Stefan Muenz: Die Macht der Worte

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Liebe Kess

erst mal: danke!  
(fuer alles, was bis zu diesem Posting gefuehrt hat, und fuer das, was da noch kommen mag ;-)

"Beantworten" kann man dein Posting eigentlich nicht, weil es einfach Gedanken sind, die man so stehen lassen muss wie sie sind. Ich versuche deshalb lieber, noch ein paar lose Aphorismen rund um "Worte", "Reden" und "Sprache" hinzuzufuegen. Denn "assoziativ" zu antworten, erscheint mir hier am sinnvollsten - diskutieren koennen wir schliesslich den ganzen Tag ;-)

Wer zu allem ja sagt, hat nicht gedacht, wer zu allem nein sagt, hat nicht zuende gedacht, und wer weder ja noch nein sagt, aber ja und nein kennt, hat die besten Chancen, etwas Bleibendes zu sagen.

Reden koennen heisst, Worte ganz selbstverstaendlich zu gebrauchen trotz des Bewusstseins, sie und gerade sie zu gebrauchen.

Gestritten wird niemals um Begriffe und Gedanken, sondern stets um Worte und Ueberzeugungen. Gestritten wird niemals um das Verstandene, sondern stets um das Missverstandene, niemals um die Wahrheit, sondern stets um Halbwahrheiten.

Statt Naehe zum Nichts in schweigender Stille nur lautstarkes Geschwaetz, statt Esprit, sei er zynisch oder koestlich, nur blutleere Dummheit, stumpf und dumpf, statt Worte nur Phrasen, die keine Begriffe mehr tragen. Was dann bleibt, sind Sehnsucht, Wut und Sprachlosigkeit.

Wenn es einen bewiesenen metaphysischen Satz gaebe, wuerde er
auswendig gelernt werden von allen Schuelern und erlauutert werden
von vielen Gelehrten, und keiner wuerde sich weiter drum scheren. Er waere bedeutungslos.

Die meisten Menschen gehorchen dem, was sie hoeren wollen, statt
die Anstrengung zu unternehmen, auf das zu horchen, was vor sich
geht.

Da bemueht man sich ein ganzes Leben lang, die Wirklichkeit mit
Unterscheidungen zu bewaeltigen, und dann kommt die Wirklichkeit
jedesmal daher und stellt alles wieder auf den Kopf. Die
Wirklichkeit ist der stetige Widerstand, an dem sich der
Eifer bricht, der andernfalls ein immer hochmuetigeres Gebaeude
von Unterscheidungen errichten wuerde.

Was ist jenseits von plattem Denken und duseligem Gefuehl? Es auf
einen Namen, einen Nenner zu bringen waere ein Akt platten
Denkens; davon zu schwaermen, darin zu schwelgen waere ein Akt
duseligen Gefuehls. Ist Fragen danach also sinnlos? Es gibt eine
Klarheit jenseits gefangenen Denkens und geputschten Gefuehls.
Sie redet bezwingend und geradeheraus.

Wenn manche Leute anfangen zu reden, kann es leicht passieren, daß sie einen mit ihrem Gerede zudecken wie mit einem Tuch, das man über
eine frische Leiche legt. Bekommt man es mit einem solchen
Sprachtuch zu tun, muss man, um darunter noch Luft zu bekommen,
das Gesagte unbedingt in den gehoerlosen Weiten des Raums
verwehen lassen. Entstehende Sprachtuecher erkennt man daran, daß
die Leute jede Kleinigkeit wenigstens dreimal wiederholen, in
dem Glauben, dem Gesagten dadurch mehr Gewicht zu verleihen.

Zu einer eigenen Formulierung ist nur faehig, wer selbst gedacht
hat. Die eigene Formulierung ist der Ausweis des selbstaendigen
Denkens.

Formulierungen kitzeln das Laecheln, das sie schuf. Am laechelnden
Ende wartet die Poesie.

Ein Verhaeltnis zwischen Menschen, gleich welcher Art, ist erst
dann ein besonderes, wenn sie miteinander schweigen koennen.

und da sollten wir denn auch mal abbrechen ;-)
viele Gruesse (und *followup-knuddel*)
   Stefan Muenz