Hallo Thomas und danke fuer deinen klasse Beitrag!
Da gab es im Dresden die Fackelumzüge, oder die Montagsdemos im Leipzig.
Und nicht nur da, ueber die grossen Staedte wurde nur mehr berichtet. Aber selbst in der verschnarchtesten Kleinstadt war alles auf der Strasse, was Beine hatte. Ich erinnere mich, als waere es gestern gewesen, als ich mit zusammen mit Tausenden anderen durch die engen Strassen der Stollberger Altstadt (Sachsen, Naehe Chemnitz) lief. An die Kundgebungen, an die Gottesdienste, an die Transparente, an den Gruendungsaufruf des "Neuen Forums" (den wir in der Schule ausgerechnet an die "offizielle" Wandzeitung des Staatsbuergerkunde-Lehrers gepinnt haben... das gab vielleicht Aerger, aber den haben wir mit Freuden angenommen)
Ich kann mir nur schwer vorstellen was mit den Gemüter der Leute damals Geschah, die Verunsicherung, die Anspannung, was kommt als nächstes? Alle haben gespührt, daß es eine Verändernung geben wird, nur die Richtung dieser Veränderung war nicht abzusehen.
Du kannst es dir nur schwer vorstellen? Ich wuerde sagen, du hast es - ich kann natuerlich nur fuer mich sprechen - genau erfasst! Tatsaechlich hatte ich das Gefuehl, Teil etwas Unglaublichen und nie Dagewesenen zu sein. Es schien der Anfang von etwas ganz Grossem zu sein, wobei niemand wusste, worin es bestehen sollte. Aber wichtig war: wir waren endlich vom Fleck gekommen.
Unterwegs (d.h. in den folgenden Wochen) wurden dann, fuer mich kaum merklich, neue Parolen ausgegeben: Irritiert stellte ich fest, dass um mich herum aus "Wir sind DAS Volk!" der Slogan "Wir sind EIN Volk." geworden war. Daraus wurde dann genauso schnell: "Deutschland einig Vaterland". Damit konnte ich ja nun gar nichts mehr anfangen. Wie gesagt, ich war 15, was interessierte mich denn das Vaterland, und wenn ueberhaupt, dann doch wohl mein eigenes und das war mein ganzes Leben lang die DDR gewesen.
Ich verstand nicht, warum wir jetzt, wo wir endlich die Chance hatte, selbst ueber unsere Zukunft zu bestimmen, etwas zu veraendern in UNSEREM Land, diese Chance gleich wieder wegwerfen sollten indem wir unser Land fuer einnen Appel und ein Ei (bzw. fuer einen Walkman und ein West-Auto) verkaufen sollten. Und ich verstand nicht, warum ich (schon wieder!) einer Minderheit von Fantasten angehoerte... Die Mehrheit wie besoffen: Komm, Onkel Helmut, nimm uns in deine starken Arme!
Ich fange an, am gesunden Menschenverstand der Menschen zu zweifeln (nicht an den Verstand der Massen, denn sie hatte noch nie welchen).
Den Satz schreib ich mir auf, du bringst es auf den Punkt.
Was aber viel schlimmer ist, daß die Leute, die die Menschen "führen" sollten, nichts tun. Besser gesagt sie sind viel zu viel damit beschäftigt, wer den besseren Posten haben sollte, wer welches Amt bekleiden sollte. Dieses Unvermögen egomanistischer Prolitik, die wirkliche Problemen zu sehen, bereitet mir die meisten Sorgen.
Und deshalb ist es fuer mich so wichtig, die Erfahrung gemacht zu haben, dass es MOEGLICH ist, eine Regierung, ja ein ganzes System mit der puren "Macht der Strasse" einfach wegzuwegen. Ich weiss, der Schuss kann auch nach hinten losgehen (schliesslich steht der 09.11. auf fuer den ersten gescheiterten Putschversuch Hitlers).
Aber haetten doch nur mehr Menschen, vor allem auch im Westen diese Lehre von 1989 begriffen und die Chance genutzt notwendige Veraenderungen einzufordern.
Wenn ich jetzt ein Schwarzmaler waere wuerde ich sagen, dass sich der 09.11.89 nicht wirklich als ein neuer Anfang, sondern eher als eine Zaesur darstellt, nach der eigentlich alles so weiterging wie bisher, nur unter veraenderten Vorzeichen. Besonders im Westen wird man das wohl so empfinden, was hat sich denn da schon geaendert, ausser der Einwohnerzahl?
Aber ich bin kein Schwarzmaler, wie gesagt ;-) Und deshalb soll dein letzter Satz am Ende dieses Postings stehen, dem ich absolut nichts hinzuzufuegen habe:
Thomas,
der (auch als nicht Deutscher und nicht Österreicher) meint, daß wir erst rückblickend erkennen, wie es ist Geschichte nicht nur zu lesen, aber die Geschichte selbst auch mitschreiben zu dürfen.PS: Ob gut oder schlecht, es jagt einem ein Schauer über den Rücken, wenn man später sagen kann: "ja ich weiss wie es war, denn ich war da und habe es erlebt."
gruss
-joerg *mit einem schauer auf dem ruecken*
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Ach, ich hab doch noch was, um die Sache wieder etwas aufzulockern *g*:
Sagt der Ossi zum Wessi: Wir sind ein Volk.
Sagt der Wessi zum Ossi: Wir auch.