Kess: Die Macht der Worte

Liebe Forumer,

ganz persoenliche Erlebnisse der letzten Zeit haben mcih mehrfach zum Gruebeln gebracht. Eines der Themen, die mich bewegt haben, habe ich "Die Macht der Worte" genannt. Einige lose Gedanken dazu moechte ich Euch hier in den Raum stellen, in gespannter Erwartung auf die Reaktionen:

"Worte sind Schall und Rauch" sagt der Volksmund und meint damit, dass das gesprochene Wort nicht beweiskraeftig ist. Betrachtet man diesen Satz jedoch aus der Sicht der Wirkungskraft von Worten, ergibt sich ein seltsames Bild. Worte koennen durchaus beim Empfaenger verpuffen, wie Rauch sich im Winde verteilt. Worte werden aber weder zu diesem Zweck gesprochen, noch geschrieben. Sie sollen ankommen, gehoert werden, gelesen werden. Sie sollen etwas bewegen.
Tun sie das auch?
Worte koennen so leicht sein wie ein Windhauch, gedankenlos auf den Weg gebracht werden und eben so beilaeufig auch empfangen werden. Auf Worte koennen aber auch weitreichende Reaktionen erfolgen. Wegen Worten sind schon Kriege entbrannt. Das Wort hat ein großes Wirkungsspektrum. Das Wort hat Macht.
Worte koennen erklaeren, behaupten, unterstellen, mutmassen, definieren, veranschaulichen, verleumden. Worte koennen troesten, erfreuen, Trauer bewirken, Laecheln erzeugen, Zorn, Wut oder Hass anstacheln. Worte so sanft wie eine Feder im Wind, so scharf wie eine Klinge, so bitter wie Chinin und so betoerend wie Parfuem. Worte koennen eine Liebeserklärung sein oder auch das Herz zerbrechen. Worte haben Folgen.

Nicht alle Worte sind gleich, nicht alle Worte bewirken etwas. Manche Worte benoetigen eine Stimme, die ihnen die richtige Betonung gibt. Andere Worte leben alleine vom Kontext. Geschriebene wie gesprochene Worte besitzen aber beide Gewicht. Oftmals viel mehr Gewicht, als wir erahnen. Sie lassen Saiten und uns erklingen, die wir vielleicht schon lange nicht mehr gehoert haben.
Ein Meister der Worte wird mit den Saiten der Menschen, den Emotionen, spielen koennen wie ein Virtuose. Er zieht seine Zuhoerer und Leser in den Bann, laesst seine Worte sich entfalten und sie den Empfaenger weiter tragen, wohin er fuehren moechte. Worte sind ein gefaehrliches Instrument. Worte sind das erste und oft auch das letzte Mittel auf dem Weg zum Ziel. Nicht jedes Wort wird dort hinfuehren, nur das der Situation angemessene Wort. Die richtigen Worte zu finden und zu formulieren, ist eine hohe Kunst.

Wenige nur sind Meister dieser Kunst. Auch ich bin es nicht. Und doch lasse ich mich von meinem Meister gerne fuehren zu einem gemeinsamen Ziel. Allein durch die Macht der Worte ...

Wer damit nichts anfangen kann, den moechte ich fragen: Welche Macht besitzt fuer dich ein Wort?

Viele Gruesse
  Kess

  1. Hallo Kess,
    ich halte es mit John Wayne:
    Ein Mann, ein Wort.

    Leider habe ich die Erfahrung machen müssen, dass Worte tatsächlich nur Schall und Rauch sind und das man sich alles schriftlich geben sollte. Von jedem Schnitzel Papier, welches ich unterschreibe, verlange ich eine Kopie. Bin schon oft deswegen blöd angeguckt worden.

    Leider leben uns das die Politiker vor.

    Und je grösser die Namen, desto mehr Schall und Rauch.

    Frei nach Simmel aus "Es muss nicht immer Kaviar sein"

    Ich habe immer den Grossen, Mächtigen, Ordensträgern und Nationalhymnen misstraut....<<

    Da bleibe ich bei John Wayne: Ein Mann, ein Wort.
    Über meine persönliche Einstellung können andere ein Zeugnis ablegen. Unter anderem auch _der_ Intimfeind aller *Gutmenschen*.

    Danke für den Thread, war mal nötig.
    Hunold

  2. Liebe Kess

    erst mal: danke!  
    (fuer alles, was bis zu diesem Posting gefuehrt hat, und fuer das, was da noch kommen mag ;-)

    "Beantworten" kann man dein Posting eigentlich nicht, weil es einfach Gedanken sind, die man so stehen lassen muss wie sie sind. Ich versuche deshalb lieber, noch ein paar lose Aphorismen rund um "Worte", "Reden" und "Sprache" hinzuzufuegen. Denn "assoziativ" zu antworten, erscheint mir hier am sinnvollsten - diskutieren koennen wir schliesslich den ganzen Tag ;-)

    Wer zu allem ja sagt, hat nicht gedacht, wer zu allem nein sagt, hat nicht zuende gedacht, und wer weder ja noch nein sagt, aber ja und nein kennt, hat die besten Chancen, etwas Bleibendes zu sagen.

    Reden koennen heisst, Worte ganz selbstverstaendlich zu gebrauchen trotz des Bewusstseins, sie und gerade sie zu gebrauchen.

    Gestritten wird niemals um Begriffe und Gedanken, sondern stets um Worte und Ueberzeugungen. Gestritten wird niemals um das Verstandene, sondern stets um das Missverstandene, niemals um die Wahrheit, sondern stets um Halbwahrheiten.

    Statt Naehe zum Nichts in schweigender Stille nur lautstarkes Geschwaetz, statt Esprit, sei er zynisch oder koestlich, nur blutleere Dummheit, stumpf und dumpf, statt Worte nur Phrasen, die keine Begriffe mehr tragen. Was dann bleibt, sind Sehnsucht, Wut und Sprachlosigkeit.

    Wenn es einen bewiesenen metaphysischen Satz gaebe, wuerde er
    auswendig gelernt werden von allen Schuelern und erlauutert werden
    von vielen Gelehrten, und keiner wuerde sich weiter drum scheren. Er waere bedeutungslos.

    Die meisten Menschen gehorchen dem, was sie hoeren wollen, statt
    die Anstrengung zu unternehmen, auf das zu horchen, was vor sich
    geht.

    Da bemueht man sich ein ganzes Leben lang, die Wirklichkeit mit
    Unterscheidungen zu bewaeltigen, und dann kommt die Wirklichkeit
    jedesmal daher und stellt alles wieder auf den Kopf. Die
    Wirklichkeit ist der stetige Widerstand, an dem sich der
    Eifer bricht, der andernfalls ein immer hochmuetigeres Gebaeude
    von Unterscheidungen errichten wuerde.

    Was ist jenseits von plattem Denken und duseligem Gefuehl? Es auf
    einen Namen, einen Nenner zu bringen waere ein Akt platten
    Denkens; davon zu schwaermen, darin zu schwelgen waere ein Akt
    duseligen Gefuehls. Ist Fragen danach also sinnlos? Es gibt eine
    Klarheit jenseits gefangenen Denkens und geputschten Gefuehls.
    Sie redet bezwingend und geradeheraus.

    Wenn manche Leute anfangen zu reden, kann es leicht passieren, daß sie einen mit ihrem Gerede zudecken wie mit einem Tuch, das man über
    eine frische Leiche legt. Bekommt man es mit einem solchen
    Sprachtuch zu tun, muss man, um darunter noch Luft zu bekommen,
    das Gesagte unbedingt in den gehoerlosen Weiten des Raums
    verwehen lassen. Entstehende Sprachtuecher erkennt man daran, daß
    die Leute jede Kleinigkeit wenigstens dreimal wiederholen, in
    dem Glauben, dem Gesagten dadurch mehr Gewicht zu verleihen.

    Zu einer eigenen Formulierung ist nur faehig, wer selbst gedacht
    hat. Die eigene Formulierung ist der Ausweis des selbstaendigen
    Denkens.

    Formulierungen kitzeln das Laecheln, das sie schuf. Am laechelnden
    Ende wartet die Poesie.

    Ein Verhaeltnis zwischen Menschen, gleich welcher Art, ist erst
    dann ein besonderes, wenn sie miteinander schweigen koennen.

    und da sollten wir denn auch mal abbrechen ;-)
    viele Gruesse (und *followup-knuddel*)
       Stefan Muenz

    1. Hallo Stefan,

      Ein Verhaeltnis zwischen Menschen, gleich welcher Art, ist erst
      dann ein besonderes, wenn sie miteinander schweigen koennen.

      einfach nur Danke für diesen letzten Satz. Dafür verspreche ich, für jede document.getElementById Frage
      1 Stunde länger vorzurecherchieren.

      Marcus

  3. auch hallo, :-)

    "Worte sind Schall und Rauch" [...]
    [...] Wegen Worten sind schon Kriege entbrannt. Das Wort hat ein großes Wirkungsspektrum. Das Wort hat Macht.
    [...] Worte haben Folgen.

    worte sind nicht alles, das stich_wort_ (*g*) ist kommunikation. kommunikation besteht aus gesten, bildern, natuerlich aus worten aber auch aus vielen unausgesprochenen sachen, umfeld, vorgeschichte, unbewusst wahrgenommenen, eindruecken, gedanken, ja auch gedanken.....
    all diese sachen _koennen_ wirkung erzielen, muessen aber nicht, kommunikation hat macht, wenn beide seiten wissen, wie sie damit umzugehen haben. wenn kommunikationsversuche vom "empfaenger" anders interpretiert werden, als vom "sender" gibt es eben missverstaendnisse, oder die information, uebermittelt durch worte, gesten oder dergleichen..., verpufft.
    wenn beide seiten die gleiche sprache sprechen (auf kommunikation bezogen, also nicht nur worte) dann wird die kommunikation auch was bewirken.

    Welche Macht besitzt fuer dich ein Wort?

    unabhaengig von obigem text - grosse macht, da hast du schon recht, aber worte sind eben nicht alles... .-)

    cua

    n.d.p.

    p.s.: meine erklaerungen sind wahrscheinlich jetzt etwas technisch geraten.....liegt wohl am umfeld .-)

    1. Hi Andi!

      all diese sachen _koennen_ wirkung erzielen, muessen aber nicht, kommunikation hat macht, wenn beide seiten wissen, wie sie damit umzugehen haben. wenn kommunikationsversuche vom "empfaenger" anders interpretiert werden, als vom "sender" gibt es eben missverstaendnisse, oder die information, uebermittelt durch worte, gesten oder dergleichen..., verpufft.
      wenn beide seiten die gleiche sprache sprechen (auf kommunikation bezogen, also nicht nur worte) dann wird die kommunikation auch was bewirken.

      Du hast Dich wohl mit den Kommunikationstheorien vom alten Watzlawik (oder wie der hiess) beschaeftigt.
      Das musste ich alles in der Schule lernen, von daher kam mir das doch gleich bekannt vor :-)

      MfG Simon

      1. hi, simon

        Hi Andi! <---- :-)))

        Du hast Dich wohl mit den Kommunikationstheorien vom alten Watzlawik (oder wie der hiess) beschaeftigt.

        *g* wer ist das?
        das sind meine gedanken, aber es ist ja sowieso alles schon mal dagewesen .-)

        cua

        n.d.p.

  4. Hallo,

    entschuldigung fuer das unverstaendliche Zeug das ich jetzt schreibe, aber ich arbeite im Zentrum fuer
    Turmvonbabylonistik, dem Sprachcaffe. Ausserdem ist Anfang dieser Woche unser Schulserver von uns
    gegangen.

    Nicht alle Worte sind gleich, nicht alle Worte bewirken etwas.

    Ein JEDES Wort meiner "Zweitsprache" Afrikaans bewirkt in mir etwas. Ich habe diese Sprache aus
    nicht naeher nachvollziehbaren Gruenden gelernt und war noch nie in Suedafrika. Jedes mal, wenn ich
    ein Wort sehe oder gar hoere (sehr gefaehrlich! und naturgemaess auch sehr selten) werden in mir
    unbestimmte Gefuehle geweckt und setzen Ihre eigenen Assoziationen und einen unbestimmten Tatendrang
    frei, diese Sprache irgendwie umzusetzen, auch wenn das hier in Deutschland naturgemaess etwas
    schwer faellt (meine beiden maltesischen Kollegen wuerden sich freuen).
    Jedenfalls, wenn ich in Afikaans denke, so fuehle ich mich (absichtlich?) ganz anders als in "Deutsch" und die
    Worte sprudeln in mir ganz anders, weil sie keinen geographisch-familiaeren-sonstwas Bezug haben.

    Andere Worte leben alleine vom Kontext

    Weil es diesen Kontext nicht gibt, muss sich diese arme Sprache selbst einen suchen und konfrontiert
    sich mit der ersten (zufaellig Deutsch). Aus dem inneren Identitaetskrieg zweier Sprachen (in mir)  kann Chaos
    entstehen, aber wenn Du in "den anderen Worten denkst", kommst Du auch in einen anderen Kontext als
    den des Alltags, was Einen auf andere Gedanken und Wege bringen kann.

    Bekomme ich jetzt die Thomas J.S. Gedaechtnis Medaille mit Silberstreifen fuer schlechtes Deutsch?

    Marcus

  5. Moin Kess

    "Am Anfang war das Wort" So fängt das Johannes-Evanglium an. Man muss, denke ich,  nicht gläubig sein, um diesem Satz zustimmen zu können. Ohne Worte (die nicht gesprochen, manchmal nicht mal geschrieben sein müssen, um zu sein) können wir nicht sein. Alle Macht steckt in ihnen.

    Aber ich denke, dass es auch Dinge gibt, die nicht - oder nur unvollständig - in Worte gefasst werden können: Gefühle, Farben, Weisheit, Bäume.

    Swen  

    1. Hallo Swen

      Aber ich denke, dass es auch Dinge gibt, die nicht - oder nur unvollständig - in Worte gefasst werden können: Gefühle, Farben, Weisheit, Bäume.

      "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" - dieser Satz kursiert unter Erkenntnisphilosophen. Besonders poetisch ist er nicht, aber er drueckt auch nur das "quid" aus, die Tatsache, dass wir nicht anders koennen, als von unsern kognitiven und sprachlichen Standards Gebrauch zu machen, wenn wir "ueber etwas" reden wollen.
      Strukturell ganz aehnlich klingend, aber doch ganz anders der beruehmte Gedicht-Titel von Erich Fried:
      "Es ist was es ist" - damit ist, was das Reden "ueber etwas" betrifft, nicht sonderlich viel gesagt. Dafuer aber um so mehr ueber das "qui", das "Wie", das Empfundene. Das Gedicht geht "unter die Haut" und zeigt damit, dass Sprache mehr vermag als nur ueber Dinge zu reden.
      Ich glaube, es ist einfach nur nicht moeglich, praezise im Sinne der nachweislich richtigen Anwendung bestimmter Woerter, ueber Gefuehle, Farben, Weisheit, Baeume zu reden. Aber es ist sehr wohl moeglich, so zu reden, dass Gefuehle, Stimmungen, Einsichten usw. "lebendig" werden. Die Sprache kann solche Dinge nicht beschreiben, aber sie kann sie erzeugen. Und das ist ja nun auch nicht gerade wenig ;-)

      viele Gruesse
        Stefan Muenz

      1. Moin

        Aber es ist sehr wohl moeglich, so zu reden, dass Gefuehle, Stimmungen, Einsichten usw. "lebendig" werden.

        Und wie! Ich kenne Gefühle, die (jedenfalls bei mir) _nur_ durch ein Gedicht ausgelöst werden. Worte sind mächtig. Vielleicht nut eine Kleinigkeit: Mich irritiert dein "aber" ein wenig, denn ich seh keine Widerspruch in unseren Meinungen.
          

        Swen

        1. Hallo Swen

          Mich irritiert dein "aber" ein wenig, denn ich seh keine Widerspruch in unseren Meinungen.

          Ich glaube, auf dem Level gibt es gar keine Meinungsverschiedenheiten, nur "Weiterspinnen" ;-)

          Da ich in diesen geistigen Hoehen nun mal zu Aphorismen neige, hier einer, der vielleicht die Quintessenz unseres Zweiges hier aussagt:

          Worte sind dazu da, um etwas zu beschreiben, aber bedeutend werden sie erst, wenn sie etwas entstehen lassen.

          (Wilem Flusser wuerde sagen, ja ja, der Mensch ist halt auf dem Weg vom Subjekt zum Projekt - im Ernst: "Projekt" ist fuer Flusser nicht das, was wir etwa unter "Web-Projekt" verstehen, sondern eine Weiterentwicklung des Menschen, ein Wesen, das sich nicht mehr als Subjekt begreift, das in einer Objektwelt lebt, sondern das vor allem "Welt erzeugt" - ein projizierendes Wesen, substantivisch eben ein "Projekt")

          viele Gruesse
            Stefan Muenz

          1. Moin Stefan,

            sondern eine Weiterentwicklung des Menschen, ein Wesen, das sich nicht mehr als Subjekt begreift,

            ich habe die Menschen noch nie als Subjekte begriffen, aber das kam wohl eher daher, dass "Subjekt", bezogen auf einen Menschen, in meiner Umgebung sozusagen als Schimpfwort benutzt wird.

            das in einer Objektwelt lebt, sondern das vor allem "Welt erzeugt" - ein projizierendes Wesen, substantivisch eben ein "Projekt")

            Deine Erklärung leuchtet mir ein, aber ich bin jetzt völlig verwirrt: /me will kein Subjekt sein und als Projekt fühle ich mich auch nicht so besonders <g>

            Bis dann

            Marlies

            (PS an Roland: Wie war das nochmal mit dem Projekt, das einige Zeit dauern kann? <g>)

            1. Hallo, Marlis - und alle anderen!

              ich habe die Menschen noch nie als Subjekte begriffen, aber das kam wohl eher daher, dass "Subjekt", bezogen auf einen Menschen, in meiner Umgebung sozusagen als Schimpfwort benutzt wird.

              Vielleicht kommt das Dilemma daher, das jeder Mensch für sich ein "Subject" ist, die anderen Menschen aber "Objecte". (die Begriffe im Sinne der Syntax gesehen)

              Will meinen, jeder sieht sich zunächst selbst im Zentrum seiner Erfahrungswelt und geht davon aus, dass der andere diese seine perönlichen Erfahrungen teilt. Dass dies nicht so ist, lernt man erst nach etlichen Mißverständnissen.

              Jeder sieht eben die Welt vom Hügel seiner gemachten Erfahrungen aus. Diese Hügel sind unterschiedlich hoch, daher sind auch die Blickwinkel verschieden.

              Uns bleibt nur das Wort, um zu beschreiben, was wir sehen, und die Hoffnung, dass der andere Mensch eine ähnliche Perspektive hat und durch Verstehen zu unserer Sicht der Dinge kommt.

              Insofern ist der Beitrag von Kess in diesem Forum am rechten Platz. Was wäre das Wort ohne die Kraft und die Fähigkeit des Verstehens?

              Liebe Grüße
              Eckard.
                

    2. Hallo Swen,

      "Am Anfang war das Wort" So fängt das Johannes-Evanglium an. Man muss, denke ich,  nicht gläubig sein, um diesem Satz zustimmen zu können.

      Wenn Du jetzt noch das Original kenntest, dann könntest Du sehen, daß es bei diesem Stz mitnichten nur um Worte im Sinne von Sprache geht. Das Wort "logos", das im griechischen "Urtext" verwendet wird, heißt die ganze Palette von Wort, Vernunft, Verständigkeit, sogar Rede kann es sein. Ein wirkliches übersetzen ist wohl nicht drin.

      Dies ist kein Widerspruch zu Deiner Auffassung des Textes, sondern soll diese eher bestätigen.

      Gruß, Karin

  6. Liebe Kess,
    liebe "Forensische" ;o)

    Das Wort hat Macht.

    Und damit traegt derjenige, der es benutzt, Verantwortung. Die Verantwortung, es zu pruefen, es hin und her zu wenden und sich und seine Haltung dazu zu hinterfragen, sie von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Auch Meinungen werden in Worte gekleidet und sie stehen jedem zu.

    Eine alte Journalisten-Grundregel heisst, die Meinung deutlich von der Nachricht zu trennen, Kommentare und persoenliche Betrachtungen als solche zu kennzeichnen, um die notwendige Trennschaerfe zwischen Fakten und Haltungen herzustellen. Nachrichten muessen faktisch richtig und nachweisbar sein - Meinungen spiegeln die soziokulturelle Erfahrung des Schreibers wider. Wo sich diese Grenze verwischt, wird das Publizieren in meinen Augen unserioes. Die Meinung, unfundiert als Nachricht verkauft, ist gezielt angelegtes Glatteis und in meinen Augen verantwortungslos und hinterhaeltig.  

    Hier im Netz begeben wir alle uns auf ein Terrain, dessen Tuecken und Grenzen die meisten von uns (noch) nicht erfahren haben. Die technische Basis zum Publizieren ist die eine Seite - das Bewusstsein ueber die inhaltliche Verantwortlichkeit die andere. Ein Messer ist kein Mordinstrument, kann aber eines sein.

    Einer der Lieblingssaetze meines Lateinlehrers lautete: "Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort, das scharf sich handhabt wie des Messers Schneide." In diesem Sinne duerften die meisten von uns hier im Netz Jugendliche sein und Nachsicht verdient haben.

    = = = = = <abschweif> = = = = =

    In diesem Zusammenhang halte ich die Wuetigkeit, mit der die publizierenden "Jugendlichen" derzeit von den Rechtsvertretern und -abteilungen der "erwachsenen" Wirtschaft nicht er-, sondern abgemahnt werden, fuer falsch und der Entwicklung des Netzes schaedlich. Viele rasseln schlicht aus Unwissenheit herein. Gut, "Unwissenheit schuetzt vor Strafe nicht" - aber unser Recht urteilt ueber Jugendliche in der Regel auch anders als ueber Erwachsene. Im Muenchner "Serienabmahnungsurteil" uebrigens nahm das Gericht die numerische Minderjaehrigkeit des Beklagten nicht nur zur Kenntnis, sondern bewertete sie auch in den Entscheidungsgruenden:
    http://www.freedomforlinks.de/Pages/seriab.html (Entscheidungsgruende, 2c)

    = = = = = </abschweif> = = = = =

    Wer jedoch juveniler tut, als er ist, jemandem ein Messer in den Bauch rammt und dann behauptet, er haette nicht gewusst, dass es scharf ist, handelt mit krimineller Energie.

    Wir alle muessen noch viel lernen darueber, was es bedeutet, in der Oeffentlichkeit mit Worten und Zeichen umzugehen. Deshalb danke an Kess, dass sie hier im Forum diesen Thread "angezettelt" hat ;o)

    Schoene Pfingsten allerseits,
    Uschi

    1. Hi!

      Und damit traegt derjenige, der es benutzt, Verantwortung.
      Die technische Basis zum Publizieren ist die eine Seite - das Bewusstsein ueber die inhaltliche Verantwortlichkeit die andere.
      Wir alle muessen noch viel lernen darueber, was es bedeutet, in der Oeffentlichkeit mit Worten und Zeichen umzugehen.

      Tja, das war genau das, was ich sagen wollte, aber irgendwie konnte ich es nicht so gut formulieren. Dem habe ich also nichts hinzuzufuegen :-)

      Nachrichten muessen faktisch richtig und nachweisbar sein - Meinungen spiegeln die soziokulturelle Erfahrung des Schreibers wider.

      Aber das heisst doch nicht, dass man seine Meinung nicht genauso begruenden muss, wie man Fakten belegen muss. Meinungen haben schliesslich auch Ursachen und wer diese nicht nennen kann, sollte seine Meinung lieber zurueckhalten.

      MfG Simon

      1. Hallo, Simon.

        Nachrichten muessen faktisch richtig und nachweisbar sein - Meinungen spiegeln die soziokulturelle Erfahrung des Schreibers wider.

        Aber das heisst doch nicht, dass man seine Meinung nicht genauso begruenden muss, wie man Fakten belegen muss. Meinungen haben schliesslich auch Ursachen und wer diese nicht nennen kann, sollte seine Meinung lieber zurueckhalten.

        Ich finde auch, dass man Meinungen begruenden sollte, und deshalb habe ich "ich finde auch" an den Anfang dieses Satzes gestellt ;o)

        Die Begruendung von Meinungen stellt erst das Verstaendnis, die Verbindung zwischen Menschen her. Ohne Begruendung redet man schnell aneinander vorbei, missversteht sich oder versteht sich nicht.  

        In diesem Zusammenhang ein Buchtip:

        Hans Manz - Die Welt der Woerter (Sprachbuch fuer Kinder und Neugierige)

        Hans Manz, Schweizer Paedagoge und bekennender Moralist, schaerft hierin einfach etwas das Gespuer fuer Worte, deren Ge- und Missbrauch.

        Zitat:

        "
        Was im Buche steht,

        lass es nicht stehen.
        Man kann die Worte so oder so drehen.
        Also, leg sie auf die Goldwaage,
        oder beweg sie mit einer Frage.

        Nimm dir Zeit zu verweilen,
        lies zwischen den Zeilen,
        auch ein kurzes Gedicht hat viele Seiten.
        "Es war einmal ..." meint - vielleicht - heutige Zeiten.

        Buchstabieren allein genuegt nicht.
        Lies einen Satz, wie in einem Gesicht,
        wie, und warum er dir etwas zeigt,
        und wo er verstummt und was er verschweigt.
        "

        Oh, es pfingstelt sehr ... :o)

        Schoene Gruesse,
        Uschi

  7. Hallo Kess,

    ganz persoenliche Erlebnisse der letzten Zeit haben mcih mehrfach zum Gruebeln gebracht. Eines der Themen, die mich bewegt haben, habe ich "Die Macht der Worte" genannt.

    Du stehst mit Deinem Grübeln nicht alleine da. Vieles, was auch mich zum Nachdenken in letzter Zeit verleitet, hat mit Deinem Thema zu tun.

    Worte können unausgesprochen sein, sie sind trotzdem da und können sogar wahrgenommen werden, übertragen durch Gestik und Mimik. Sie können, je nach Zeitpunkt, Situation, Beteiligte, dann ausgesprochen völlig unterschiedliche Wirkungen hervorrufen. Ja, Worte haben in der Tat Macht, und zwar eine völlig unberechenbare. Dieselben Worte können einerseits ein mildes Lächeln hervorrufen, andererseits völlig überzogene Reaktionen.

    Worte sind abhängig vom Zeitalter und unterliegen einem ständigen Wandel. Schon wenige Jahre können die Bedeutung eines Wortes völlig verändern. Das passiert häufig mit Eigenschaftswörtern (aktuelles Beispiel: Krass oder fett, siehe ../../sfarchiv/2000_2/t14199.htm#a72485), oder Worte, die irgendwelche Bezüge zu Zeitgeschehen haben oder dadurch überhaupt erst entstehen (Beispiel: Fisimatenten, Bedeutung Ausflüchte, Winkelzüge, lt. Lexikon Herkunft unsicher, aber mein Onkel erzählt mir, das Wort hat folgenden Ursprung: Im 2. Weltkrieg kam es wohl öfters vor, dass sich junge deutsche Mädchen mit französischen Soldaten verabredeten. Sie verabscheideten sich nach dem Tête á tête mit den Worten:" Visite martin?" "Treffen wir uns morgen?" (Bitte um Nachsicht mit der Übersetzung, Französisch habe ich verlernt, PAF möge mich korrigieren, wenn er wieder da ist <g>). Die Mütter müssen das wohl irgendwie mitbekommen haben, und mahnten dann jedesmal, wenn die Tochter aus dem Haus ging: "Mach mir keine Fisimatenten!" <g>, ob das nun stimmt, kann ich nicht bezeugen).

    Worte müssen also mit dem gesamten Umfeld zusammen betrachtet werden, erst dann machen sie Sinn. Und auch der kann durchaus unterschiedlich verstanden werden. Deswegen halte ich das Verstehen aufgrund von Worten für die absolute Ausnahme, Mißverständnisse für die Regel.  Und diese werden nichteinmal bemerkt, weil jeder denkt: Das muß er/sie doch verstehen! Nichts garantiert einem dieses, aber auch gar nichts. Stefan hat es in einem Aphorismus gesagt: Eine Besonderheit in der Bezeihung zwischen Menschen liegt dann vor, wenn sie _miteinander_ schweigen können. Und das können die wenigsten.

    Viele Grüße,

    Kirsten