregt über den Job akzeptieren. Und der Arbeitgeber freut sich auch ein Loch in den Bauch, kriegt er dich doch für die Hälfte dessen, was er eingeplant hatte.

Das Gehalt auszuhandeln ist sicherlich eine der schwierigsten Aufgaben, aber sie ist lösbar.

Es hilft natürlich, seine Forderungen mit fachlicher Kompetent zu untermauern. Andererseits: Es gibt so viele Nulpen da draußen, die auch alle mindestens das Gleiche wie du kriegen, oft sogar mehr, wo das aber vom Know-How, vom Engagement oder vom persönlichen Verhalten absolut nicht gerechtfertigt scheint. Warum solltest du dich im Vergleich zu denen schlechter stellen? Die haben auch alle in einem Vorstellungsgespräch mal einen guten Eindruck gemacht, und sich hinterher zwar als Enttäuschung herausgestellt, aber irgendwie sind sie ihr Geld für die Firma ja doch wert, sonst würde man sie entlassen.

Die allerbeste Möglichkeit, Gehaltsvorstellungen durchzusetzen, ist aber, wenn man die Verhandlungsmacht der Wahlmöglichkeit hat. Wenn du arbeitslos bist und nur ein einziges Jobangebot hast, um dich daraus zu befreien, dann ist die Sache klar: Du mußt zugreifen, koste es, was es wolle. Also: Abstriche beim Gehalt. Bloß nicht zuviel fordern - es könnte die Chance zunichte machen.

Hast du hingegen zwei oder mehr Jobangebote, oder zumindest Bewerbungsgespräche, sieht die Lage schon ganz anders aus: Du kannst wählen, welcher Job dir mehr bietet. Du kannst auch problemlos in den ersten Gesprächen deine ursprüngliche Gehaltsvorstellung vorbringen, ohne im Hinterkopf zu denken "Wenn ich zu hoch pokere, verliere ich alles" - gibt ja noch mehr Gespräche, du könntest also im Preis noch runtergehen.

Oder wie siehst du das, ich habe ein paar max. 3 kleine Anwedungen mit Java erstellt und möchte mich nun drauf spezialisieren und weg vom Webdesign. Sollte man dann ein niedriges Gehalt angeben, weil man weis ich muss noch lernen und bin noch nicht so schnell oder doch das Gehalt angeben, was auch andere Java Entwickler verdienen, evtl etwas drunter, weil man ja diese Leistung (Java Entwicklung)erbringt.

Dass du noch lernen mußt, sieht man alleine daran, dass du erst kurze Zeit berufstätig bist. Alle Programmierer mit weniger als 3 Jahren Erfahrung sind im Prinzip in die Kategorie "unerfahren" einzusortieren, darüber dann in die Kategorie "erfahren, muß trotzdem noch lernen", und so ab 10 Jahren dann "erfahren und weise, muß trotzdem noch lernen". Lernen ist sowieso inbegriffen, weil jeder neue Mitarbeiter sich einarbeiten und die Umgebung und Aufgaben kennenlernen muß.

Und es kann auch niemand böse sein, wenn er dich aufgrund der von dir gelieferten Informationen falsch eingeschätzt hat. Das ist ja SEIN Fehler, nicht deiner. Man kann nur aufgrund eines Lebenslaufes, der Angabe von Berufsjahren, und ggf. den Aussagen in einem Bewerbungsgespräch zu den bisherigen Erfahrungen sowieso nicht mit Sicherheit sagen, ob du für einen bestimmten Job geeignet wärst. Deswegen gibts ja u.A. auch die Probezeit.

Da bin ich nicht so ganz sicher, wie andere das handhaben. Ich höre immer wieder, du verdienst viel zu wenig, warum hast du nicht mehr Gehalt "gefordert". Dann sag ich, ja was ist wenn die nach einer Woche merken, der ist nicht so schnell oder hat noch viele fragen, dann bin ich den Job wieder los. Und dann kommen so Antworten, wie, ja jeder muss sich doch einarbeiten u.a.

Das ist der Punkt von ganz oben: Wenn du ehrlich, aber nicht zu selbstkritisch-negativ deine bisherigen Erfahrungen und Leistungen darstellst, gibst du dem Arbeitgeber Gelegenheit zu einer realistischen Einschätzung, ob er dich testen will, und was er so ungefähr erwarten kann. Aber es ist auch für dich notwendig, dein Können zu kennen, damit du dir beispielsweise in Gehaltsspiegeln (die c't bringt jährlich einen raus, anderswo gibts auch welche) raussuchen kannst, was Leute wie du durchschnittlich anderswo denn so verdienen. Nur wenn du weißt, was du wert sein könntest, kannst du einschätzen, mit welchen Gehaltsforderungen Arbeitgeber rechnen.

Und wenn du dann in dieser Region liegst, entsprichst du einfach nur den Erwartungen. Gehst du zu niedrig ran, wird man dich nur eventuell - weil der Arbeitgeber an deinem Wohlwollen interessiert ist, und an deiner Zufriedenheit - auf deine zu geringe Forderung aufmerksam machen und eigenständig was draufsatteln, also beispielsweise bei dem Goldstückbeispiel. Weil's sonst unnötige Spannungen in der Belegschaft kommt, wenn du merkst, dass alle deine Kollegen das doppelte verdienen, nur weil die besser verhandelt haben.

Ich glaube, man müßte schon ganz extrem überziehen, sich um durch eine unannehmbare Gehaltsforderung direkt aus der Auswahl zu kegeln. Jede Bewerbung, die fachlich interessant ist, wird in der Regel auch beachtet, die Gehaltsforderung (wenn man sie denn schon in der Bewerbung nennt) ist da erst einmal sekundär.

- Sven Rautenberg

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