Sven Rautenberg: Barrierefreiheit als eigene Rubrik in SELFHTML

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Moin!

Ich denke, gerade Barrierefreiheit ist nichts, wofür die Ersteller von Websites die Verantwortung auf den DAU abwälzen können. Der will einfach nur die Information lesen können, sonst nichts.

Was heißt hier "abwälzen"? Der Besucher einer Seite ist für die Wahl seines Browsers selbstverständlich verantwortlich. Und der Autor kann eben nur in dem Rahmen aktiv werden, den dieser Browser erlaubt. Schon mal versucht, em-Schriftgrößen in Lynx zu benutzen? :) Krasses Beispiel, aber es zeigt, was ich meine: Wenn Dinge im Browser einfach nicht funktionieren, dann gehen sie eben nicht. Und der Besucher bringt so seine eigene Barriere in Form seines Browsers gleich mit.

Ein besseres Beispiel:
Ein barrierefreies Design sollte anpassungsfähig sein. Der Benutzer gibt nur durch Wahl der 1em-Schriftgröße seine Wünsche vor, und alles kann sich daran orientiern.

Toll, wenn da nicht die Grenzen des Browserfensters wären. Mit Pech ist das so breit, dass die entstehenden Textzeilen unergonomisch lang werden. max-width wäre eine tolle Abhilfe - aber erklär das mal dem Internet Explorer...

Und so bastelt die CSS-WAI-Gemeinde dann stunden- und monatelang an irgendwelchen Alternativen Konstrukten, wie diese Einschränkungen zu umgehen sind, um am Ende vielleicht kein befriedigendes Ergebnis zu haben.

Ich dagegen meine: Wir reden hier über Barrierefreiheit - das muß in alle Richtungen gelten! Und wenn ein Browser mir nicht erlaubt, definierte Standards sinngemäß zu verwenden, dann ist er für mich eine Barriere. Wenn ich kompliziertes Gehampel in Workarounds investieren muß, dann behindert mich das.

Barrierefreiheit ist zu einem großen Teil relativ einfach und simpel umzusetzen. Warum werde ich an ein paar Detailstellen gezwungen, einen unverhältnismäßigen Aufwand zu treiben, nur weil der Besucher einen unfähigen Browser benutzt? Nicht nur Webseitenautoren behindern Besucher - auch Besucher behindern Webseitenautoren.

Umgekehrt kann ein guter Browser die meisten Behinderungen der Autoren effektiv umgehen. Mangelhaftes, unsemantisches Markup für die Sprachausgabe zwar eher schlecht - aber was Schriftgrößen angeht, dem Hauptgebiet der em-Fanatiker, ist eine vernünftige Zoom-Funktion jeder em-Fummelei überlegen. Und auch dafür gibt es Gründe:

1em sollte eigentlich die vom Benutzer gewünschte, ideale Schriftgröße sein. Dementsprechend sollte Fließtext mit 1em formatiert werden.

Nun gibt es aber nur ganz wenige Benutzer, die ihre Schriftgröße tatsächlich nach ihren Wünschen einstellen, weil die meisten Seiten ihnen sowieso keine Wahl lassen. Also steht alles auf Systemstandard.

Und dieser Systemstandard ist den meisten Designern zu groß. Also arbeiten Sie mit 0.9em für Überschriften, und 0.7em für Fließtext, nur damit die Schriftgröße sich ungefähr so verhält wie ihre geliebten 14px oder 11px früher. Aber sie sind toll barrierefrei, weil der Benutzer sich ja dann die Schriftgröße größerstellen kann, wenn er will.

Hallo? Sinn der Aktion? Als einziges würde ich geltenlassen, dass der IE damit in die Lage versetzt werden soll, Schriftgrößen auswählbar zu machen (Ansicht/Schriftgrad), aber ansonsten? Kennt jeder auswendig den Menüpunkt seines Browsers, an dem die 1em-Schriftgröße definiert wird? Und was passiert, wenn die wirklich verbreitet bekannt ist, und alle 150% größere Schrift einstellen, weil die Designer ja 70% kleinere Schrift einstellen. Werden die Designer als Resultat dann 0.5em benutzen, um wieder auf die winzig kleinen, unlesbaren Schriftgrößen zu kommen?

Das ist ein Faß ohne Boden, und man entkommt dem nur, indem man als Besucher vernünftige Browser mit einfachen, immer benutzbaren Anpassungsmöglichkeiten verwendet.

PS: "px" ist eine relative Größenangabe - also auch total barrierefrei.

- Sven Rautenberg