Hi Meische,
ob man den Beitritt der Türkei für richtig oder für falsch hält, ist eine politische Frage, keine religiöse oder völkische. Natürlich: das Tempo der Globalisierung hat Folgen, wie man sieht, vor allem im ökonomischen Bereich. Das kann durchaus für eine Tempobremse sprechen. Billige Schlagworte wie das vom "Ende Europas" bringen da gar nichts. Das neue Europa hat ja gerade erst begonnen, einen Platz in der Geschichte einzunehmen.
Natürlich bewegt sich auch jetzt schon kulturell etwas zwischen den Ländern, etwa in Form von Wissenstransfers, Kochrezepten, Musik usw. Dabei fällt auf, dass die Anziehungskraft Deutschlands vor allem für Menschen groß ist, die aus Schwellenländern kommen. Es kommen mehr Studenten aus der Türkei, aus China, aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und aus Polen nach Deutschland als aus Frankreich oder England. Vielleicht zukünftige Partner?
Anders gesagt: Die enge politische und ökonomische Verbindung zwischen Deutschland, Frankreich und anderen Nachbarländern ist von den Menschen noch längst nicht mit Inhalten gefüllt. Das kulturelle Europa als Gegenbild zu Ländern an der Peripherie ist also erstmal sehr abstrakt.
Für die deutsche Wirtschaft sind internationale Verbindungen von zentraler Bedeutung, kulturelle Brücken ungeheuer wichtig für unsere Zukunft. Dennoch werden sie nur unzureichend gefördert.
Kann die Türkei Teil eines demokratischen Europa sein?
Die Verbindungen zwischen Deutschland und der Türkei haben eine lange Tradition und trotz verschiedener Reibungsflächen hat man historisch immer wieder an einem Strang gezogen.
Auch wenn man das heute nicht sehen mag, gibt es viele Verknüpfungen zwischen der Türkei und Europa. Der bedeutendste Schriftsteller der heutigen Türkei, Orhan Pamuk, hat das in seinem Buch "Yeni Hayat", das neue Leben, in einer von Umberto Ecco beeinflussten Eulenspiegelei auf spannende Weise vorgeführt. Man muss allerdings etwas von europäischer Kultur, besonders von der italienischen und deutschen, verstehen, wenn man wirklich erfassen will, worum es da geht, daran mangelt es aber vielen Türkei-Warnern ganz entschieden, die sind mehr durch irrationale Ängste angetrieben. Aber auch so ist es ein spannendes Buch.
Ein Schriftsteller aus der Türkei, den ich sehr mag, ist Orhan Veli. Kostproben aus den 40er Jahren:
Fürs Vaterland
Was haben wir nicht alles für dieses Vaterland getan!
Manche von uns sind gestorben;
Manche haben Reden gehalten.
Gedicht über die Schwangerschaft der Katze Erol Güneys
Gehst du an einem Frühlingstag aus,
Siehst du, dann wirst du eben so,
So wie du daliegst,
Denkst und denkst
und daliegst.
Illusion
Dann wäre ich frei von einer alten Liebe.
Alle Frauen wären schön.
Mein Hemd wäre neu.
Ich frisch gebadet
Und rasiert.
Der Frieden wäre gekommen.
Der Frühling wäre gekommen.
Die Sonne auf- und ich ausgegangen
Die Menschen wären zufrieden
Und ich auch.
Vielleicht ist es ja doch nur ein Vorurteil, dass die Türken nichts zu bieten hätten als Kopftuch und Döner ;-)
Viele Grüße
Mathias Bigge