Michael Schröpl: Download erzwingen?

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Hallo Sven,

Was ist der Gesamtnutzen, wenn ein Browser schlicht Informationen,
die gewollt sein könnten, ignoriert?

Der Gesamtnutzen ist die Menge der Verbesserungen minus der Höhe des angerichteten Schadens.
Beides unterliegt natürlich subjektiven Bewertungsfunktionen; meiner
Ansicht nach glaubt M$, daß ein positiver Wert heraus kommt.

Ich halte das Vorgehen von M$ nicht für dilettantisch, sondern für
ertragsorientiert. (Es obliegt _Deiner_ Bewertungsfunktion, was Du
subjektiv als "schlimmer" empfinden magst ...)

Öhm, das Problem ist, daß Microsoft durch dieses zwar publizierte,
aber nicht bekannte Verhalten seines Browsers extrem viel Schaden
anrichtet.

Das ist _Deine_ Anwendung einer Bewertungsfunktion auf den Tatbestand.

Der Schaden für die Firma, für die ich arbeite, ist jedenfalls kleiner
als die Zusatzkosten für das "Kröten-Töten".

Und nein, ich bin natürlich _kein_ Fan des M$IE. Es ist nur einfach so,
daß es seit etwas zwei Jahren überhaupt _keinen_ Browser mehr gibt,
der "funktioniert" - in dem Maße, wie ich das bräuchte.
(Deshalb hoffe ich ja, daß so ab 2003 oder 2004 der Mozilla diese Lücke
schließen wird - nicht nur bei den Freaks, sondern bei unseren erzkon-
servativen Firmenkunden.)

Fehlerhafte Konfigurationen (so es sie denn für so grundlegende Dinge
wie text/plain wirklich gibt) von Webservern werden mit dem IE eben
nicht erkannt, weil beispielsweise HTML-Quelltext, der mit der
Dateiendung .txt gespeichert wurde und vom Server wunschgemäß (dem
Ersteller ist hierbei _nicht_ bewußt, was er da macht!) mit Mime-Typ
text/plain ausgeliefert wird - der IE zeigt die HTML-Seite, alle
anderen, standardkonformen Browser zeigen den Quelltext.

Ich habe nicht ausgeschlossen, daß solche Fälle vorkommen. Und ich habe
mich selbst auch oft genug darüber geärgert.
Der Satz "nimm doch einen Browser und nicht diese Betriebssystemerwei-
terung" fällt bei uns im Büro jeden Tag mindestens einmal. Nur darf ich
das zwar meinen Kollegen sagen, nicht aber den Mitarbeitern der Bank,
welche das Konto verwalten, auf dem Dein Gehalt gespeichert ist ...
da ist nix mit "mal eben Mozilla installieren". (Alleine die Genehmi-
gung für ein solches Vorhaben dauert so lange, daß der Browser bis dahin
völlig veraltet wäre.)

Da kann sich der IE nicht drauf verlassen, denn wie oben dargelegt:
Manche DAUs kriegen es eben hin, HTML-Dateien mit .txt-Endung
abzuspeichern und hochzuladen - und dank IE sieht alles in Ordnung aus.

Es nützt nichts, wenn Du dieselben Nuancen des Problems im Detail wieder
und wieder aufzählst. Deshalb tue ich es nicht mit den gegenteiligen Fällen.

Meiner Meinung nach arbeitet der M$ _absichtlich_ fehlerhaft.
Wenn etwas fehlerhaft arbeitet, ist es kaputt. Dabei ist egal, ob es
absichtlich oder unabsichtlich geschehen ist: Kaputt ist kaputt und
gehört repariert.

Wären alle Beteiligten sich bei der Semantik der verwendeten Begriffe
einig, dann würde ich Dir zustimmen.

Das sind sie aber natürlich nicht. Denn in meiner obigen Aussage könnte
ich den Begriff "fehlerhaft" ohne Änderung der Semantik (!) durch
"abweichend vom Standard" oder auch "kreativ-intelligent" ersetzen.
Nun rate mal, wessen Standpunkt ich damit ausdrücken würde ...

Und Du wirst es schwer haben, M$ davon zu überzeugen, etwas zu reparieren,
was "kreativ-intelligent" arbeitet und mehr Webseiten "brauchbar" anzeigt
als andere Browser. So einfach ist das nicht mit der Logik, wenn man sich
über die Axiome nicht einig ist.

(Bei der Interpretation von kaputtem HTML-Code ist es ja genauso.)
Richtig, aber doch etwas anderes: Würden alle Browser sich streng nach
Standard richten, gäbe es auch keinerlei fehlerhafte HTML-Seiten

Richtig. Aber von einer unrealistischen These aus kannst Du alles und
nichts folgern. Das bringt die Diskussion nicht weiter.

weil die Ersteller die Probleme sofort sehen würden und korrigieren
könnten.

Dem stimme ich _nicht_ zu.

Denn Du setzt voraus, daß alle (oder auch nur die Mehrzahl!) Seiten-
ersteller so arbeiten wie Du.

Ich denke, die Erzeugung von korrektem Code durch die WYSIWYG-Editoren
würde mindestens ebenso viel nutzen wie das Erzwingen des standard-
konformen Verhaltens aller Browser. (Nicht, daß es realistischer wäre,
_das_ zu fordern - solange auch bei den Generatoren "coole features"
bessere Verkaufsargumente sind als die Generierung validen Codes ...)

Wieso sollte ich HTML-Code in irgendeinem Browser ansehen und "testen"
müssen? Eigentlich _sollte_ mir egal sein dürfen, ob die Browser korrekt
arbeiten oder nicht - wenn mein Code korrekt ist, dann ist er korrekt.
Ich als Entwickler würde es als völlig naheliegend empfinden, Code nur
in validierter Form auszuliefern - schon alleine deshalb, weil ich dann
im Falle einer Kundenbeschwerde nachweisen kann, daß es am kaputten Brow-
ser des Kunden liegt und nicht an meiner Seite (d. h. daß der Kunde die
Wahl hat, entweder einen funktionsfähigen Browser zu installieren oder
uns den "Sonderwunsch", die Seite auch mit seiner kaputten Software be-
nutzbar zu machen, wenigstens bezahlen muß).
In dieser Hinsicht interessiert mich herzlich wenig, ob eine Seite in
"allen" Browsern "läuft"; was mich interessiert, das ist, ob eine Seite
in denjenigen Browsern läuft, für die Verträge mit Firmenkunden vorliegen.

Dies alles sei nicht als Richtlinie für einen "empfohlenen Arbeitsstil"
genannt - ich habe auch bewußt einiges überzeichnet, nur um klar zu ma-
chen, wie viele verschiedene Blickwinkel es für das Problem der Erstel-
lung "korrekter" Seiten neben demjenigen des W3C noch geben kann.

Statt irgendwas darzustellen könnte im Debug-Modus lieber eine
Fehlermeldung ausgegeben werden - alle Programmiersprachen, egal ob
Interpretersprache oder Compilersprache, kriegen das doch auch hin.

Richtig. Aber Du bist Dir doch hoffentlich bewußt, wie klein der Pro-
zentsatz der compile-link-go-erprobten Programmierer an der Gesamt-
menge der Seitenbastler ist?

Und der Verbreitungsgrad des M$IE _ist_ nun mal ein Argument!
Die Nachfolgeversion des Produkts, mit dem ich arbeiten muß, wird nur
noch den M$IE unterstützen ... alles, was ich tun kann, ist, Munition
zu sammeln, um ein Upgrade zu verhindern.

Ich komme immer wieder darauf zurück, daß Du Dich selbst zu sehr als
Maßstab siehst und daß Dich dies glauben läßt, Maßstaben pushen zu
wollen, die in einer Welt aus lauter Informatikern (wie mir) großartig
wären. In einer Welt voller kommerziellen Interessen jedoch ...

Oder kannst du dir vorstellen, daß z.B. der Perl-Interpreter plötzlich
fehlertolerant wird und nicht abgeschlossene Zeichenketten automatisch
irgendwie repariert?

Natürlich könnte ich das. Sind Programmiersprachen wie SQL nicht eigent-
lich der Versuch, die Software-Entwicklung in eine Richtung zu bringen,
in der weniger die Syntax und mehr die Semantik im Vordergrund steht?

Und eine Firma, die einen solchen Interpreter verkaufen würde und damit
die Entwicklungskosten von rapid prototyping für die Anwender spürbar
senken würde, könnte eine Menge Geld damit verdienen!
Daß qualitätsbewußte Entwickler wie Du ihre Programme weiterhin "vali-
dieren" würden, ist ja kein Widerspruch dazu, daß es Anwender gibt,
die das nicht tun würden, weil sie glauben, damit besser zu fahren.

Alles, wofür Nachfrage existiert und was nicht durch Gesetze etc. wir-
kungsvoll verhindert wird, tummelt sich früher oder später auf dem Markt.

Böse Fallen würden sich auftun, wenn aus Versehen Quellcode im Browser
zu sehen wäre, weil keine Fehlermeldung kommt, sondern ruminterpretiert
wird.

Eine Idee ist nicht alleine deshalb schlecht, weil man damit auch böse
Dinge tun können. Kennst Du denn eine einzige gute Idee, mit der man
nichts Böses anfangen kann?

Deshalb habe ich meinen Beitrag mit der Betrachtung des Gesamtnutzens
begonnen - und ich schließe ihn auch damit.

Viele Grüße
      Michael
(der sich den Spaß leistet, demnächst ein Skript als Open Source zu pub-
 lizieren, das XHTML 1.1 erzeugt ... aber beruflich Seiten baut, die
 nicht mal ein DOCTYPE-Statement haben und auch keines verdienen würden)