Hi molily,
anstrengend zu lesen, Dein Posting, finde ich, aber ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass Du hier zum Watschenmann gemacht werden sollst, deshalb hab ich's mir nochmal genau zu Gemüte geführt....
Ich lese durchaus solche »Heimat«-Geschichten und Erinnerungen an die Kindheit in dieser Weise nicht selten, ich bin schlichtweg nicht gewöhnt, dass solche Geschichten in der Retrospektive in eine literarische Form gebracht werden, welche sich bewusst inszenierend (nicht negativ gemeint) sprachlicher Mittel bedient, um die Erlebnisse besonders eindringlich authentisch abzubilden.
Dieser ganze Absatz ist mir zu theoretisch, ich glaube, dasselbe wollte Thomas mit "Reich-Ranicki" sagen. Jede Darstellung der Vergangenheit stilisiert, Authentizität ist ebenfalls ein häufiges Ziel, wenn man sich mit seiner Vergangenheit beschäftigt. Als literarisches Stilmittel ist mir vor allem die simple Andeutung aufgefallen, vor allem am Ende des Artikels, was ich sehr gelungen fand, weil Rolf mit dem kurzen, sich aller Wertungen enthaltenden Verweis auf die LPG die Ereignisse für den kundigen Leser in einen historischen Kontext stellt usw. Ansonsten schien es mir, auch aufgrund von kleinen Fehlern eher sehr direkt erzählt, ohne besondere Stilisierung. Aber vielleicht nennst Du mal konkrete Stellen, die besser erläutern, was Du meinst.
All das ist, wie ich bereits sagte, keine Argumentation gegen die Geschichte, sondern nichts als die Art, wie ich die Geschichte aufgenommen habe.
Es gibt da etwas Widersprüchliches in Deiner Stellungnahme, Du sprichst hier von freien Assoziationen, wie ein Leser, der, frei nach Kafka, mit seinen Problemen durch die Geschichte zieht wie die Juden durch das Rote Meer, immer nur das wiederfindend, was er selbst hineininterpretiert, gleichzeitig versuchst Du aber auch, diese Assoziationen dem Autor als "in Kauf genommene" literarische Wirkung in die Schuhe zu schieben. Es wäre interessant, ob Rolf die Ereignisse als Landkind auch als grausam empfunden hat, mir als Großstadtmenschen ist sein kurzer Satz, er sei als Kind lange für das Schlachten der Kaninchen zuständig gewesen, so vorgekommen, täusche ich mich da?
So gesehen ist es mein »Problem« beziehungsweise eine Rezeption, welche nur aufgrund meiner persönlichen Haltungen, Erfahrungen und Gewohnheiten zustande kommt. Wie ich sagte, waren diese speziellen Konnotationen möglicherweise voraussehbar, denn auch selbst das Posting [pref:t=32939&m=179033] zeigt, dass unabhängig von dem ethischen Diskurs, den wir führen, die Wahrnehmung der Geschichte beziehungsweise dieses Teilaspektes durch die Erzählweise quasi determiniert ist - meiner Interpretation nach. Aber das wird alleine der Autor wissen.
Der gleiche Widerspruch wie oben, dadurch kommt etwas Konfuses in Deine Stellungnahme, vielleicht habe ich mich deshalb überwinden müssen, da richtig einzusteigen.
[Sprach]Nazi
Ich möchte auch nicht haarklein erklären, in welchem Kontext ich das Adorno-Zitat passend fand, es sei nur gesagt, dass ich mich damit auf das Zitat Plutarchs bezog
Hier liegt naürlich der Hase im Pfeffer, das was mich und Thomas wohl auch eigentlich gestört hat: Da setzt jemand zu Weihnachten eine sehr persönliche und wenn man sich die Seiten von Rolf anschaut wohl auch authentische Geschichte ins Forum und sieht sich direkt sehr massiven Bedenken, eventuell auch Vorwürfen ausgesetzt. Das hast Du inzwischen klargestellt, aber aus Deinem ersten Posting konnte man tatsächlich solche Vorwürfe entnehmen.
Ich will Dir nicht das Recht zu einer sehr persönlichen Sicht eines Textes absprechen, aber bei so brisanen Fragen finde ich vor allem auch die Umgangsweise miteinander wichtig, und da diskutierst Du auch jetzt sehr abstrakt. Du unterstellst da - gewissermaßen mit einigen Disclaimern - doch auch in diesem Posting eine gewisse Rückkoppelung der Faschismusassoziationen zum Stil des Verfassers, der sich ja der Wirkung des brutalen Umgangs mit der Kreatur auf die Leser hätte bewusst sein müssen.
Ich halte es für berechtigt zu fragen, wie der Mensch eigentlich mit Tieren umgeht und in welchem Verhältnis das zu seiner Menschlichkeit steht, es ist aber nicht die Perspektive der Tötungsfabrik, die ich hier angemessen finde, gar nicht. Für mich ist Rolfs Geschichte eher ein Verweis auf einen Bedeutungskontext, der untergegangen ist im Wandel von damals zur heutigen Zeit. Diese Zeit, die einem Kind das Kaninchenschlachten als selbstverständlich überträgt, passt so gar nicht in den Kontext unserer heutigen "Sensibilitäten", hinter denen aber, kaum versteckt, die viel härtere Realität der Massentierhaltung, der industrialisierten Landwirtschaft steckt. Und hier wird dem Tier in ganz anderer Weise das Lebensrecht abgesprochen, als früher in der Selbstverständlichkeit der Landbevölkerung, die Tiere zu schlachten und zu essen.
[...] dass derjenige, der die organisierten Massentötung an Tieren billigt oder sogar aktiv unterstützt, *möglicherweise* psychologisch ähnlich gebaut ist, nämlich *möglicherweise* zum Beispiel gegenüber Lebewesen die nötige Verachtung beziehungweise Gleichgültigkeit beziehungsweise Gefühlskälte besitzt, wie die aktiv an dem Völkermord in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern Beteiligten. (Meines Wissens war Rudolf Höß »tierlieb«, soviel also zum »möglicherweise« am Beispiel einer Richtung.)
Von Massentötung war in ROlfs Geschichte nicht die Rede, Dein Zitat in der Signatur, war hier also nicht zufällig passend, sondern zufällig unpassend.
Überhaupt dieses Zitat: Das ganze Netz ist voll davon, auf jeder zweiten Tierschutzseite findet es sich, aber niemand zitiert die Quelle, woraus ist es denn nun?
Erika [pref:t=32939&m=179246]:
»Der Satz von Adorno gibt zu denken, aber Auschwitz hat wohl doch tiefere Ursachen. Allerdings: Wer Tiere quält, der foltert unter bestimmten Umständen auch Menschen.« - Das ist exakt meine Meinung [...]
Qual, Folter, die Freude daran, einem Tier oder einem Menschen Schmerzen zuzufügen, davon war in der Geschichte nicht die Rede, was natürlich nicht verbietet, darüber nachzudenken, wie sich das verhält. Soweit ich Adorno kenne, geht es ihm aber in seiner Analyse der faschistischen Konzentrationslager gerade um die Abstraktheit der Gewaltverhältnisse, im Gegensatz zum Hass unter konkreten Menschen, der sich in einem Pogrom Bahnbricht und wieder abebbt. Gerade die Emotionslosigkeit der industrialisierten Maschinerie macht erst so etwas wie Auschwitz möglich.
[...] wollte ich Rolf weder eine nationalsozialistische oder menschenverachtende Gesinnung unterstellen noch ihm die Verrohung vorwerfen, welche ein Arbeiter in einem Schlachthof haben mag.
Das ist das einundzwanzigste Jahrhundert (in dieser Gesellschaft), in welchem wir nunmal leben und in welchem immanent diskutiert werden sollte, wenn es um die Ethik des Umgangs mit Tieren geht. Insofern ist die Geschichte vielleicht passend, um harauszustellen, dass Erlebnisse, wie sie Rolf erzählte, heutzutage nicht mehr möglich sind - mit allen offensichtlich positiven und eher bedenkenswerten Folgen.
Es gibt sie, die Ungleichzeitigkeit, sogar mitten in unserer Gesellschaft, wenn Du auch Recht hast mit Deiner Interpretation der geschichtlichen Distanz, so dass man nicht weit reisen muss, um solche Dinge auch heute noch zu erleben. Für mich war die Geschichte von Rolf auch faszinierend, weil ich gesehen habe, dass hier ein Mensch ebenso wie ich, obwohl er in einer völlig anderen Welt aufgewachsen ist und gelebt hat, eine ähnliche Erfahrung gemacht hat
wie ich, nämlich den vollständigen Untergang der Welt der eigenen Kindheit, die einmal in so massiver Weise bestimmend für uns war. Auch kein außergewöhnliches Erlebnis, hat sicher was mit dem Älterwerden zu tun, aber doch eine Erfahrung die in vielfältiger Weise auftritt, Rolf und ich sind da gute Beispiele, er als Landkind, der in der DDR groß geworden ist, ich als Stadtkind im Westen.
Spannend zu überlegen, wie sich eure Kindheit mal für euch darstellt in der Retrospektive in 20 oder 30 Jahren, denn die Geschichte scheint sich ja immer weiter zu beschleunigen, so dass sich euch eine andere Absurdität des Abstandes vermitteln wird, vielleicht ist das Hasten der Welt aber auch nur ein rasender Stillstand. Was mir als Unterschied zwischen den Welten auffällt, die alterstechnisch zwischen uns liegen, ist vielleicht das Fehlen solch elementarer Erfahrungen, wie Rolf sie schildert, die heute mit großer Konsequenz von den Menschen ferngehalten werden, zumindest möglichst lange, Erfahrungen von Tod und Geburt und dergleichen, meine ich.
Ich finde es gut, dass hier solche Unterschiede in Kontakt zueinander kommen, und freue mich auf weitere Debatten, und ich überreiche Dir ein großes "I", doch mal zu posten, woher das Zitat denn nun wirklich kommt, vielleicht kannst Du mal ein paar entscheidende Passagen mitzitieren, damit wir gleich mitdenken können.
Viele Grüße
Mathias Bigge