Sven Rautenberg: Kritik am "Aufsatz" zum Thema Barrierefreiheit

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Moin!

Woher willst du wissen, wo der Leser anfängt, deinen Text zu lesen?

Wenn man befürchten muß, dass der Leser den Textanfang nicht findet, hat man sowieso ein Übersichtsproblem.

Und das gleiche Problem hat jeder Text. Woher will man wissen, dass jemand die Figur "Harry Potter" kennt, wenn er nur das letzte Kapitel der aktuellen Bücher liest? Da müßte man doch eigentlich auch bei jedem Auftauchen des Namens eine Erklärung bereitstellen. Das tut man aber auch nicht.

Das Argument mit dem Lesebeginn ist also nicht sonderlich stark. :)

Außerdem ist die Auszeichnung von Abkürzungen und Akronymen bei mir automatisiert.

Das ist genau das Problem, würde ich meinen. Die billigsten und simplen Abkürzungen sind in der Datenbank automatisiert, vermutlich nur, damit dieses Feature auch hinreichend oft genutzt und präsentiert wird. Eine wirklich _bewußte_ Nutzung, bei der der Autor Abkürzungen an für das Verständnis sinnvollen Stellen erklärt, wird ersetzt durch einen blinden und unintelligenten Automatismus.

Ich verstehe es wirklich nicht, warum "vernünftige Menschen", die durchschnittlich intelligent sind, Probleme haben, eine gepunktete Linie unter einer Abkürzung zu ignorieren?

Es geht nicht um das Ignorieren. Es geht um die optische Anziehungskraft, die so eine Linie ausübt. "Unterstrichenes ist ein Link" - das lernt man schon gleich beim ersten Webkontakt - erst recht weiß man es als erfahrener Nutzer.

Und jetzt gibt es da also einen Text, der in gewissen Abständen im Text Unterstreichungen hat. Sowas zieht die Aufmerksamkeit an, weil die Unterstreichung ja nicht nur ein Kennzeichen für einen Link ist, sondern auch eine Hervorhebung der Bedeutung ist. Unterstrichener Text ist wichtiger, als anderer Text.

Ihr wollt mir nicht ernsthaft erzählen, dass ihr es nicht hinbekommen habt, einen Satz zu Ende zu lesen, nur weil da eine Abkürzung gepunktet unterstrichen war? ;-)

Ich glaube einfach, dass es in der optischen Präsentation eines Textes nur eine sehr begrenzte Zahl von Hervorhebungsebenen geben darf. Genaugenommen beschränkt sich meine eigene Verwendung in Projekten eigentlich auf drei oder vier Elemente: h1, h2, p und b/strong. Von ul oder ol mal abgesehen, die am Text (Größe, Fettung, etc.) ja nichts ändern.

Dein Layout hingegen hat wesentlich mehr optische Reize, alleine schon im Fließtext. Die erste Zeile wird leicht gesperrt gesetzt (obwohl diese Hervorhebung inhaltlich nicht gerechtfertigt ist), es gibt darüber hinaus:

  • kursiven Text
  • fetten Text
  • fettkursiven Text
  • giftgrünen, fetten, unterstrichenen Text
  • "dünn" (bzw. manchmal als gepunktet erkennbar) unterstrichenen Text

Es gibt durchaus Absätze, in denen buhlen innerhalb von sieben Zeilen eine Vielzahl von Hervorhebungen um die Gunst des Lesers:

  
<p>  
  Beide Techniken -- sei es  
    <acronym title="What you see is what you get" lang="en" xml:lang="en">WYSIWYG</acronym>  
  oder sei es  
    <acronym title="What you see is what you mean" lang="en" xml:lang="en">WYSIWYM</acronym>  
  -- erlauben es dem Laien, ein  
    <span xml:lang="en" lang="en">Web</span>  
  -Dokument ohne jegliche Kenntnisse von  
    <abbr title="Extensible Hypertext Markup Language" lang="en" xml:lang="en">(X)HTML</abbr>  
  -  
    <strong>Syntax</strong>  
  zu erstellen.  
    <strong>In beiden Fällen</strong>  
  aber muss von dem Anwender verlangt werden, dass er sich mit der Materie auseinander gesetzt und die Bedeutung von  
    <em>strukturierten Dokumenten</em>  
  verstanden hat, will er  
    <strong>valide</strong>,  
    <strong>sowohl semantisch wie auch logisch schlüssige</strong>  
  und somit  
    <strong>zugängliche</strong>  
  Dokumente erstellen.</p>  

Statistik:
1 Absatz
2 Sätze
64 Worte
davon
  3 als Abkürzung (2x acronym, 1x abbr)
  12 als <strong>
  2 als <em>
Summe 17 Worte
Anteil am Text: 26%
Außerdem die erste Zeile noch gesperrt gesetzt.

Ein Viertel deines Textes hier ist also wichtiger, als der Rest des Textes. Wobei es dabei auch noch drei (vier mit der Sperrzeile) unterschiedliche Wichtigkeitsebenen zu geben scheint.

Eine derartige Ausdifferenzierung von "Wichtigkeit", aber insbesondere ihre optische Darstellung, ist einfach absurd. Dass in so einem Konglomerat die Unterstreichung nicht mehr weiter auffällt, ist natürlich klar.

Als krasser Gegensatz dazu nehme ich mal den ersten Absatz. Dort ist also EINZIGES Wort nur die Abkürzung "bzw." durch Unterstreichung hervorgehoben - und lenkt damit den ersten Blick, der diesen Absatz trifft, natürlich auf sich - eine simple Abkürzung, deren ausgeschriebes Vollwort in Texten überwiegend als sinnloses Füllsel eingesetzt wird, mithin also überhaupt keinen Inhalt hat - erst recht keinen, der hervorhebenswert wäre.

Ich kritisiere also nicht allein die (für sich allein betrachtet schon extrem sinnlose) Auszeichnung von Füllsel-Abkürzungen. Die allein sind schon ein Ärgernis:

Wer ernsthaft gute Texte schreibt, der vermeidet erstens solche Abkürzungen wie die Pest und schreibt die Worte aus (das vermeidet dann auch direkt, dass man die Abkürzung per Unterstrichen-Tooltip-Trick an jeder Stelle erklären muss), und er vermeidet zweitens auch die ausgeschriebenen Worte wie "beziehungsweise", "und so weiter", "et cetera".

"Beziehungsweise" ist ein sinnloser Silbenproduzent (täuscht damit mehr Inhalt vor, als enthalten ist, und macht das auch gedankliche Aussprechen unnötig kompliziert), der in fast allen Fällen durch Worte wie "oder" oder "und" ersetzt werden kann.

"Und so weiter" oder "et cetera" bedeuten "Der Autor war zu faul, die angefangene Aufzählung vollständig abzuschließen, sondern überläßt dem Leser das Ergänzen". Es ist oft ein gedankenloses Füllwort, es eröffnet den Raum für Unkonkretheiten im Sinne von "Du-weißt-schon-wer hat du-weißt-schon-was getan und ist deshalb du-weißt-schon-wo", und es ist in allen Fällen so ersetzbar, dass entweder eine vollständige Aufzählung oder auf andere Weise deren Beispielhaftigkeit und Unvollständigkeit deutlich wird.

Ob man grundlegende, in der Fachwelt eindeutig bekannte Abkürzungen wie HTML und CSS auflösen muss, ist ebenso fraglich. Einem fachfremden Menschen ist sicher nicht damit geholfen, dass HTML mit "Hypertext Markup Language" erklärt wird, er kann sich so oder so nichts darunter vorstellen. Und in einem Lexikon würde er wohl eher HTML auffinden. Und die Fachleser wissen, was diese Abkürzungen bedeuten.

Aber zurück zur Kritik: Die Auszeichnung der Füllabkürzungen ist idiotisch. Die Auszeichnung eines Textes (nur in den Textabsätzen) mit fünf verschiedenen Ebenen (die Überschriften kommen dann noch dazu) dürfte mit Sicherheit ebenso unsinnig sein. Barrierefreiheit und Semantik sind ja gut und schön. Sie bedeuten aber nicht, dass man an jedes einzelne Wort eines Textes gleich seinen Lexikoneintrag sowie ausdifferenzierte Betonungs- und Bedeutungstabellen anhängt. Text muß auch mal für sich alleine stehen können, und man muß es aushalten, dass ein Textabsatz in 99% der Fälle eben nichts weiter enthält, als einen Buchstaben nach dem anderen, und alle sind in der gleichen Schrift, Fettung, Größe und Gestaltung, ohne eine einzige Hervorhebung, wenngleich man als gesprochenes Wort sicher die größten Stimmschwankungen und Betonungen hineinbringen würde.

Es hat schon einen Sinn, warum es zwar sechs Überschriftsebenen gibt, aber nur zwei Hervorhebungen im Text (em und strong). :)

- Sven Rautenberg

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My sssignature, my preciousssss!