Hi Tom,
zunächst mal an Chräcker:
Es geht darum, das der Begriff "Montagsdemonstrationen" durch unsere Geschichte mittlerweile mehr aussagt, als "eine" Demonstration an einem "Montag" der Woche.
Es gab nach der Wende zahlreiche Versuche, die Montagsenergie kritisch gegen Probleme der Wiedervereinigung einzusetzen, etwa mit dem Slogan "Wir waren das Volk". Die Diskussion darum, ob so etwas legitim sei, finde ich extrem heuchlerisch. Es sind sicher hunderte von Milliarden auf Pump verschleudert worden, und jetzt greift man ausgerechnet den Ärmsten der Gesellschaft ins Portemonnaie.
Die Anknüpfung ist für die Menschen völlig legitim: Sie sehen sich im Osten als Verlierer der Wiedervereinigung, die für sie nicht das hält, was sie versprochen hat, und die Versprechen waren wirklich vollmundig ("blühende Landschaften").
der Maulkorb, den sie verpasst bekommen haben,
Es ist eine verbreitete, aber falsche Meinung, dass die Medien zentral gesteuert werden. Durchsuch doch mal mit Google die News, es ist ganz leicht, positive Stimmen und Kommentare zu finden.
Es ist meiner Meinung nach nicht nur legitim, gegen die momentane Situation und insbesondere die Entwicklung zu demonstrieren, sondern es ist unser aller Pflicht, wenn wir unseren demokratischen Rechtsstaat erhalten wollen.
Ja, die Spaltung der Gesellschaft in Verdiener und ein Heer von Arbeitslosen ist auf die Dauer nicht tragbar.
Wenn also die Demokraten nicht JETZT auf die Straße gehen, tun es morgen die neuen Faschisten. Und in sofern halte ich auch den Begriff der "Montagsdemonstration" mit seiner ganzen Vorbelegung als gerechtfertigt, auch wenn er aus einem anderen Zusammenhang heraus entstanden ist. Er ist aber entstanden als Sysnonym einer Volksbewegung gegen Diktatur und Faschismus (der "Kommunismus" der DDR war ja nur ein verkappter solcher).
Ja, die Faschisten versuchen schon jetzt, ihr Süppchen zu kochen auf dem Feuer der sozialen Schieflage. Die Gleichsetzung von DDR und Faschismus finde ich allerdings unzutreffend, zum einen, weil man so die Spezifika der Gesellschaften sowjetischen Typs nicht verstehen kann, zum anderen, weil die Brutalität des Hitler-Faschismus in der DDR unter Honecker bei weitem nicht erreicht wurde, auch wenn das System diktatorisch und der Spitzelwahnsinn ekelhaft war.
Ich habe aber volles Verständnis dafür, wenn Du meiner Philosophie nicht folgen magst. Du musst auch nicht mitlaufen bei der Demo.
Eben das ist Demokratie, auch die freie Wahl von Slogans und Mustern, etwa der Versuch, an das Muster und den Erfolg der Montagsdemonstrationen anzuknüpfen, etwa mit "offenem Mikrophon", friedlichem Protest und Umzügen. Die Beurteilung, ob man sich zu Recht auf ein Vorbild beruft, wird die anschließende Diskussion zeigen. Ein wenig bewegt haben die Montagsdemonstranten ja schon jetzt, denn die Rufe, die Reformen der SPD seien doch zu moderat, und die immer neuen Forderungen nach Schlechterstellung von Arbeitnehmern und Arbeitslosen sind fast verstummt. Da wird zum Teil heftig zurückgerudert.
Mein Problem mit der ganzen Sache: Ich halte die Versorgungsmentalität für gefährlich, nicht nur im Osten. Natürlich bin ich dafür, dass Leute in Problemlagen Hilfe bekommen, aber mich beängstigt, dass immer mehr sich in dieser Problemlage häuslich einrichten. Die Frage ist, welches probate Mittel sind, daran etwas zu ändern, die Leute zu reaktivieren, selbstbewusst zu machen, sie wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren.
Was jetzt passiert ist eine weitere Demoralisierung durch massive Schuldzuweisungen und das finde ich katastrophal. Dennoch halte ich es für äußerst wichtig, die Leute aus der Abhängigkiet von staatlichen Leistungen herauszuholen. Aber die Heuchelei, bei leergefegtem Arbeitsmarkt die unter Druck zu setzen, die dort ausgemustert werden, jeden Tag aufs Neue, das finde ich ekelhaft.
Der Mensch muss wieder ins Zentrum unserer wirtschaftlichen und politischen Überlegungen rücken, dazu gehört, dass jeder, der sich bemüht, eine Arbeitsstelle finden kann, die halbwegs vernünftig bezahlt ist, dass er sich eine Wohnung leisten kann, eine vernünftige Gesundheitsvorsorge, vielleicht mal eine Reise, Weiterbildung und ein Glas Bier in einer Kneipe seiner Wahl...
Viele Grüße
Mathias Bigge