molily: Zugänglichkeit im steuerfinanziertem Bereich

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Hallo, Armin,

Ich glaube Du verwechselst hier so einige Sachen. "Optimierung" und "Pixelschubsen" so wie ich es verstehe schliessen nicht automatisch Leute aus. Was mich stoert sind Puristen die behaupten ich haette keinerlei Rechte daran wie mein Angebot dargestellt wird und haette mich gefaelligst den Benutzern anzupassen. Dazu bin ich nicht bereit.

Was irgendwer sagt, ist unter dem Gesichtspunkt, dass es rein naturgemäße Einschränkungen sind, welche dich dazu zwingen, ein Webangebot nicht in einem gewissen Sinne über ein vergleichsweise harmloses Maß hinaus(auf ein bestimmtes Browser/Auflösung/Zusatztechnik) zu optimieren, irrelevant, weshalb nicht die Frage besteht, ob du das Recht hast, die Darstellung im Hinblick auf die Wirkungsabsicht vorzudefinieren, sondern wie weit dies möglich ist, ohne dass deine BesucherInnen daraus Nachteile zu ziehen - darin liegt meiner Meinung nach der Kern der Gratwanderung.

Bedeutet dass dann automatisch dass ein Blinder meine Seiten nur unter grossen Schwierigkeiten benutzen kann? Nein, bedeutet es nicht. Wie Du selber bereits bemerkt hast sind meine Seiten durchaus relativ "Lynx-freundlich" und im grossen und ganzen wahrscheinlich recht gut mit Lynx zu benutzen. Daraus leite ich ab dass sie wahrscheinlich auch mit einem Screenreader recht gut benutzbar sind. Bedeutet das ein Blinder kann die Inhalte meiner Seiten erschliessen? Nein. Weil meine Seiten zu einem grossen Teil aus Bildern bestehen. Und die kann ein Blinder nun mal nicht sehen.

Damit zerredest du jeglichen Versuch der »graceful degradation« beziehungsweise erklärst es an unmöglich - was es sicher ab einem gewissen Punkt ist, wie ich darstellen werde, was aber nichts an den praktischen und pragmatischen Vorgehensweisen ändern sollte, um welche es zumindest in emus Beitrag ging. Die gängige Praxis ist, dass, falls es einem daran liegt, dass auch ein Blinder den Gehalt der Fotos annähernd (*annähernd*, um nicht mehr geht es vorerst) wahrnehmen kann, dass ein halbwegs ausreichendes Textäquivalent - der Begriff ist natürlich ideal beziehungsweise verabsolutiert - zur Verfügung gestellt wird (die Techniken dazu sind bekannt).

Im Grunde genommen ist es kein technisches Problem, sondern die grundlegende Unvereinbarkeit beziehungsweise unmögliche Transformierbarkeit von Sinneswahrnehmungen. In </archiv/2002/6/15727/#m89230> habe ich darüber verallgemeinernd geschrieben: »Passend wäre wohl eine longdesc, welche darlegt, was der Fotograf bei dem Anblick gefühlt hat und welche Erinnerungen er daran hat und in welcher er die Bildelemente beschreibt und ihrer Wirkung (meinetwegen metaphorisch) sprachlich beizukommen versucht. [...] Unter einem Textäquivalent verstehe ich, dass der Text die Grafik ersetzen könnte, unter Umständen, das heißt im optimalsten Falle, müssten alle möglichen Konnotationen ausformuliert werden.«

Letztendlich ist diese Form der grenzenlosen Barrierefreiheit ein Ideal, welches sich, wie du sagt, in vielen Fällen nicht anzustreben lohnt beziehungsweise niemand von dir fordern kann und wird und welche auch für die von emu angesprochene Problematik vergleichsweise wenig Relevanz haben. Sofern du Lust hast, deine Fotos mit einer Zusatzbeschreibung zu versehen, sodass ein blinder Mensch in etwa die Wirkung des Fotos fassen kann, ist dies sehr begrüßenswert, es wird dir jedoch niemand einen Strick daraus drehen, falls du diesen Menschen nur den Reisebericht bietest, welcher, wie emu sagt, sicherlich auch interessant ist, wennglich die Gesamtwirkung verloren geht.

Ein weiteres Problemfeld ist die Verständlichkeit von Inhalten; beispielsweise das, was Orlando mit »Flash können selbst Idioten folgen« (</archiv/2002/12/33112/#m181718>) auf den Punkt gebracht hat. Inwiefern lassen sich hochtheoretische, formal und inhaltlich hochkomplexe und abstrakte Texte mittels der einfachsten möglichen beziehungsweise angemessenen Sprache umsetzen? - Vor allem, wie »optimiert« man diese für kognitiv eingeschränke Menschen, sofern man diese erreichen will, sofern man den Zugang zum Thema nicht verschließen will? Eine spannende Frage, finde ich, eher auch ein sprachphilosophisches Problem.

Wie gesagt sind dies die hochphilosophischen Probleme der Zugänglichkeit, welche mit den in erster Linie rein technischen, grundlegenden Zugänglichkeit, um welche es emu wahrscheinlich geht, nichts zu tun haben. Insofern ist es sicher erlaubt, dass du gegen die verabsolutierte Barrierefreiheit und uneingeschränkte Zugänglichkeit argumentierst, jedoch zielt niemand, der ernsthaft für Barrierefreiheit »kämpft«, mit den Forderungen nach zugänglichen Seiten, darauf ab, weshalb die Kritik momentan keine Grundlage hat, wie ich finde - zumindest müssen zuerst die simplen praktischen Benutzbarkeitsprobleme, auf welche beispielsweise die W3C Web-Zugänglichkeitsrichtlinien abzielen, aus der Welt geschaffen werden, bevor es sich lohnt, über die dahinterliegenden Fragen, beispielsweise wie universal das weltweite Netz wirklich ist oder ob der Hypertext als Technik zur Darstellung dieser mannigfaltigen Verflechtungen und Wahrnehmungsfetzen im Hinblick auf die Transformierbarkeit ausreichend ist, zu debattieren.

Verschiedene Grafiken und Dekorationen die ich teilweise einsetze kann ein Blinder nicht sehen, also erschliessen sich ihm Stimmungen die ich damit erzeugen zu versuche nicht.

Ich mag deine Definition für Inhalt beziehungsweise »Gehalt« als Einheit von Form und (grafischer/sprachlicher/...) Inhalt wie du sie auch in [pref:t=35308&m=192762] beschrieben hast. Siehe dazu wiederum mein oben verlinktes erstes Posting, vor allem bezüglich der Unmöglichkeit der Übertragung aller möglichen evozierten Stimmungen - ein tatsächliches »Textäquivalent« zur Verfügung zu stellen, grenzt an eine Sisyphosarbeit.

Muss jede Seite auf jedem Medium benutzbar sein? Nein, das bezweifle ich.

Falls du fragst, ob der/die SeitenautorIn es generell ermöglichen sollte, dass ein Zugriff über jedes Medium grundsätzlich möglich ist, ist die Antwort ohne weiteres positiv, denn: Die einzige Einschränkungen sollten dem Medium eigen sein, und wenn man grundlegende Regeln beachtet, sollte es auch möglich sein, dass das Medium selbst und nicht die Seite direkt für die Barrieren verantwortlich ist - dass durch das Medium naturgemäß einiges des Inhalts, sofern man ihn im Sinne des Hypermediums Web definiert, verloren geht.

Muss eine Bildergalerie aus dem staedtischen Museum auf einem PDA benutzbar sein?

Im Rahmen des der Zugangstechnik Möglichen: es wäre wünschenswert, aber vermutlich nicht den Aufwand wert und zuletzt keine Frage der Obligation. Die Natur der Inhalte erlaubt es nicht, dass diese auf einem Gerät, welches, um dein Beispiel aufzugreifen, nicht im Stande ist, hochauflösende Pixelgrafiken mit tausenden Farben anzuzeigen, ohne Einschränkung dargestellt werden können.

Muss der Bericht vom Schulfest mit Bildern der Kinder auf einem WAP-Telefon lesbar sein? Bezweifle ich.

Nein, aber sofern die Bilder mit elementaren Beschreibungen beziehungsweise Titeln versehen werden, steht dem nichts im Wege.

Sollte eine Seite mit langen Berichten und Essays auf einem PDA oder WAP-Telefon funktionieren? Halte ich fuer relativ unsinnig.

Wie gesagt - das Problematische sind im Grunde genommen nur die natürlichen Limitierungen der Zugangstechniken.

Merkst Du was? Die Seite sollte sich meiner Meinung nach an der jeweiligen "Zielgruppe" und den dem Thema angemessenen Medien anpassen.

Ich wüsste nicht, wieso man dies bezweifeln sollte, schließlich werden Stylesheets expliziert für das Medium screen geschrieben, auf welchem man in der Regel einiges voraussetzen kann. Es spricht nichts direkt dagegen, die Seite an die jeweilige Zielgruppe sowie an das angemessene Ausgabemedium anzupassen; der Hypertext ist ohne die Bildschirmgestaltung auch lesbar, wenngleich kein/e BenutzerIn die von dir genannten Beispiele auf einem PDA lesen würde.

Zu Deinem "oekonomischen" Gedankengang: In der Wirtschaft musst Du immer mit knappen Resourcen auskommen (wie eigentlich ueberall...). So, jetzt musst Du ueberlegen wie Du Deine knappen Resourcen einsetzt. Da gibt's dann so nette Ueberlegungen wie Return on Investment. Angenommen das Grundgeruest Deiner Seite steht und ist bezahlt. Sie ist im Prinzip zugaenglich. Jetzt hast Du gerade genug Budget ueber um eine von zwei Sachen zu machen: a) Die Seite so auszubauen dass 90% Deiner Besucher ein um den Faktor 100 verbessertes Erlebnis haben und im Schnitt EUR 10 bei Dir ausgeben. b) Die Seite so auszubauen dass 10% Deiner Benutzer das gleiche zu sehen bekommen wie alle anderen auch und im Schnitt EUR 10 mehr bei Dir ausgeben. So, was machst Du? Angenommen Du willst Deinen Job noch etwas behalten...

Hm, das sehe ich anders, denn diese Rechnung geht nur auf, wenn man die genannten Verbesserungen für die Minderheit als für die Mehrheit belanglos und unsinnig definiert, was zumindest bei Zugänglichkeitstechniken am Kern vorbeiläuft, da sich bei diesen Zugänglichkeit (auch Kompatibilität) und Benutzbarkeit (oder Ergonomie) nicht trennen lassen, was dazu führt, dass im besten Falle die Verbesserungen zu einer rundum benutzerfreundlichen Site für alle führt.
Wenn jedoch jemand von der irren Idee besessen ist, dass eine sogenannte »behindertengerechte« Site mit den Wünschen der idealisierten, keiner benutzbare Site benötigenden Mehrheit in Konflikt gerät, der hat vermutlich die Anfangslektionen in Sachen benutzerfreundlichem Kommunikationsdesign verpasst.

Im Übrigen ist es eine weit verbreitete Mär, dass weniger zugängliche Seiten per se ein »verbessertes Erlebnis« bieten und zugängliche Seiten dies nicht vermögen. Selbst Flashinhalte und ähnliche meist nicht als degradierbar empfundene Techniken, welche das »Erlebnis« perfektionieren, lassen sich grundlegend zugänglich gestalten, selbst wenn das bedeutet, das Detailinformationen (Information als Inhaltseinheit/-teil) nicht umgesetzt werden können.

Müssten nicht auch alle Schulen, alle Museen, alle Bibliotheken und vor
allem auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk für wirklich alle Benutzer
mit allen Einstellungen voll inhaltlich nutzbar sein?

Nein. Weil es einfach unmoeglich ist. Zumindest nicht bei meiner Definition von Inhalten. Und den verschiedenen Nutzungsbeduerfnissen fuer verschiedene Inhalte.

Ja. Hier geht es aber um die rein technische Zugänglichkeit, welche am Anfang steht und welche nunmal größtenteils nicht ansatzweise erfüllt wird.

Und - was kann man tun, wenn die Seiten es nicht tun?

Weiter Druck machen?

Oh, ich könnte den lieben Menschen von cdu.de mal wieder eine Nachricht schicken, dass ihr Angebot immer noch grausam benutzbar ist.

Grüße,
Mathias
(Verzeihe mir für den Roman... ich verknüpfte keine Erwartungen damit. Es galt unter anderem, zu dieser Problematik etwas zu schreiben, auf welches ich in Zukunft wieder hinweisen kann.)

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»Im Kampf zwischen Dir und der Welt, sekundiere der Welt.
Man darf niemanden betrügen, auch nicht die Welt um ihren Sieg.«
Franz Kafka - http://www.kafka.org/projekt/nachlass2/ohg.html