Hi molily,
interessante Gedanken, deshalb ein paar kurze Anmerkungen:
wahre Identität
»Identität« ist ein Prozess, ein Name ein Identitätsmerkmal, der oktroyierte sogenannte bürgerlicher Name ist nicht durch diesen Prozess der Identitätsbildung beziehungsweise Selbsterfüllung/-entfaltung entstanden, die einzige Institution, welche Identität definiert, ist das Individuum selbst.
Der Begriff "Individuum" gehört schon zur Welt der Identitätsbestimmung von außen. Es ist ein Kern der traditionellen Erziehung, Individuen als Kernzelle der Gesellschaft zu formen, isolierte Identitäten, derer man habhaft werden kann, wenn sie Regeln verletzen, sich Normierungen widersetzen, querdenken. Unkontrollierbare Kommunikation macht Angst, denk etwa an den neuen Zwang zur Angabe einer "ladungsfähigen Adresse" im "Impressum". Vielleicht ist der entschiedenste Versuch zu leben, sich diesen zugeschriebenen Formen der Identität zu entziehen. Vielleicht sollte ich mal einen eigenen Disclaimer einrichten:
"Ich bin nicht der, für den Sie mich halten."
Stört euch die Anonymität in diesem Forum oder findet ihr das belebend?
Aufgrund welchen Erfahrungen kommst du zum Umkehrschluss, nämlich dass (Pseudo-)Realnamen Nähe und Vertrautheit erzeugen?
Nebenbei, die Realnamen der hiesigen üblichen Verdächtigen sind den meisten regelmäßigen Teilnehmern bekannt [...]
Der einzelne wird meist als Verdächtiger Individuum ;-)
[...] Daher ist es mir egal, ob sich die Person, die vor mir steht, sich mit dem richtigen Namen (der ja auch mehr oder weniger willkürlich von den Eltern festgelegt wurde) identifiziert oder ob sie ein Pseudonym verwendet.«
Warum versteckt man sich hinter Pseudonymen? Ist die Angst, sich zu identifizieren berechtigt? Welchen Kontrollmechanismen setzt man sich aus, wenn man sich identifiziert? Welche Wünsche und Ängste stecken hinter dem Ruf nach klarer Identität hier im Forum, warum werden solche Mechanismen bei den Forumsmachern immer wieder eingeklagt?
Identifizierbarkeit kann ein Gewinn sein, etwa wenn ich Postings auswähle, die ich lesen will, weil ich mir in der Masse des Nichtssagenden etwas Interessantes zu lesen erhoffe. Spiel mit den Identitäten kann aber ebenso erfrischend sein, etwa, wenn ich bemerke, dass sich jemand verändert, dass er noch Spielräume hat und nutzt, dass er sich bewegt.
Viele Grüße
Mathias Bigge