Zu dieser Zeit war das Objekt ein Med. Punkt der Grenztruppen der DDR (NVA).
Ich bin ja sowas von froh, dass man zu meiner Zeit (88, also Jahre später) unter dem Vormachen irgend welcher unbedeutender Vorteile gefragt wurde, ob man denn "bereit wäre, den Dienst als Soldat der heroischen Grenztruppen der Täteretä am antifaschistischen Schutzwall..." - "Was soll ich? Mitten im Frieden auf unbewaffnete DDR-Bürger schießen? Nö. Will ich nicht! Mach ich nicht!" - "Issjagut. War ja nur ne Frage die wir jedem stellen müssen."
Mich hahmse reingelegt. Als technisch Interessierter wurde ich gemustert für Funkmesstechnik, aber als es ein Jahr später soweit war hieß es: Bedaure, aber sie müssen zur Grenze.
Die hätten sowieso die Grenze lieber unbewacht gelassen als ausgerechnet mich als Wegweiser dahin zu stellen...
Die Stasi hat so gut gearbeitet, dass die meisten Festnahmen im Hinterland erfolgten. Vorn am Strich kamen also nur noch welche an, die sich richtig auskannten. Ein Fall aus dem Jahr 1976/Herbst: In Böseckendorf war Parteiversammlung und 300m weiter an der Grenze war gerade Wachablösung, der nächstliegende Posten war praktisch blind. Ein Einwohner von Böseckendorf nutzte die Gelegenheit, lief mit einer präparierten Leiter zum Zaun und war wenige Minuten später auf der anderen Seite. Da an diesem Abend gerade Parteiversammlung im Dorf war, hat unser Kompaniechef besonders wild getobt, als der Durchbruch bemerkt wurde. Der Flüchtige hat sehr viel Mut bewiesen, denn am Zaun befanden sich die SM70-Minen. Die Leiter war so präpariert, dass die Auslösedrähte nicht berührt wurden, so konnte er unbeschadet den Zaun überwinden.
Im selben Jahr gab es einen Todesfall im gleichen Abschnitt, der Flüchtige ist nahe der nachts beleuchteten Grenzübergangsstelle in die Sperre gelaufen, hat zwei Minen ausgelöst und ist auf dem Weg ins Krankenhaus verblutet. Ein Jahr später, 1977 gab es eine Festnahme auch im selben Abschnitt, gottseidank ohne Verletzte oder Tote, der Flüchtige war selbst ein Grenzsoldat. Als die Festnahme erfolgte, war ich Diensthabender im Abschnitt, der Regimentskommandeur hat sich persönlich bei mir bedankt, dass es keinen Toten gab wie im Jahr vorher. Tatsächlich war es gar keine echte Festnahme, denn der flüchtige Soldat hatte sich freiwillig gestellt, nachdem er das erste Tageslicht abgewartet hat. Das war auch gut so, wer weiß, was des Nachts passiert wäre. Suchaktionen wurden bei Dunkelheit generell nicht durchgeführt.
Das sind die drei Fälle, die es zu meiner Zeit im Abschnitt gab, der sich über 100 km erstreckte vom Heiligenstadt bis in den Harz hinein.
Von den Grenzern gefürchtet war der Abschnitt in unmittelbarer Nähe der Grenzübergangsstelle Worbis (Duderstadt), weil das eben nachts so gut beleuchtet war. Es gab weiter nördlich in Richtung Südharz Abschnitte, die waren über weite Strecken unbewacht, das war auch tagsüber etwas gruselig. Bei einem Kontrollgang in diesem Abschnitt sah ich mich einmal unvermittelt einem Angehörigen vom Grenzzolldienst (GZD) gegenüberstehen, keine Ahnung, wo der so plötzlich herkam. Ich war so erschrocken, dass ich "Guten Tag" sagte, obwohl das Ansprechen jenseitiger Personen und insbesondere bewaffneter Organe (BGS, GZD) streng verboten war. Eigentlich hätten wir uns die Hand reichen sollen.
Selbst abhauen, ja der Gedanke war da. Allerdings bestand ein Grenzposten immer aus zwei Personen und niemand wusste von dem Anderen, was der gerade denkt. Wahrscheinlich ein Versehen war es, dass mir einmal ein Posten zugeteilt wurde, der aus meinem nachbarlichen Heimatort stammte, praktisch ein Schulfreund. Wir haben in dieser Frühschicht ganz offen darüber geredet, immerhin hatten wir ein Fahrzeug (Robur LO) aber es gab einen KFZ-Sperrgraben. Wenn der Graben nicht gewesen wäre, wir hätten rückwärts an die SM70 ranfahren können und hätten so eine Gasse freigesprengt. Damals wusste ich nicht, dass gerade in diesem Abschnitt auch Landminen lagen, das habe ich im Jahr 2009 von einem Landwirt aus Duderstadt erfahren. Wer weiß, was da heute noch unter der Erde liegt und gut, dass wir den Fluchtplan nicht umgesetzt haben.
Wer abhauen wollte, musste sich darüber im Klaren sein, dass er seine Angehörigen nie wieder sieht. Und das wollte ich meinem Vater (gest. 1998) niemals antun.
Schöne Grüße.