Sven Rautenberg: Anonymität im Netz

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Moin!

Lässt sich das eigentlich fälschen? Die Daten, die ich meinen Providern gegeben habe, wurden nie überprüft. Lediglich auf der Überweisung wird mein Name ersichtlich beziehungsweise der Name eines Menschens, der mit mir in Verbindung gebracht werden kann... Bis hin zur Fälschung des Personalausweises, um ein Konto unter einem falschen Namen zu bekommen, würde ich nicht gehen. :)

Natürlich läßt sich das fälschen. Nur vergrößert das dann möglicherweise deine Probleme, wenn man dich dennoch findet.

Privat ist fast nichts im Internet.

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass es erlaubt sein muss, im Web anonym beziehungsweise pseudonym zu publizieren.

Pseudonym: Ja. Es gibt genug Buchautoren, die unter Künstlernamen oder Pseudonymen veröffentlichen.

Anonym: Nein. _Sollte_ man nicht. Schon aus Eigeninteresse, denn anonyme Veröffentlichungen sind (wie auch hier im Forum) nur heiße Luft. Wenn sich niemand traut, wiedererkennbar hinter seinen eigenen Aussagen zu stehen, wie ernst soll man den nehmen?

Hier geht es schließlich nicht um Inhalte, die gegen die Menschenwürde oder ähnliche globale Rechtsleitlinien verstoßen (*)

Wissen wir das? Die eigene Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.

sondern um ein Grundrecht der Anonymität.

(*) Und wenn? "Wir muessen die Rechte der Andersdenken selbst dann beachten, wenn sie Idioten oder schaedlich sind. Wir muessen aufpassen." (Wau Holland)

Dieses Grundrecht sehe ich bei Veröffentlichungen nicht. Wer veröffentlicht, der tritt _öffentlich_ auf. Und dieser Auftritt sollte unter einem Namen geschehen.

Das Grundrecht auf Anonymität sehe ich dort, wo man ohne Veröffentlichung im Netz und anderswo unterwegs ist, um sein tägliches Leben zu bestreiten. Also Einkäufe, Ortsveränderungen, Einkommen, Beruf etc. - das alles sollte als Bestandteil der Privatsphäre geschützt sein und muß geheim bleiben können. Wer hingegen öffentlich seine Meinung sagt, sollte sich zu erkennen geben müssen. Allerdings bin ich vollkommen Waus Meinung, dass jede öffentliche Meinungsäußerung zulässig sein muß - das ist die Stärke unserer Demokratie.

Weiterhin zielen die Drohgebärden eher darauf auf, den unliebsamen Inhalt aus dem Netz zu entfernen als dass es um die berechtigte Forderung geht, dass der Autor auch im Real Life Verantwortung für seinen Text übernimmt (jeder seriöse Publizist wird dies tun, unter dem von ihm gewählten Namen - kennt jemand etwa den bürgerlichen Namen von padeluun? Ist das etwa wichtig?).

Die im konkreten Fall berichteten Drohgebärden scheinen diese Wirkung entfalten zu wollen. Naja, wenn bis zu 50.000 EUR Strafe drohen für den Fall der Zuwiderhandlung gegen das Teledienstegesetz oder den Mediendienstestaatsvertrag, dann sollte man sich lieber auf die sichere Seite stellen und ein Impressum haben. Rein zur Kostenvermeidung. Denn andernfalls hat man hinterher vermutlich ein ziemliches Problem, die eigene Meinungsäußerung noch weiter zu finanzieren.

(Eine E-Mail-Adresse, ein netzweiter individueller Name und beispielsweise ein PGP-Key reichen IMHO dazu aus, schließlich ist man Bewohner des Netzes und verhält sich dementsprechend; ich beschwöre immer wieder gerne die Notwendigkeit einer Netzethik, welche über das nationale Denken hinausgeht, Stichwort Selbstregulierung.)

Ich gebe dir ja so recht, aber das eine ist, was "die Netzbewohner" wollen, das andere ist, was "die Gesellschaft", deren Bestandteil die Netzbewohner sind, gesetzlich verankert hat. Es ist Bestandteil unseres Systems, dass man das gut- oder schlechtfinden und alles daransetzen darf, das System nach seinen eigenen Wünschen zu ändern. Finde mehr und einflußreiche Mitmacher, und ändere die Gesetze.

Muss man sich denn so etwas gefallen lassen? Ich finde das lachhaft. Ich bin der Meinung, dass ich die Möglichkeit habe, nach meinem Gewissen zu handeln, und das sagt mir, dass ich mich nicht von diesen skrupellosen, geldsüchtigen Rechtsverdrehern und "Krawattenträgern, die das Netz nie verstanden haben" verbiegen lassen werde.

Das eine ist, wie sinnvoll oder nicht-sinnvoll man ein Impressum findet. Ich hab auch keins, jedenfalls keines, was man wirklich so nennen würde. Meine Mailadresse ist überall deutlich zu sehen - das muß reichen. Außerdem stimmen die Kontaktdaten des Admin-C bei der Denic - wer mich erreichen will, wird mich erreichen. Die auf der Seite angebotenen Informationen stufe ich durchaus als "privat" ein, für die keine Impressumspflicht gilt. Genausogut könnte ich auch einen Link zur Denic anbringen, oder meine Adresse irgendwo reinschreiben.

Anmerkung am Rande: Irgendjemand hat mal meinen Namen gesehen (möglicherweise hier im Forum), ist auf meine Homepage gegangen, hat meine Adresse bei Denic gefunden, dann die Auskunft nach meiner Telefonnummer befragt und angerufen. Er dachte, ich wäre ein alter Bekannter aus dem "Maus-Netz", was nicht der Fall ist (ich war nie im Maus-Netz). Naja, eigentlich wollte er nur wissen, welche Perl-Module bei Strato installiert sind, weil er mit irgendeinem Skript ein Problem hatte. Er hat just angerufen, als ich mir mein Abendessen braten wollte (die Pfanne war schon fast fertig), und er hat mich etwa 45 Minuten lang vollgequatscht. Danach war das Essen dann mehr oder weniger kalt. Hm, ich hätte natürlich auch auflegen können, aber man will ja nicht unfreundlich sein.

Wenn du politische Inhalte veröffentlichst, dann bist du journalistisch tätig.

Wer entscheidet, was politisch ist und was nicht, wer entscheidet, was Journalismus ist und was nicht, was redaktionelle Arbeit? Das ist IMHO völlig albern, denn es lässt sich auf alles anwenden und hat keine Definitionsgrenzen. Ist beispielsweise ein Weblog eine journalistische Veröffentlichung?

Das Gesetz legt fest, was wie zu behandeln ist. Es geht dabei übrigens nicht ums Politische, sondern ums Veröffentlichen von Artikeln und Meinungen. Sowas ist journalistisch und fällt unter den Mediendienstestaatsvertrag, welcher ein Impressum fordert. Insofern sind Weblogs, sofern sie Meinungsäußerungen und Kommentare enthalten, ebenfalls journalistisch und impressumspflichtig.

- Sven Rautenberg

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Diese Signatur gilt nur am Freitag.