Du hast wahrscheinlich noch nie mit ADSlern zusammengelebt oder ADS-Kinder begleitet. Denn dann würdest Du nicht so holzschnitzartig Medikamente verdammen und AD(H)Sler als vermeintlich "Normale" darstellen,
Und Du kennst diese Kinder wahrscheinlich nur seit sie ADS haben. Ich möchte meinen, dass das nicht die objektive Mitte, sondern die genaue Gegenseite meines Standpunktes ist.
Den Grund für ADS allein auf die Genetik zu schieben ist eine weitere bequeme Ausrede, die völlig außer Acht lässt, das es seit jeher gleichermaßen ruhige wie hibbelige Kinder gegeben hat. Dir mag so ein wissenschaftlich-reduzierter Schwachsinn genügen, mir ist das zu simpel gestrickt, die Schuld auf andere oder besser noch auf die unabänderbare Natur schiebend. Die Wege des Herrn sind unergründlich.
Es gibt ein nettes Sprichwort über Fachidioten: "Wer misst, misst Mist".
Entdeckergeist bringt jedes Kind mit, Geduld und Ausdauer muss man zum Großteil lernen. Vor der Glotze (und weiteren Segnungen der Technik) wird jedes bißchen Phantasie zunichte gemacht, selber entdecken und solange probieren, bis sich das Erfolgserlebnis einstellt, ist unnötig, die Aufregung wird im Sekundentakt automatisch geliefert, endlos, auf Knopfdruck.
Mich wundert es nicht, dass Kinder, die von klein auf an solche automatische Reizlieferung gewöhnt sind (geistig abgestumpft und unterentwickelt), keine fünf Minuten still sitzen können. Mich wundert es auch nicht, dass andere Kinder vor lauter Reizüberflutung zwischendurch völlig abschalten und vor sich hin träumen.
Vor kurzem laß ich in einer Zeitung, dass der Bewegungsfreiraum, den Eltern ihren Kindern ohne Bedenken freistellen, seit den Siebzigern von irgendwetwas zwischen 15 und 20 Kilometern auf vier zusammengeschrumpft sein soll. Passt irgendwie merklich zu der Autoschlange, die allmorgendlich die armen, hilflosen, schutzbedürftigen Kinderlein zur hiesigen Grundschule bringt und mittags wieder abholt.
Wie soll ein Kind sich ausleben, selbst entdecken, Erfahrungen machen, lernen, wenn es ständig unter Aufsicht steht und jede Bewegung nach Vorstellung der Erwachsenen vorgeschrieben bekommt?
Und da Du ja so wissend bist, hast Du sicher auch eine Erklärung dafür, dass ADS-Probleme in Schwellen- und Dritte-Welt-Ländern genauso wenig ein Thema sind wie hier noch vor einigen Jahrzehnten. So schnell mutieren unsere Gene nicht, dass diese "Krankheit" vor zehn, zwanzig Jahren aus dem Nichts entstehen und ihre Verbreitung dermaßen explodieren konnte.
Und komm mir nicht mit der besseren ärztlichen Versorgung. Man braucht keinen Arzt, um zu erkennen, wann einem das Gör auf die Nerven geht.
Also, lies einfach querbeet ein bischen drüber,
Du wirst Dich wundern: Das habe ich gerade getan. Leider habe ich mir mit http://www.ads-hyperaktivitaet.de/ADHS/adhs.html wohl die falsche Seite ausgesucht, denn entweder wird da ein völlig normales Kind beschrieben oder ich habe eindeutig ADS, genauso wie meine beiden Patenkinder und so ziemlich der gesamte restliche Nachwuchs meiner Verwandten und Bekannten. Eine meiner Großtanten wäre über diesen Text vor Lachen wahrscheinlich über den Jordan gegangen, wenn ihre sechs Kinder sie nicht schon vor einigen Jahren beerdigen hätten müssen, die gute Seele.
Das Kind, dass dieser Seite nach das Ideal wäre, kommt mir eher wie jene von Außerirdischen manipulierten aus einem Horrorklassiker vor: Immer ruhig, höflich und aufmerksam, immer ein aufgeräumtes Zimmer, jeder elterlicher Auftrag wird widerstandslos akzeptiert, absolut zielgerichtetes Handeln.
Dein tiefgehendes Betroffenheitsgedusel kann ich also leider auch weiterhin nicht teilen, denn das Queerbeetlesen hat eher das Gegenteil von dem bewirkt, was Du Dir wahrscheinlich erhofft hattest. Kinder sind kein Statussymbol, dass man sich wie eine Waschmaschine anschafft, bei Bedarf einschalten, programmieren und stolz herumzeigen kann und die restliche Zeit in den Keller stellt. Kinder bedeuten (auch) Arbeit, viel Arbeit, Ausdauer, Geduld, Nerven. Dass sich das nicht mit der modernen Familien- und Erziehungsphilosophie deckt, die manche an den Tag legen, ist kein Wunder. Genauso wenig wie besagter Hang dazu, die Schuld erstmal bei anderen zu suchen, liegt doch beidem ein ausgeprägter Selbstverwirklichungsdrang (Egoismus) zu Grunde.
Wenn Du Dein Wissen lieber weiterhin aus Bild, Spiegel oder anderen hohlraumfüllenden Medien beziehen willst, ist das in meinen Augen auch okay - stärkt es doch meine Vermutung, dass Du deinen Nick sehr sorgfältig und treffend gewählt hast.
Ein interessanter Punkt zum Erörtern: Wäre ich mit meinem geistigen Hohlraum in der Lage, eine sorgfältige Entscheidung zu treffen?
PS: Zur Klarstellung, ich bezweifle nicht, dass ADS-Kinder sehr schwierig sind. Ich bezweifle nur die Ursachen, die von "Betroffenen" vorgebracht werden.