Mathias Bigge: Wo ist die Crux?

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Hi molily,

Es passierte nichts, das »Gewachsene« kann daher meist nicht im Hinblick auf Zugänglichkeit umgebaut werden, sondern müsste von Grund auf konzeptionell erneuert werden. Freilich, das geht ins Geld. Doch das ist schlicht und ergreifend ein Versäumnis der Städte und Gemeinden, das sie jetzt nicht als Argument gegen gesetzliche Regelungen aus dem Hut zaubern können, die sich seit Jahren ankündigen.

Da ich häufiger mal was für Kommunen mache, kann ich mir einige zusätzliche Anmerkungen nicht verkneifen.
1. Selten sind die gesamten Internetseiten, die in einer Großstadt über das Portal zu erreichen sind, aus einem Guss. Erst langsam werden dort Dinge normiert und abgestimmt, was aber die Kosten immens in die Höhe treibt und oft das Aus für kleine Agenturen ist und für Mitarbieter, die in der Lage sind, schnell mal was ins Netz zu stellen.
2. Die Barrierefreiheit ist nicht das einzige Regularium, mit dem sich die Städte auseinandersertzen müssen, sondern sie werden mit zahlreichen unterschiedlichen Anforderungen konfrontiert.
3. Ausgangspunkt der Produktionsprozesse sind häufig nicht Internetseiten, sondern Druck- und andere Formate, die man nun auch auf einfachem Wege über das Netz zugänglich machen will.
4. Eine starke Vereinheitlichung erfordert Zentralisierung und die Einrichtung einer eigenen Internetredaktion. Das hat auch negative Aspekte.
5. Die Kommunen sind im Internet nicht allein tätig, häufig sind sie auch verknüpft mit anderen Diensten, deren regionale Grenzen und Vorgaben oft nicht mit denen der Kommunen übereinstimmen.
6. Das Internet hat für die Kommunen eine sehr vielfältige Funktion, die jeweilseigene Kompetenzen erfordern. Ich nenne mal ein paar Beispiele:

  • Amt für Statistik und Wahlen
  • Jugendamt
  • Bürgerdienste
  • lokale Ausgaben überregionaler Projekte, die jeweils auch Formate mitbringen
  • vielfältige Datenbankanbindungen mit komplexen rechtlichen Implikationen
  • städtische Kliniken
  • Stadtmarketing
  • Tourismusförderung
  • Pressedienste

Das ist nur eine kleine Auswahl, aber vielleicht wird vorstellbar, wie komplex das Gebilde ist, das da in Jahren gewachsen ist und sich stetig verändert. Schon bei den viel kleineren Unis sind ja solche Effekte zu sehen. Aber wenn Du den Instituten und Lehrstühlen nicht schlichtweg verbieten willst, etws ins Netz zu stellen, muss es Spielräume geben.

Ich halte die Berücksichtigung von Interessen Behinderter für richtig, aber beobachte trotzdem die extreme Verrechtlichung aller Lebensbereiche mit äußerster Skepsis...

Viele Grüße
Mathias Bigge