Hi Chräcker,
ich kenne Deinen sehr konsequenten Standpunkt zu Fragen des Raubkopierens sehr gut, und Du hast viele Argumente auf Deiner Seite.
Aber selbst wenn ich eins der von Dir vermuteten Dinge heute tuen würde, wäre ich wenigstens immer bereit, es Diebstahl und nicht "Nötigung durch den Produzenten" zu nennen.
Ja, aber unter welchen Umständen wäre ein solches Verhalten illegal, aber akzeptabel? Ich will am Beispiel der Globalisierung verdeutlichen, was ich meine: Die Jugendlichen in China arbeiten mit der gleichen Software wie die amerikanischen Jugendlichen, tragen die gleiche Mode und hören die gleiche Musik, meist auf der Basis von Schwarzkopien und Fälschungen und das gilt für viele Länder der dritten Welt, in zunehmendem Maße auch für Filme und andere Produkte.
Ich bin bei der Beurteilung dieser Tatsache etwas verunsichert. Einerseits billige ich den armen Ländern, denen unsere Copyright- und Patentrechte durch internationalen Druck aufgezwungen werden, ein gewisses Recht auf Notwehr zu, denk etwa an die jüngste Verlängerung des Copyrights für Firmen in den USA auf 90 Jahre, was einer Enteignung der Mehrheit von Informationen gleichkommt, und durch nichts gerechtfertigt ist, außer durch die Interessen der wenigen Reichen. Noch krasser wird es, wenn sich Firmen menschliches Erbgut patentieren lassen, auf Pflanzen aus Dritte-Welt-Ländern usw. Also, ein Recht auf eine irgendwie geartete Notwehr sehe ich da schon.
Andererseits verhindert die Praxis des Schwarzkopierens natürlich auch die Entwicklung eigener Softwarekonzerne in den Dritte Welt Ländern und stellt den Wert jeder Investition in Software in diesen Ländern stark in Frage.
Um vor Ort von Punkt a nach b zu kommen, gibt es seltens Alternativen zu öffentlichen Verkehrsmitteln, und selbst hier sehe ich seltens Gründe für Schwarzfahren.... Bei teurer Software gibt es immer Alternativen.
So ganz stimmt es nicht im Softwarebereich, wenn man etwa Informatiker werden will, und sich Kenntnisse über die üblichen kommerziellen Standardprodukte verschaffen muss.
(natürlich sagt dies alles nicht über meine Haltung zu tcpa aus, da habe ich (noch) keine Ahnung von.... Danke übrigens für die Links!)
Ja, TCPA, die jetzt geltenden Normen werden in ihrer Tragweite erst richtig deutlich, wenn sie wirklich durchgesetzt würden. Hier werden die Machtverhältnisse plötzlich sichtbar, wenn etwa immer mehr Geräte so ausgestattet werden, dass sie ihre Besitzer kontrollieren, nicht der Besitzer die Geräte. Mir sind diese Entwicklungen unheimlich und obwohl ich in der Lage bin, viel Geld für kommerzielle Software auszugeben, und dies auch aus Angst vor Strafe tue, nicht aus innerer Überzeugung, komme ich hier an die Grenzen der legalen Strategie.
Bis heute läuft auf keinem Computer meiner Firma Windows XP, das sich m.E. in unzulässiger Weise an die Hardware bindet und zu nervigen Massnahmen und zu Kosten führt, wenn man die Rechner stetig umbaut, wie wir das tuen. In welche Abhängigkeiten geraten wir, wenn sich immer mehr Institutionen zwangsweise in den Geräten einnisten, die wir aufgrund der Uniformität und Monopolisierung unserer Welt zu kaufen genötigt sind? Es stört mich jetzt schon, welche ungeheure Macht die Fettärsche haben, die in zahlreichen Büros nicht nur unserer Republik damit beschäftigt sind, den produktiv tätigen Menschen das Leben schwer zu machen. Wenn man die nur lässt, dann meldet sich unser Fernseher demnächst selbständig bei der GEZ, Dein Handy meldet der Polizei Deinen Aufenthaltsort, Deine Kreditkarte legt diversen Stellen Deine Konsum- und Zahlungsgewohnheiten offen. National und international werden die Daten ausgewertet, die Du hier, in Mails und anderen Bereichen versendest.
Vielleicht ist das alles paranoid, aber die offene Wende der reichen Länder zur Machtpolitik lässt mich da Schlimmes ahnen. Die Verhältnisse entwickeln sich in Richtung auf eine völlige Entmachtung des Konsumenten, der wirtschaftlich schwachen Länder, der Leute mit wenig Geld.
Natürlich ist eine Musik-CD kein Lebensmittel, und doch haben die illegalen Kopierer, obwohl ich mich in der Szene nicht einmal auskenne, bei mir eine gewisse Sympathie, etwa wenn Schüler sich eine teure Software aneignen oder eine DVD oder CD kopieren. Nehmen wir nur die Entwicklung der letzten Jahre, wie sehr hat sich das Rechtsbewusstein verändert: Natürlich haben die Leute früher Musikkassetten und Videos getauscht, natürlich ist es eine Entwicklung gegen die Verbraucher, wenn Kopiervorgänge im Freundeskreis plötzlich kontrollierbar und überwacht werden, auch bei völlig legalen Kopien von Software oder CDs, die sich in meinem Besitz befinde, und die ich etwa auch auf dem PC oder unterwegs im Auto hören und aufgrund des starken Verschleißes dazu eine Sicherheitskopie verwenden will.
Ich sehe die Linien nicht mehr so einfach und klar wie früher, und Firmen wie Microsoft oder die amerikanische Kulturindustrie, die anscheinend unmittelbaren Einfluss auf die Machtpolitik und die Rechtssprechung haben, erzeugen m.E. zumindest in bestimmten Bereichen ein moralisches Vakuum, wo das Opfer zum Täter gemacht wird.
Nochmal ein blödes Beispiel, auch wenn es etwas neben der Reihe liegt: Neulich habe ich an meinem Auto direkt vor meinem Haus einen Strafzettel vorgefunden, obwohl weit und breit kein Verbotsschild zu sehen ist. Mein Rechtsanwalt klärte mich dann auf, dass inzwischen in verkehrsberuhigten Bereichen das Parken "außerhalb markierter Flächen" rechtswidrig sein könne. Nun gut, ein flottes Gesetz, die Kassen der Kommune sind leer, und in meiner Strasse hat man geschickt einige Ecken unmarkiert gelassen, und siehe da, es gehen jeden zweiten Tag einige unauffällige Mitarbeiter der Stadt durch die Straßen und ernten die arglosen Anwohner ab. Natürlich, so ist der Lauf der Welt, aber bin ich denn der einzige, den es stört, dass die Bürokraten so einfach das Recht haben, uns die Straßen in unseren Wohngebiet zu vermieten, jede Lebensregung zu reglementieren und abzukassieren, wo es eben geht? Wann kommt der mobile Atemluftmesser, die Steuer auf umsatzarmes City-Bummeln, die Gebühr für die Benutzung meines eigenen Computers?
Viele Grüße
Mathias Bigge