Ich hätte eine riesen Diskussion erwartet.
Was denkt ihr denn so über diese Sache?
Ja, schade. Das ist allerdings nicht ganz verwunderlich. Denn
- keiner weiß so _richtig_, was geschehen ist.
- keiner weiß so _richtig_, was er davon halten soll, von dem, was da so über den Äther kommt.
Was passiert ist:
Ein Insider hat über den Umfang der Geheimdienstarbeit der NSA "ausgepackt".
Was daraufhin passiert ist:
Medial ist die Bombe toll geplatzt. Alle Sender rauf und runder, Hinz und Kunz denken sich neue Verben aus: "abgreifen", "abschöpfen" (gibts da schon irgendwo ne Datenbank?). Hauptsache es klingt ein bisschen technisch und ein bisschen verwerflich. (Deutschland-)Politisch ist es m.E. ein tolles Thema: Jeder Politiker sagt brav in die Kamera, dass er das "verachte" oder die Aktion "alle Grenzen sprengt" oder sonstwas Belangloses. Hauptvorteil: man schürt ein Feindbild, alle geben einem Recht und man klingt so, als wenn man etwas unternimmt. Es gibt ja immerhin eine Wahl dieses Jahr, ne! Dass das alles heisse Luft ist, sieht man ja daran, dass Snowden hier kein Asyl bekommt, ob nun als politisch Verfolgter, als Zeuge oder sonstwas. Alle beeilen sich auch zu sagen, dass sie davon nichts gewusst haben. Als sei dies das schlimmste an der Sache. Ich würde doch meinen:
Zu der Frage, hat unsere Bundeskanzlerin das gewusst: Ja
Zu der Frage, hat der BND das in diesem Umfang gewusst: Ja, klar.
Zu der Frage, kann jeder halbwegs intelligente Politker sich das gedacht haben: Ja. Sie befinden sich nur in einem kleinen Zwispalt: einerseits ist Amerikas Datensammelei total uncool und doofi. Andererseits wünschen sich die braven Bürger ja Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit. Es ist doch die direkte Antwort auf diese Sicherheitsnachfrage. Nur, dass kann man den Wählern ja vor der Wahl schlecht erklären. Genausowenig kann man ihnen erklären, dass es bei der Affäre nicht (oder nur zu einem irrsinnig geringen Prozentsatz) darum geht, dass meine Persönlichkeitsrechte gefährdet sind, weil die NSA mich beim Nacktbaden in der Ostsee sehen kann, sondern um den Machtfaktor, den diese Datenmenge darstellt. Daten sind Macht. Das ist das Schwierigste an der Sache. Ich kann selbst meinen Freunden nicht klarmachen, warum es für sie von Nachteil sein könnte, dass sie alle denkbaren Informationen in die Plattformen hacken, warum es von Nachteil sein könnte, dass jedes geschossenen Foto von ihnen inklusive Geotag in die Cloud kommt, was daran schlimm ist, wenn Google ihre Suchbegriffe über ein Jahr sammeln kann. Denn es ist nicht direkt zu ihrem Nachteil. Das man dadurch jemanden sehr mächtig macht, der dass dann vielleicht auch wieder gegen einen verwendet, dass begreifen sie nicht. Oder erst, wenn es zu spät ist. Hab neulich gehört, dass google in den Autoversicherungsmarkt einsteigen will. Erst nur als Suchmaschine, dann mit eigenen Tarifen. Alles klar. Versicherungen von Google, das ist einfach genial. Und konsequent. Und wir haben alle mitgemacht.
Insgesamt _kann_ m.E. gar nichts aus dieser Sache folgen.
- Snowden kann nicht aufgenommen werden, weil das die diplomatischen Beziehungen gefährden würde, woran keinem Politiker gelegen ist. Ergo: das einzige wirksame Statement gegenüber den USA wird nicht gemacht werden
- Der Impact auf die Abhör- und Datensammelarbeit der Geheimdienste der USA dürfte marginal sein. Es ist ja nicht gerade eine Revolte auf der Strasse. Das Geplänkel im Fernsehen wird bald vorbei sein.
- Der arme Teufel Snowden wird wohl kein normales Leben mehr führen können... Ich meine, was fühlt ihr, wenn Ihr Assange aufm Balkon seht? Hoher Preis... Hoher Preis für eine Mission für eine unbelehrbare Gesellschaft.
Verrat? Heldentat?
Tat eines gescheiterten Helden.
Macht es die Welt besser oder komplizierter?
Nicht besser, weil die Leute ihre Datenoffenherzigkeit nicht hinterfragen werden, wenn die allgemeine Debatte längst die USA als die Bösen hingestellt hat. (Ich glaube übrigens, dass ein Geheimdienst damit kein Problem hat, der Böse zu sein, solange er weitermachen kann.) Im besten Fall stößt die Affäre aber ein Umdenken an, was am Datenbesitz das Gefährliche ist. Das wäre schonmal was. Bloß darüber redet ja fast keiner.
Komplizierter wird es sowieso. Unkontrollierbarer ebenso. Wenn die NSA die Daten nur für die Bekämpfung des Terrorismus verwenden würde, wäre das alles ja völlig egal. Aber eben das kann man nicht garantieren. Wirtschaftsspionage wird oft genannt. Aber ich denke, es gibt auf dem internationalen Parkett zig Interessen, die mit sensiblen Daten gestillt werden können.
Und Deine Meinung?
Cheers,
Baba