Hallo Matti,
[Mensch ungleich Tier, oder doch nicht?]
OkOK, ich denke, du weißt, was hier gemeint ist. Der Mensch (ein Tier) kann denken, deswegen ist er ein Mensch. Das Tier (auch ein Tier) ist dazu nicht in der Lage, deswegen ist er kein Mensch.
Natürlich kann ein Tier auch denken, dazu ist das Gehirn schließlich da. Nicht erlernter Gebrauch von "Werkzeugen" kann imho nicht mit Instinkt erklärt werden, erfordert also geplantes Handel, und somit auch das "Denken". Imho sollte man da schon einigermaßen präzise bleiben.
[wer glaubt verliert das was ihn vom Tier unterscheidet != Glaube unterscheidet Mensch vom Tier, da auch Tiere "Verstand" besitzen]
Klar, Affen können Werkzeuge gebrauchen, sie ggf. "herstellen" (Zweige abbrechen u.ä.). Aber sie sind nicht in der Lage, eine "menschliche" Vernunft anzunehmen, "aufgeklärt" zu denken. Sie sind triebgesteuert, wie der Mensch teilweise auch.
Diese Trennung zwischen triebgesteuertem Tier und vernunftbegabtem Mensch stammt noch aus dem letzten Jahrtausen ;) *scnr*.
Der Mensch hat sicherlich einen Level von "Intelligenz" erreicht, der ihn vermutlich deutlich vom übrigen Tierreich abgrenzt. Nur wie weit ist die Forschung auf dem Gebiet der tierischen Intelligenz? Imho steckt diese noch in den Kinderschuhen. Zum Einen weil es schlecht finanziert wird (welcher Drittmittelgeber könnte daraus einen Nutzen ziehen), da es sich mehr um "Grundlagenforschung" handelt, und zum Anderen _glauben_ auch heute noch Menschen an die Schöpfungsgeschichte anstatt der Evolutionslehre zu folgen ;-) Bis also Erkenntnisse aus der Anthropologie bzw. Ethologie (Verhaltensforschung) in den Lehrplan der Schulen eingehen, und so im Kopf der normalen Bevölkerung verankert werden, fließt noch viel Wein die Kehle hinunter :-) (Ich durfte noch die Konrad Lorenz`schen Erkenntnisse lernen, die von modernere Verhaltensforschung zum Teil schon widerlegt wurden).
Ich bin Anhänger des "aufgeklärten Denkens" von Kant, und ich sehe mich nicht, um das vorneweg zu nehmen, als Übermensch, der alles perfekt kann, sondern ich (hoffe ich) befinde mich auf dem Weg dorthin.
Und aufgeklärt Denken heißt bei mir, meinen Verstand in jeder Situation zu gebrauchen, und mich nicht auf Instinkte, Emotionen usw. zu berufen. Diese können "mich" (meinen Verstand) trüben. Ich will gleichzeitig nicht auf Emotionen verzichten, nur ich will sie unter Kontrolle halten, ! Ich (mein Verstand) will vollständige Kontrolle über mich selbst!.
Dazu sind Affen und andere Tiere nicht in der Lage, und der Mensch (biologisch auch ein Tier, danke für den Hinweis) kann das, deswegen ist er ein Mensch.
Bist Du Dir sicher, daß Du hier nicht der Ersatzreligion des "aufgeklärten Denkens" folgst. Du _glaubst_ an das was Kant erzählt, und bist Dir vermutlich sogar sicher, daß dies der Weisheit letzter Schluß ist. Wo ist da der Unterschied zu einer Religion, außer daß die Kant`schen Theorien vielleicht (vielleicht auch nur für Dich) plausibler klingen?
[der einsichtige Mensch sieht sogar Dinge ein, die er nicht sehen, sondern die er nur glauben kann] [Beispiel: Tintenfisch (Kopffüßer) holt sich Beute über den erkannten Umweg aufgrund der Leistung seines "Verstandes"]
Wir Menschen aber können an etwas glauben, was man afaik noch bei keinem Tier nachgewiesen hat.
Das sind aber keine Verstandesleistungen in dem Sinne, das da Verstand gebraucht wurde, sondern wieder Instinkte und Erfahrung. Ich wiederhole, ein Tier kann keine Kontrolle über sich ausüben, da ist das Freudsche "Über-Ich" viel zu stark ausgeprägt, wie bei Kindern.
Nur wo zieht man die Grenze zwischen Verstand, Erfahrung und Instinkt? (Bitte nicht verhauen ;) es ist mir schon klar, was Verstand Erfahrung und Instinkt sein soll bzw. ist) Bist Du Dir sicher, daß die Grenze zwischen Mensch und übrigen Tieren verläuft, oder sind kleine Kinder wegen ihres ausgeprägten "Über-Ichs" (ich zitiere Dich) keine bzw. noch kein Menschen?
Glauben ist insoweit ein Akt des Denkens, das er bei Tieren nicht vorhanden ist. Man muss sich aber trotzdem darüber im Klaren sein, das der Glauben ein Trugbild der Wirklichkeit wiedergibt, und deswegen auch nicht zum Überleben gerade super geeignet ist. Glauben ist in der Aufklärung (und wir leben in einem aufgeklärten Zeitalter) ein Schritt in die falsche Richtung. Warum an etwas falsches Denken (= Glauben, Glauben gleich Vermutung des Wissens bzw. Wissen der Vermutung) wenn wir schon mit rationalem Denken genug Probleme haben?
Wir glauben imho den größten Teil unseres Lebens an etwas, das wir nicht wissen. Ist das alles falsch? Wir müssen glauben, sonst funktioniert unser Leben nicht. Unser Wissen basiert darauf, daß wir unseren Lehrern (nicht nur die Hauptberuflichen) glauben. Erst der Forscher (auch der Nichtprofessionelle) fängt an das gelernte Wissen zu hinterfragen, oder auf dieser Basis zu erweitern. Früher wussten die Leute auch, daß die Erde eine Scheibe ist, und die Sonne sich um die Erde dreht *scnr*.
Nur wenn ich um die Vermutung des Wissens weis, kann ich dieses auch hinterfragen, bzw. das falsche Wissen ändern, falls ich zu präziseren Erkenntnissen kommen sollte. Wenn ich nicht weis, daß ich nur glaube zu wissen, werde ich diesen Glauben nicht als Glauben erkennen, sondern als Wissen hinnehmen. Dann ist es aber für mich kein Glauben mehr *mich(sic!)wirdschwindelig*
Und niemand kann mir erklären, dass der Glaube rational ist. Das ist einfach nicht so.
Das hat afair auch noch niemand behauptet. Aber Glauben (auch religiöser Glauben) gehört imho zu unserer Menschwerdung dazu wie der Geschlechtsakt zur Fortpflanzung (Da die Fortpflanzung nun aber auch ohne Geschlechtsakt funktioniert, brauchen wir wohl auch keinen Glauben mehr ;-) Sowohl Geschichte als auch Archäologie geben mir da hoffentlich recht :-)
Die Arroganz der "Aufklärung" (wie Du sie verstehst) besteht imho darin, dies zu leugnen. Oder sind die Naturvölker am Amazonas bzw. die Menschen der Steinzeit keine Menschen, nur weil sie nicht so aufgeklärt sind/waren wie wir von uns gerne behaupten, und deshalb an Götter oder eine Übermacht glaub(t)en? Was ist mit Deiner Nachbarin, die jeden Sonntag morgen in die Kirche geht? Ist sie deswegen ein "unaufgeklärter" Unmensch (Un- im Sinne von Gegenteil, nur der Rhetorik wegen ;)
Menschen versuchen nun mal für das was sie nicht verstehen eine Erklärung zu finden. Ob diese Erklärung nun die Forschung oder die Religion liefert ist dabei imho unerheblich. Früher kamen diese Erklärungen mehr von der Religion, heute mehr von der Wissenschaft. Trotzdem soll es auch durchaus religiöse Wissenschaftler geben.
[Fanatismus + Verblendung = Gefährlich! aber kein religiöses Phänomen]
Ja, aber hier sieht man, was der Glaube anrichten kann. Du siehst oben, dass sich meine "Ablehnung" nicht nur auf den Glauben bezieht, sondern auch auf andere irrationale Emotionen (s.o.). Z.B. Liebeskrank, krank von der Liebe, Sucht nach Liebe kann man objektiv gesehen doch wohl kaum als gesund bezeichnen. Gleichzeitig muss man den Spagat schaffen dazu, denn von der Liebe hängt zB das fortbestehen der Menschheit (der "Rasse", nicht falsch verstehen) ab.
Stellvertretend für den Glauben können hier auch Emotionen oder ähnliches stehen.
Ich würde Liebeskrank wohl nicht mit Sucht nach Liebe gleichsetzen. Sucht ist imho generell nicht wünschenswert. Krank vor Liebe ist sicherlich ein starkes körperliches Gefühl, das aber hoffentlich jede(r) irgendwann mal erlebt, sonst hat er/sie imho nie gelebt.
Natürlich können starke Emotionen auch krankmachende körperliche Auswirkungen haben (wie Emotionen imho immer eine Körperreaktion hervorrufen) so wie es auch die Psyche eines Menschen kann (Psychosomatik).
BTW: Der Fortbestand der Menschheit hängt seit Ende des letzten Jahrtausends nicht mehr von der Liebe ab (s.o.) sondern imho von der Vernichtung unseres eigenen Lebensraums (was der ungläubige (!= aufgeklärt) ErsteWelt-Mensch doch so alles kann, im Gegensatz zu den "Gläubigen" Amazonasindianern).
Um kurz zu Rekapitulieren, damit nicht alle alles lesen müssen:
- Glaube ist irrational, genauso wie Emotionen, Instinkte oder Triebe
Aus der Sicht eines einzelnen Menschen vielleicht schon, aber aus der Sicht der Menschheit bzw. Natur: Nein!
- Der Mensch als aufgeklärtes Wesen ist rational, da er in der Lage ist, seinen Verstand vollständig zu nutzen.
Er hat Kontrolle über sich selbst.
"Aufklärung" hängt imho vom Stand des Wissens ab. Verstand im Sinne von Selbstkontrolle hängt davon ab, welche bekannten "Triebe" kontrolliert werden müssen. Dies wiederum sagt uns die Moralvorstellung der Gesellschaft, bzw. auch unsere Emotionen und "Instinkte" selbst (Männer töten z.B. nicht ihre Stiefkinder, wie es bei Löwens durchaus üblich ist). Das geht zum Teil ganz von alleine und ist auch gut so.
- Die "Aufgabe" des Menschen ist es nun, den Spagat zu schaffen zwischen Emotionen und Glauben und auf der anderen Seite der Rationalität (dem Verstand, das Ich). Der Verstand muss die Kontrolle haben.
Der Verstand kann nur nicht immer die Kontrolle haben, weil er einfach zu langsam ist! Hätten sich unsere Vorfahren immer auf den Verstand verlassen, bzw. ihn alle Emotionen und Instinkte kontrollieren lassen, könnten wir zwei uns hier nicht unterhalten, weil die Menschheit von Prädatoren ausgerottet worden wäre. Es bleibt also bei einem Spagat.
Das ist für mich Aufklärung, darauf läuft es hinaus. (Und man bedenke, vollständige Aufklärung bedeutet nur Punkt 1&2, Punkt 3 geht bereits darüber hinaus.
Woher weis der Verstand, welche Emotionen/Triebe/Instinkte er kontrollieren muss, und welchen er vertrauen kann? Bestimmen das die Aufklärer, der Dorfgeistliche oder gar der Gesetzgeber? Und wo ist da der Unterschied? Glaube ich nun dem was der Aufklärer erzählt, vielleicht doch lieber dem Dorfgeistlichen oder halte ich mich lieber an Gesetze? Vor allem aber, wer entscheidet, was der richtige Weg ist? Imho vermutlich doch eher der Glaube, woran auch immer.
Ich denke, das ist gleichzeitig die Antwort auf Cyx23: Ich sehe mich nicht als Übermensch, ich bin nicht anders als ihr auch. Nur ich versuche sehr stark Punkt 2 zu beachten.
Der Übermensch ist bis in seine Grundfestungen rational.
Deswegen gibt es ihn nicht, und ist eine Überfigur, an die man nur glauben kann! Und schon sind wir wieder bei der Religion ;-)
[...]
Ich selber habe lange daran gezweifelt, ob so etwas "normales" wie der Glauben wirklich so schlimm sein kann.
Ich zeichne hier inzwischen ein Ideales Menschenbild, das in der Realität sicherlich nicht zutrifft und wahrscheinlich nie zutreffen wird. Doch so sollte es sein.
Und Du darfst auch gerne weiterhin an das von Dir gezeichnete Menschenbild glauben. Das kann Dir keiner nehmen. :-)
Gruß Alex
P.S.: Ich hoffe es ist klar geworden, daß die allermeisten Menschen an irgendetwas (mit mehr oder weniger religiösem Eifer) glauben, und sei es daran, daß man nichts glauben sollte ;)