Hi Bernd,
einfach ein schöner Text! Es lebe das OT-Posting....
Eduard Mörike:
Septembermorgen
Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.
Dieses Gedicht habe ich in der Schule (Deutschunterricht) bekommen, mit den Fragen, wie es ihm gelingt, seine Wirkung auszuüben, und welchen Moment der Text beschreibt.
Ein paar allgemeine Tipps:
- das Gedicht enthält eine Binäropposition, die den Inhalt struktriert:
Nebel, Schleier, träumen, gedämpft
-vs.-
blauer Himmel, unverstellt, fällt, herbstkräftig, warmes Gold
Zunächst könntest Du diese Struktur auf die Form beziehen. Welche Teile dieses Gegensatzes werden durch die Reime verbunden, was geht daraus hervor?
Es gibt ein offensichtliches Thema, den Herbstmorgen im September, bevor die Sonne den Nebel durchbricht. Das Aufklaren, der Übergang vom Traum zur klaren Sicht auf die Realität, erscheint dabei als Vorausdeutung. Der Leser, dem diese hoffnungsvolle Vorhersage gemacht wird, wird direkt angesprochen. Zudem wird ein romantisches Herbstbild durch die Farben Blau und Gold heraufbeschworen, dicht und in wenigen Worten also eine komplexe Vorstellung angesprochen. Das Gedicht bleibt in der Schwebe, der Schleier fällt noch nicht, das "wenn", der Konditionalsatz, deutet die Öffnung der Sicht nur an, sie wird im Text nicht vollzogen, bleibt Hoffnung, Momentaufnahme.
Das Gedicht ist darüber hinaus offen für metaphorische Interpretationen: Die Frage ist also, was über die Gefühle angesichts der schönen Natur hinaus angesprochen sein könnte. Ein Thema könnte das Versprechen sein, dass hinter Nebelschleiern und Träumen die klare Sicht auf die goldene Natur wartet, auf etwas Positives also, etwas Optimistisches. Was sind Deine Herbstgedanken dazu? Die Lehrer sind heute dazu angehalten, stimmige Interpretationen zu akzeptieren, es gibt nicht die eine richtige Auflösung der Metaphern.
Es wäre also durchaus zulässig, den Text auf heutige Erfahrungen und Momente zu beziehen, wo es weniger der frühe Morgen sein wird, den Du in der Natur verbracht hast, der solche Erlebnisse vermittelt, vielleicht eher die Sekunde, in der die 747 auf dem Flug LH-1342 nach Mallorca die Wolkendecke durchbricht, genauer, der Moment kurz davor, Du müsstest das Ding vielleicht für einen Moment anhalten *g*
Dein Deutschlehrer hat sicher auch ein wenig nachgelesen, weiß etwas über die schwierige Situation, in der Möricke dieses Gedicht geschrieben hat, über seine Ängste und Hoffnungen, und kann daher biographische Bezüge herstellen.
Auch die eine oder andere Interpretation hat er vielleicht zur Kenntnis genommen.
Eine recht interessante Interpretation:
http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2001-04/gedichte6.htm
Was war denn Deine Interpretation?
Viele Grüße
Mathias Bigge