Hi Bernd,
... aber Herbst erzeugt in mir eher ein negatives Bild. Ist "Herbst" in der Lyrik eher positiv, oder negativ?
Du suchst nach einer eins zu eins Erklärung wie in den alten Traumbüchern, in denen "Scheiße" immer "Geld" bedeutet. Im richtigen Traum und in der Literatur gibt es solche festen Muster nicht, wenn auch typische Konventionen. "Herbst" konnotiert in vielen Gedichten und Texten ein bestimmtes Lebensalter, verweist auf den drohenden Winter usw. Aber es gibt auch viele Gedichte und Erfahrungen, in denen der Herbst spätsommerlich und warm daherkommt, im Möricke-Gedicht deuten das die Farben schon an. Ich denke etwa auch an Brechts "Erinnerung an die Marie A.", "im blauen Mond September" findet da das große Liebeserlebnis statt, ich weiß nicht, ob Du das kennst.
Das "wenn" hab ich nicht als kond. angeschaut, sondern zeitlich. Dh, der Schleier fällt sowieso, und wenn das geschehen ist, sieht man den Himmel unverstellt...
Es ist in dem Gedicht ewas wie ein Versprechen: Die Sonne wird den Nebel durchbrechen! Insofern hast Du Recht. Interessant ist, dass die deutsche Mischung zwischen temporaler und konditionaler Bedeutung beim Subjunktor "wenn" nur schwer in andere Sprachen zu übertragen ist, wo meist eigene Begriffe für die Bedeutungen vorhanden sind (etwa "if" und "when" im Englischen). Wäre also interessant zu sehen, was kompetente Übersetzer da wählen.
Jedenfalls hab ich mich bei dem Wort "gedämpft" verfangen und da einige Zeilen geschrieben, und behaupted, die Welt wäre dann nicht mehr gedämpft etc. Ziemliches Chaos halt.
Ja, das kann ich nachvollziehen. Bei vielen literarischen Texten hilft da eine klare Analyse der binären Struktur, so vorhanden. Die gedeckten Herbstfarben können sonst leicht den Nebel vernebeln *g*
Insgesamt schrieb ich einfach zu wenig (weniger als eine A4-Seite...) und hab es nicht geschafft, mich richtig auszudrücken.
Gedichtinterpretation hat etwas mit Erfahrung zu tun, man braucht ein Gefühl für Texte. Aber manchmal helfen auch Standardverfahren, einen Ansatz zu finden:
1. Wer könnte das sagen? Wer ist der Sprecher?
2. Gibt es eine Ordnung des Inhalts, etwa eine binäre Gegensatzstruktur, einen Spannungsbogen oder eine lokale Ordnung?
3. Gibt es Adjektive oder Symbole, die negativ oder positiv bewertet sind?
4. Gibt es einen Zusammenhang zwischen formalen Dingen (Grammatik, Rhythmus, Reimschema) und Inhalten?
5. Aus welcher Zeit/Epoche stammt der Text? Gibt Dir das Hinweise auf Zusammenhänge und Interpretationsmöglichkeiten?
6. Manchmal hilft auch einfach eine exakte Lektüre des Inhalts. Wenn man den Gedanken sehr genau nachgeht, ist man schon bei einer ersten Analyse angekommen.
7. Ein anderer Ansatz ist freie Assoziation: Was fällt Dir zum Thema Herbst ein? Empfindest Du die Farben Blau und Gold eher positiv oder negativ? Dann überlegst Du, ob diese Assoziationen zu dem Text passen. Was könnte die Farbe Gold im Zusammenhang mit dem Oberbegriff Herbst bedeuten? Die Farbe der Blätter vielleicht, die Sonne, das Blau des Himmels, es ist also ein schöner Tag, der da herauf zieht.
Nebel, die den Blick verstellen, Sonne, die Aufklärung und einen schönen Tag verspricht. Um Erkenntnis der Schönheiten der Realität geht es also auch.
Viele Schüler sehen Literatur nur auf Schulaufgabe, aber das Gedicht ist wirklich schön, so einen Herbsttag wünsche ich mir auch noch, warm und mit blauem Himmel. Vielleicht warst Du schonmal in den Bergen und hast solche Momente erlebt, wenn man beim Frühstück sitzt und kaum die Umgebung sehen kann und dann steigt langsam der Nebel auf, und plötzlich hast Du einen herrlichen Blick auf das Panorama. Na, hat er doch gut gemacht, der alte Möricke, das Gedicht, oder?
Viele Grüße
Mathias Bigge