molily: Frage zur Umsetzung

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Hallo,

Ich glaube, dir geht es um einen speziellen Punkt, in dem wir im Grunde einer Meinung sind.

Was die Praxisferne angeht:
Es ist Praxis, daß unseriöse Firmen mit der Erfüllung der Barrierefreiheit werben und dann einen Scheissdreck abliefern. Diese Firmen und im wesentlichen nur diese Firmen wollen aus einem Grund das Wort Barrierefreiheit im Vertrag haben: Es ist juristisch nicht greifbar.
Wenn man bei diesen Firmen plötzlich aber BITV Prio 2 im Vertrag stehen haben will, dann schnellt der Preis plötzlich aufs dreifache.

Ich finde es wie gesagt begrüßenswert, wenn man sich auf solche feste Kriterien einigt. Was ich kritisiert habe, ist der Pawlowsche Reflex, der jedem sofort unterstellt, er habe eine absolute Vorstellung von Barrierefreiheit und führe alle in die Irre, indem er von barrierefreien Webseiten redet.

Die Praxis ist nicht, daß Leute aufrgund von Sprachverwirrung das Wort falsch nutzen, sondern aus marktwirtschaftlichen Gründen.

Die Gefahr sehe ich durchaus ebenfalls.

Im Unterschied zu dem Begriff "Freiheit" ist "Barrierefreiheit" eine Sache, die zum einen für einige SItes vom Gesetzgeber in Zusammenhang mit einigen festen Definitionen gefordert ist, zum anderen ein Verkaufsargument, mit dem richtig gut Geld verdient wird.
"Freiheit" dagegen ist ein Ideal. Aber keine Firma der Welt wird auftreten und dir dieses verkaufen.

Nein, Barrierefreiheit ist zunächst einmal auch ein Ideal. Keine Firma der Welt wird mir, selbst wenn sie es behauptet, eine tatsächlich barrierefreie Seite verkaufen können, sondern nur eine Seite, die gemäß einer bestimmten Definition barrierefrei ist. Und ja, nur mit festen Definitionen kann und sollte eine seriöse Firma arbeiten, sonst ist die Aussage »wir erstellen barrierefreie Webseiten« nullwertig und reines Wortgeklingel.

Ein Vergleich wäre eher dieser:
Firma X und Firma Y verkaufen beide Autos.
Aber Firma X behauptet in der Werbung: "Unsere Autos sind garantiert unfallfrei".
Was soll deiner Meinung nun die Firma Y in der Werbung sagen?
Soll sie den Humbug mitmachen?

Habe ich gesagt, dass man Unwahrheiten behaupten soll? »Unfallfrei« ist ebenso ein schlechtes Beispiel, denn selbst unabhängige Gutachter können einen Gebrauchwagen von oben bis unten durchleuchten, aber niemals eine solche Aussage machen. Sie können nur bescheinigen, dass keinerlei Unfallspuren zu erkennen sind bzw. dass Teile fachkundig erneuert wurden. Wenn Firma Y dann mit »garantiert unfallfrei gemäß unabhängigem Gutachten« wirbt, kann man sich zwar noch über »unfallfrei« streiten, eine listige Täuschung, Irreführung und Lüge liegt aber nicht vor. »Barrierefreiheit gemäß BITV« usw. finde ich daher nicht verwerflich.

Was nun die Bezeichnung von barrierefreien Seiten gegenüber Kunden angeht: Als was soll man Barrierefreiheit verkaufen? Welcher Begriff ist unanfechtbar, welcher Begriff bezeichnet alle notwendigen und möglichen Leistungen des Webdesigners, die mit dieser Thematik zu tun haben? Muss der Begriff allein dem Kunden vermitteln, dass die Seite nur nach den Möglichkeiten und dem Wissen des Webdesigners zugänglich ist? Wenn die Seite letztlich nicht barrierefrei ist, was ist sie? »Barrierearm«? Aber was heißt das, inwiefern ist das eine genauere Aussage als »barrierefrei«?

Du redest dich hier gut ins Zeug, sagst aber letzlich doch nichts.

Schade, ich dachte, du hättest Antworten für mich.

Stattedessen »unter den-und-den Voraussetzungen angenehm benutzbar« oder »es wurden Vorkehrungen getroffen, um den-und-den Benutzern die einfache Bedienung und Lesbarkeit zu gewährleisten«? Was und wie darf der Webdesigner dem Kunden Zugänglichkeit versprechen? Woher weißt du, ob die Beratung so schlecht war, dass der Kunde glaubt, seine Seite sei nun perfekt zugänglich?

Wenn die Seite absolut behauptet, sie "*IST*" Barrierefrei und erfüllt dabei nichteinmal die BITV Prio1, dann kann man sicher davon ausgehen, daß die Agentur dahinter entweder nur abgezockt hat und keine Beratung gemacht hat, oder aber daß der Kunde nicht genug zahlen konnte/wollte und die Agentur sich dem Kundenwunsch gebeugt hat.

Freilich, das bezweifle ich nicht. Ich habe damit deiner Aussage widersprochen, dass die Experten der WAI-Liste ihre Kunden hinters Licht führen und ihnen »barrierefreie« Seiten verkaufen, ohne sich gleichzeitig an normativen Definitionen zu orientieren.

Was man absolut sicher verkaufen und anchweisen kann ist die Bezugnahme auf die BITV-Richtlinien. So fordere ich von seriösen Dienstleistern vertraglich auch nicht einfach "Barrierefreiheit", denn das wäre wirklich blöd. Stattdessen gehört dann im Vertrag rein: "Erfüllung der BITV Priorität II".

Da sind wir einer Meinung. Meine Aussage war, dass deshalb noch längst nicht der Begriff »Barrierefreiheit« von jeglichen Agenturwebseiten verschwinden muss, nur weil er an sich ohne weitere Erklärungen und Bezugnahme auf normative Definitionen sinnleer ist.

Mir würden höchstens Standards, Richtlinien und Zertifikate einfallen, die normativ festlegen, was Barrierefreiheit oder Barrierearmut oder Zugänglichkeit oder wie-auch-immer-man-es-nennen-will bedeutet. Aber selbst eine Seite mit WCAG-AAA-Konformität kann bekanntlich schwerwiegende Barrieren aufweisen. Ich sehe da keinen Ausweg und die gängige Sprachkritik bringt keine stimmigen Alternativen hervor.

Will doie Sprachkritik  das?

Ja, die immer wieder aufkommende Kritik am Begriff »Barrierefreiheit« zumindest will das (womit ich nicht deine hier geäußerte meine, sofern ich dich diesmal richtig verstehe). Sie versucht zwar nicht direkt das von dir genannte Problem zu lösen, aber doch generell ein Wort zu finden, mit dem man gar nicht irreführende Werbung und keine nicht einlösbaren Versprechungen machen könnte, weil das Wort selbst schon sagt, dass es die perfekt zugängliche Seite nicht gibt, sondern nur eine Annäherung. Natürlich löst ein neuer Begriff nicht das Problem, dass eine Agentur offenlegen muss, was der Kunde an hart überprüfbaren Features bekommt, wenn er eine »barrierereduzierte« o.ä. Seite in Auftrag gibt.

Ich bleibe bei der Sprachkritik und sehe sie berechtigt und wichtig aus einem Grund:
Viele unseriöse Firmen nutzen das Wort und das Verprechen der hundertprozentigen Barrierefreiheit.
Durch diesen Wortgebrauch werden seriösere und verantwortungsvolle Firmen, die bessere Qualität liefern, absichtlich unterboten.

Alles unwidersprochen. Ich sträube mich nur dagegen, deshalb außerhalb des Marketings bei Fachdiskussionen aufzuhören, von barrierefreien Webseiten zu reden, ohne jederzeit ein »gemäß der-und-der Richtlinie« anzuhängen. Daher fand ich deine Kritik an der WAI-Liste  nicht gerechtfertigt. Natürlich muss gegenüber Kunden immer transparent gemacht werden, was unter dem Begriff zu verstehen ist, warum diese und jene Maßnahme den Abbau von Barrieren bedeutet usw.

Solange also Firmen herangehen und behaupten sie liefern etwas und drängen andere Firmen durch diesen Wortgebrauch raus, solange muss man auch dieses Wort genau nehmen.

Das ist eine guter Ansatz, »das Wort genau nehmen«.

Aber genausowenig ändere ich meine Haltung zu Leuten und Websites,
die eine Absolutaussage zu etwas geben, was nicht absolut bestimmbar ist.

Ich denke, ich habe herausgestellt, dass ich ebenfalls nicht von absoluten Aussagen halte und dahinter hehren »barrierefrei«-Versprechungen eine nachprüfbare Bedeutung sehen will.

Mathias