Alexander (HH): Meine Fähigkeiten kommerziell anbieten - Sinnvoll? Wie / Wo?

Beitrag lesen

Moin Moin!

Trotzdem ein Amateur. Ich bin ein Profi, mit entsprechender Ausbildung, und ich "pflege" (reanimiere ;-)) und entwickle ein System weiter, das seit 1980 von bis zu fünf Amateuren zusammengefrickelt wurde. Die Profis in der Runde ahnen, worauf das hinausläuft. ("Ommmmm, ich bin ruhig, ich bin entspannt, ich werde niemanden anschreien. Ommmmmmmmmmm. Ich bin ruhig, ich bin entspannt, ich werde niemanden schlagen. Ommmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm...")

Das erläuter mal näher. Was heisst entsprechende Ausbildung?

Dipl.-Inf. (FH), Fachrichtung Kommunikationsinformatik

Und was genau verstehst du unter System?

System ist im o.g. Kontext ein Netzwerk über zwei Standorte, in dem neben viel anderem Zeugs zwei Server mit je einem MUMPS-System laufen, darauf läuft die Software, die den Laden am Laufen hält: Beschaffen von Rohmaterial, Analysen, Verarbeitung, Entsorgung, Lagerverwaltung, Vertrieb, Planung, Überwachung, Statistiken, usw. Dazu jede Menge Schnittstellen zu anderen Systemen, insbesondere zur Meßtechnik von Analyse und Produktion. Zugriff erfolgt über Terminal-Emulatoren auf PCs und Thin Clients.

Das Besondere an dieser Software ist, dass Fehler in der Software relativ leicht Menschenleben kosten können, jedenfalls deutlich leichter als ein Bug in einer Textverarbeitung. Es gibt natürlich noch Sicherungen außerhalb des Systems, die genau das verhindern sollen, nicht zuletzt bei unseren Kunden. Aber kommen im Extremfall ein schlampiger Kunde mit "deaktivierter" Sicherung und ein Fehler in unserer Software zusammen, freuen sich Bestatter und Rechtsanwälte der Angehörigen über neue Aufträge.

Ich will und werde nicht weiter auf Details und Branche eingehen, damit erhalte ich mir die Freiheit, meinen Arbeitgeber so zu kritisieren, wie ich es will.

Also mir ist bisher kein Studium bekannt, in dem man lernt, praktisch mit großen "Systemen" umzugehen. Ich habe mal theoretische Informatik studiert, bis zum Beginn meiner ersten Festanstellung bin ich mit großen Systemen praktisch nicht in Berührung gekommen. Wir mussten im Studium nicht mal programmieren. Anderen Informatikern geht das meines Wissens ähnlich.
Da sammelt man Erfahrung im Praktikum oder in kleineren Agenturen / Jobs. Also, wo lernt man den Umgang mit solchen Systemen akademisch? Ausnahmen mag es geben: spezielle Seminare etc.

In meinem Studium gab es zwei Praxissemester, das zweite wurde gleichzeitig für die Diplomarbeit genutzt. Ich habe beide im selben Unternehmen gearbeitet und dort reichlich gelernt. Nicht nur den Umgang mit komplexen Systemen, sondern auch Umgang mit Kunden (bzw. die Tatsache, dass mir dazu reichlich Talent und Motivation fehlt), Präsentationstechniken, und nicht zuletzt, dass auch kleine Hochschulen große Elfenbeintürme sein können.

Ein ganz besonderes Erlebnis, noch im ersten Praxissemester, war, dass der EDV-Leiter einfach auf Grund einer fünfseitigen Präsentation, die ich in einer halben Stunde zusammengekritzelt hatte, ganz entspannt Hard- und Software im Wert eines sehr luxuriösen Neuwagens bestellt hat. "Wenn Du meinst, dass das so besser funktioniert, dann kaufen wir das eben. Punkt."

Meines Erachtens lernt man es sowieso autodidaktisch. Mit gewissen Grundlagen tut man sich da leichter. Aber na ja, hier bei uns im Haus sind die Programmiercracks allesamt keine Informatiker, wenn, dann abgebrochen.

Jupp, genauso wurde das Nachfolgesystem für unsere jetzige Eierlegende Wollmilchsau zusammengebaut. Das Ergebnis ist, dass schweineteure High-End-Hardware nötig ist, damit das System nicht schon mit dem dritten aktiven Benutzer knirschend zum Stillstand kommt. Was unser System als Hauptserver einsetzt, reicht dem Nachfolgesystem bei geringerem Funktionsumfang kaum als Terminal.

Das eigentlich Traurige daran ist aber, dass das Nachfolgesystem deutlich schneller sein könnte (ich behaupte mal Faktor 10), wenn man mal erstens einen Profiler darauf ansetzt und zweitens die frickelnden Amateure durch Profis ersetzt, die wissen, wie man mit relationalen Datenbanken und GUIs umgeht.

Aber die Heerscharen von frickelnden Amateuren sind ja so schön billig. Das man viel weniger Profis (mit zugegeben deutlich höheren Gehaltsforderungen) für den selben Job bräuchte, die im Summe weniger kosten, ist in den entscheidenden Köpfen (noch) nicht angekommen.

Und wenn es sich hier um Websysteme handelt: na ja, da ist wahrlich viel Flickwerk dahinter. Im Grunde sind das ja nur Sammlungen von Skripten.

Nein, mit dem Web hat das alles nichts zu tun. Das kam erst ein Vierteljahrhundert nach MUMPS, bzw. ein Jahrzehnt nach unserem System.

Die größte Annäherung an das Web ist ein CSV-Export aus dem System, der über verschlungene Pfade schließlich in einer MySQL(?)-Datenbank bei einem Provider landet, um einen winzigen Teil der Planungsdaten mit PHP im WWW zu veröffentlichen.

F/Lachinformatiker? Die hießen früher mal Büromaschinenmechaniker (Schreibmaschinenflicker) und schrauben im wesentlichen Kisten auf und wieder zu. Fachinformatiker ist eine handwerkliche Ausbildung, aus der man brauchbare IT-Supporter gewinnen kann. Vielleicht auch Minesweeper Consultants and Solitair Experts. Aber keine ernsthaften Entwickler.

schön pauschalisiert.

Ja, natürlich. Wenn ich auf so etwas im Detail eingehe, nörgelt die Forumssoftware immer herum, dass ich zu geschwätzig bin.

Ich möchte auch nicht ausschließen, dass ein kleiner Patentbeamter einen Physik-Nobelpreis gewinnen kann, dass bedeutet aber nicht, dass aus Patentämtern Heerscharen von Nobelpreisgewinnern kommen. Die Zahl (ehemaliger) Patentbeamter (oder meinetwegen bei Patentämtern Beschäftiger) mit irgendeinem Nobelpreis dürfte locker an einer Hand abzuzählen sein. Vermutlich reicht sogar ein Finger.

(Und wo ich schon vom Thema weggehe: Der beste IT-Supporter, den ich je kennengelernt habe, war ein Theologie-Student. IT-mäßig war er eher Mittelklasse, dafür war er absolut genial im Umgang mit gestreßten und genervten Kollegen. Ich kenne niemanden, der so schnell einen Support-Kunden vom wutschnaubenden "ich reiß euch allen den A**** auf" zum ruhigen "ok, morgen reicht auch" bringen kann.)

Richtig. Ab 20 k€ fängt ein ernsthaftes Projekt an. Für 20 € bekommst Du von mir nicht mehr als 15 Minuten Dienstleistung auf Minimalniveau, zuzüglich Märchensteuer und Spesen.

ist ja gut jetzt. Wir wissen, dass du als Systemcrack ne Menge Kohle einsackst.

Ja, ich verdiene gut. Warum auch nicht? Dafür habe ich lange gearbeitet und so manche Kröte geschluckt. Ich bringe aber auch Ergebnisse, die ihr Geld wert sind. Und ich kenne meine Schwächen. Deswegen weiß ich sehr genau, welchen Job ich haben will, und welchen nicht.

Aber du solltest mal aufhören, zu pauschalisieren.

Warum? Existenzgründer-Seminare passen schlecht in die Längenbegrenzung der Forumssoftware.

Ich bin lange genug im Geschäft, um zu behaupten, dass deine Ergüsse hier ziemlich überspitzt sind. 60-80 Stunden arbeiten, damit was hängen bleibt...

Ja, das sind sie. Um die Illusion zu beseitigen, dass man eine Selbständigkeit mit einer 35-Stunden-Woche schafft. Insbesondere, wenn man vom Thema so wenig Ahnung hat, das man nicht einmal Preise kalkulieren kann.

hä? Was hast du für einen Lebensstandard?

Jedenfalls hab ich keinen Bock auf Hartz-IV-geförderte Illusionen von Selbständigkeit, die in Selbstausbeutung und Privatinsolvenz enden.

Aber wenn Du so fragst: Ich wohne zur Miete in einer Neubausiedlung am Stadtrand auf etwa 100 m², fahre ein 22 Jahre altes Auto, und mache einmal im Jahr zwei oder drei Wochen Urlaub irgendwo in Deutschland. Und ich habe gerade knapp 500 Euro in eine neue Brille investiert, nachdem die alte nach neun Jahren völlig hinüber war.

Der OP hier ist geschätzte 20, mein Gott, soll der jetzt gleich aufgeben, nur weil er noch kein System warten kann.

Nein, aufgeben soll er ja gar nicht, aber mal gründlich nachdenken.

Ich hab mit meiner Selbständigkeit viel Spaß gehabt, aber ich habe irgendwann die Notbremse gezogen und arbeite wieder in Festanstellung. Für eine Selbständigkeit fehlen mir einfach einige Fähigkeiten, die ich durch viel Arbeit kompensieren müßte. Und dazu habe ich keinen Bock. Punkt.

Finanziell geht es mir jetzt nicht wesentlich schlechter als zu Zeiten der Selbständigkeit, und unter dem Strich war die Selbständigkeit immer noch ein Gewinn.

In der Selbständigkeit hat sich das Finanzamt reichlich an meinen Einnahmen bedienst, und es treibt einem echt die Tränen in die Augen, wenn man sieht, wie wenig Geld tatsächlich vom Umsatz auf dem Konto bleibt.

Alexander

--
Today I will gladly share my knowledge and experience, for there are no sweeter words than "I told you so".