Ludger Keitlinghaus: Mehr Arbeit, weniger Urlaub = Aufschwung oder was?

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Hi,

laengere woechentliche Arbeitszeit + weniger Urlaub = Konjunkturaufschwung (also u.a. hoehere Loehne und Wohlergehen fuer die Arbeitnehmer)_unter Umstaenden_ begruendet.
Diese Behauptung sieht die Volkswirtschaft aus der Perspektive des Einzelbetriebs. Betriebswirtschaftlich gesehen:
Wenn ich ohne Nebenwirkungen die Lohnsumme bei ansonsten gleichen Parametern senken kann, steigt der Profitanteil.
Volkswirtschaftlich werden die Probleme dann schon komplexer:

  1. Es entstehen Kaufkraftverluste durch geringere
       Einkommen.
  2. Es entstehen soziale Kosten aufgrund von
       Arbeitslosigkeit.
  3. Es entstehen politische Probleme.

die genannte Formel (die, wie gesagt, nur dann gilt, wenn zu wenig gearbeitet wird) hatte druchaus einen volkswirtschaftlichen Anspruch - trotz aller Einfachheit. (An dieser Stelle zudem ein kleines Plaedoyer fuer die Einfachheit. Es gibt m.E. kaum einen groesseren Fehler als einen Sachverhalt komplizierter zu beschreiben als erforderlich. Unnoetige Komplexitaet ist also immer sehr schaedlich.)
"Volkswirtschaftlich" (in Deinem Sinne) gesehen kann man, wenn man Lust hat, durchaus die Probleme Kaufkraftverlust bei den Konsumenten, Kosten durchs Sozialsystem und "politische Probleme" zitieren. Ist durchaus kohaerent und darum eben so verfuehrerisch. Man muss den Kapitalismus halt zaehmen heisst (und hiess) es dann gerne.

Statistisch fällt auf, dass weltweit besonders die Volkswirtschaften erfolgreich sind, die relativ geringe Jahresarbeitszeiten und hohe Löhne aufweisen. Die Frage ist, ob diese günstigen Bedingungen für Arbeitnehmer ein aus Unternehmersicht überflüssiger Luxus sind, oder ob sie direkt oder indirekt zum Wirtschaftswachstum beitragen.

Ich wuerde mal ganz schlicht annehmen, dass erfolgreiche Marktwirtschaften hohe Loehne (und ggf. geringere Arbeitszeiten) generieren. Leider zumindest in Europa anscheinend auch den Gedanken, dass man alle vor allem schuetzen (versichern) muss bzw. kann. Das ist halt falsch und das kommt nun im Zuge der Globalisierung heraus.

Bezogen auf die Konjunktur ist die entscheidende Frage, warum die deutsche Wirtschaft de facto nicht nennenswert wächst. International sind unsere Firmen konkurrenzfähig, das ist durch den Exportboom bewiesen. Wo hakt es also?

Exportboom hin oder her. Das Wachstum ist seit ca. 1975 nicht mehr so, wie es sein koennte.

Aus der Sicht vieler kleinerer Unternehmer ist die wesentliche Problematik die geringe Dynamik des Binnenmarktes. Anders gesagt: Es fehlt nicht an qualifizierten Arbeitskräften, die für relativ geringe Löhne engagiert und lange arbeiten, sondern an Aufträgen. Das dürfte für Firmen, die unmittelbar im Endkundenbereich tätig sind, in noch viel höherem Maße gelten, auch für die Großunternehmen im Automobilbau oder im Einzelhandel.

Aus diesen Gründen halte ich eine Kaufkrafterhöhung bei den unteren und mittleren Einkommen für das Gebot der Stunde.

Ein aeusserst gewagter Schluss. Glauben tut das zurzeit zum Glueck kaum noch einer.

Weitere Subventionen im Bereich der großen Industrie werden angesichts der Auftragslage in Deutschland eher weitere Rationalisierung oder Abwanderung finanzieren als einen Aufschwung hierzulande.

Richtig, Subventionen sind boese.

Ein anderes Problem ist der verspätete Strukturwandel in Deutschland. Aber das hier auszuführen, dürfte zu weit führen. Nur ganz kurz: Die Montanindustrie war schon lange nicht mehr konkurrenzfähig, bevor man mit der notwendigen Umstrukturierung begann.

Sprechen wir ruhig vom Abbau bestimmter international nicht mehr konkurrenzfaehiger Industriezweige, die leider perverserweise in Deutschland seit Jahren durchsubventioniert werden. Grund: der "soziale Frieden" (und natuerlich auch noch ein wenig "soziale Gerechtigkeit"; da kann man mal Begriffsmissbraeuche auf das Klarste beobachten)

...die Globalisierung
Das Argument, die Globalisierung zwinge uns dazu, unser Lohnnieveau an das von Pakistan anzupassen, spricht bestenfalls für eine kritischere Sicht bestimmter Entwicklungen.

Du hast Bio an anderer Stelle zu starke Vereinfachung vorgeworfen, ich werfe Dir hier Verkomplizierung vor.

[...] Die Bundesrepublik ist lange nach diesem Konzept regiert worden, bis immer stärkere Zweifel aufkamen, ob dieser Ansatz haltbar sei. Daher fehlt es den Sozialdemokraten auch an einem tragfähigem wirtschaftspolitischem Konzept, das sie der CDU entgegenhalten könnten. Dass nun die SPD unter Schröder versucht, genau die Politik zu realisieren, die eigentlich die Kohl-Regierung immer proklamiert hat, führt zu den Bocksprüngen und Absurditäten der aktuellen politischen Debatten, was hier zum Beispiel Bio zum Verteidiger der SPD-Reformen gemacht hat *g*

Die Kohl-CDU war im Kern in der Wirtschaftspolitik sozialdemokratisch und die Schroeder-SPD fuehrt uns wieder auf den richtigen Weg zurueck? Schoen waere es, aber die Regelungswut und die Glaeubigkeit bestimmter politischer Kraefte, dass man alles regeln kann (vgl. auch die kuerzlich hier gefuehrte Ethikdiskussion), wird uns richtig in den Mist fahren. Es ist schon alles zu spaet. Wetten?   ;-)

Gruss,
Ludger