Sven Rautenberg: Euro-Symbol

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Moin!

Die Idee, "EUR" als Abkürzung in HTML auszuzeichnen und mit der "Langform" zu betiteln, mag zwar rein logisch korrekt sein, dürfte aber bei allen Beteiligten mehr Verwirrung stiften, als erklärend wirken.

Wieso, inwiefern? In grafischen Browsern wird höchstwahrscheinlich eine Unterstreichnung und ein Tooltip angeboten, was meiner Meinung nach zwar weniger notwendig ist, da die Bedeutung für Sehende einfacher aus dem Kontext erkennbar ist und die Großbuchstabenfolge »EUR« geläufig ist, aber daran sehe ich nichts Verwirrendes.

Ich sehe darin aber etwas störendes, wenn man ständig diese Tooltipps kriegt.

Aber dankenswerter Weise hat sich das W3C ja mit den WCAG ausführlich beschäftigt und fordert lediglich für das _erste_ Auftreten einer Abkürzung deren Auszeichnung mit <abbr>.

http://www.w3.org/TR/WCAG10-TECHS/#tech-expand-abbr

Und das erscheint mir sehr sinnvoll zu sein. Die Idee ist, dem Browser einmal einen Hinweis zu geben, wie die Abkürzung in der Langform heißt - gewünscht wäre, sie bei entsprechend konfigurierter Ausgabe dann automatisch auch überall sonst entsprechend verständlich zu machen.

Wem soll damit geholfen werden?

Beispielsweise Screenreader-Benutzer mit Sprach- oder Brailleausgabe.

Die mir bekannte Vorlesesoftware enthält Bibliotheken, in welchen unter anderem Abkürzungen gelistet sind, damit diese in der Langform ausgesprochen werden. Dies geschieht natürlich _auch_, weil die Seiten so schlecht ausgezeichnet sind, und verschiedene Doppelbelegungen führen immer wieder zu Verwirrungen.

Reale Seiten bilden immer einen Kompromiss zwischen den Anforderungen der Benutzer, denen der Entwickler und den Unzulänglichkeiten der wiedergebenden Software.

Denn dass es sich bei "EUR-Angaben" um Preise handelt, dürfte relativ schnell jedem gebildeten Menschen klar sein.

Es ist ein Anspruch von Barrierefreiheit (oder nenne es ein Teil von Benutzbarkeit, wie auch immer), solche augenscheinlich selbstverständlichen Voraussetzungen zu hinterfragen. Ich sehe hier keinen Grund, eine potenzielle Barriere einzubauen, welche weniger gebildete Menschen benachteiligt, während »Euro« beziehungsweise EUR mit abbr auch für diese Menschen verständlich ist.

Dann frage ich mich wirklich, welche Menschen das sein sollen, die "EUR" nicht verstehen, aber "Euro". Diese Menschen können ja in keinem Geschäft etwas kaufen, weil sie gar nicht wissen, was sie bezahlen müssen. Überall merkwürdige Schildchen mit dieser ominösen Abkürzung drauf, und niemand erzählt einem, was das heißt.

Zum Glück hat die Kassiererin bislang immer die Scheinchen mit dem Euro-Aufdruck akzeptiert...

Es geht ferner nicht nur um kennen oder nicht kennen, sondern um erkennen. Und dieses Erkennen ist einfacher möglich, wenn die Langform der Abkürzung beispielsweise beim Vorlesen ausgegeben wird. Abbr ist dazu das passende Element. Noch sicherer und kompatibler ist es, direkt »Euro« zu schreiben.

Was mir beim <abbr> wirklich fehlt, ist ein vernünftiges "das ist jetzt die Langform der ausgezeichneten Abkürzung"-Attribut. Mit "title" werde ich nicht wirklich glücklich. Das ist ein Universalattribut, welches mit beliebiger Bedeutung (welche, hängt sehr vom Autor ab) eingesetzt werden kann. Das W3C setzt hier "may" in der Erklärung ein, nicht "must" - also keine harte Verpflichtung.

Genau deshalb wird der Sinn, den eine Auszeichnung machen könnte, auch noch sehr lange auf sich warten lassen, weil die Software es nicht auf die Reihe kriegt.

Von daher sehe ich in diesem speziellen Beispiel wirklich nur, dass drei Zeichen gegen 29 Zeichen eingetauscht werden, die für die Mehrheit keinen wirklichen Mehrwert an Information bringt, stattdessen mit eher lachhaften Effekten ("aha, EUR heißt Euro - hätte ich ja nie gedacht") dank des Tooltipps amüsieren, und mangels Softwareausnutzung bei denen, die es vielleicht brauchen könnten, nicht ankommt. Mit anderen Worten: Eine Mehrheit muß leiden, damit eine Minderheit nicht glücklicher wird.

Ok, 90% dieser Kritik fällt dank der Anweisung des W3C flach, dass die Abkürzung nur einmal (beim ersten Mal) mit <abbr> auszuzeichnen ist. Das klingt vernünftig.

- Sven Rautenberg

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