Mike: againstTCPA - FAQ

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16.)
Wie umfassend werden die allgemeinen ökonomischen Effekte sein?

Die Medienindustrie wird ihren Anteil durch die Verhinderung von Raubkopien machen - rechnen Sie damit, dass Sir Mick Jagger noch ein bisschen reicher wird. Ich erwarte allerdings, dass sich die wichtigsten ökonomischen Effekte in einer Stärkung der Position von Informationsinhabern- und Dienstleistern auf Kosten neuer Marktteilnehmer äußern werden. Dies mag den Marktwert von Firmen wie Intel, Microsoft und IBM steigern - aber dies zu Lasten von Innovation und Wachstum.

Eric von Hippel schreibt, dass die meisten Innovationen, die das ökonomische Wachstum anregen, nicht von den Herstellern der Plattformen, auf denen sie basieren, vorhergesehen wurden; zudem verstärkt sich ein technologischer Wandel im Markt der IT-Produkte und Dienstleistungen meistens gegenseitig. Gibt man den Platzhirschen die Möglichkeit, andere am Entwickeln neuer Einsatzmöglichkeiten für ihre Produkte zu hindern, so wird dies viele Nachteile und kranke Ideen mit sich bringen.

TCPA/Palladium repräsentiert eine Zusammenballung großer ökonomischer Macht, die großen Firmen gegenüber kleinen nutzen wird; ähnlich den Autoherstellern, die Autobesitzer dazu zwingen, Inspektionen nur bei autorisierten Werkstätten machen zu lassen, werden Palladium-konforme Anwendungen es den großen Firmen ermöglichen, neben den Gewinnen aus ihrem Kerngeschäft noch Einnahmen aus den nachgelagerten Märkten abzuschöpfen. Da der Großteil der Angestelltenzuwächse im mittelständischen Sektor entsteht, könnte dies Konsequenzen für die Arbeitsmärkte haben.

Zudem könnten regionale Effekte auftreten. Beispielsweise haben Subventionen die europäische Smartcard-Industrie gestärkt und dabei andere innovative Technologien in der EU an den Rand gedrängt. Altgediente Industrielle mit denen ich gesprochen habe, erwarten einen Einbruch der Smartcard-Verkäufe, sobald in der zweiten Phase der TCPA die Fritz-Funktionalität in die CPU integriert wird. Gewisse Insider aus TCPA-Firmen haben mir gegenüber zugegeben, dass die Verdrängung der Smartcards vom Markt der Authentifizierungsmodelle eins ihrer Geschäftsziele ist. Viele Einsatzmöglichkeiten, die Smartcard Hersteller für ihre Produkte vorsehen werden stattdessen von den Fritz-Chips in Laptops, PDAs und Handys übernommen. Falls dieser Industriezweig von der TCPA erledigt wird, könnte Europa ein großer Nettoverlust entstehen. Andere große Bereiche der Informationssicherheitsbranche könnten als Verluste abgeschrieben werden.

17.)
Wer wird noch verlieren?

In vielen Bereichen wird es zu Umwälzungen der Geschäftsprozesse kommen mit denen sich Copyright-Inhaber neue Gewinnmöglichkeiten eröffnen. Ich selbst habe z.B. kürzlich beantragt, unser brachliegendes Ackerland in einen Garten umzuwandeln; dazu mussten wir in unserer Verwaltung sechs Kopien einer Karte des Feldes im Maßstab 1:1250 vorlegen. Früher besorgte man sich für so was einfach eine Karte aus der öffentlichen Bücherei und kopierte sie. Nun liegen die Karten auf einem Server der Bücherei, inklusive Copyright-Schutz, und man kann maximal vier Kopien eines Dokumentes bekommen. Als Individuum kann ich so was einfach umgehen, indem ich heute vier Kopien kaufe und einen Freund morgen für die anderen beiden vorbeischicke. Aber Unternehmen, die viel mit Karten arbeiten, stehen am Ende da und müssen viel mehr Geld an die Kartenfirmen bezahlen. Das hört sich nach einem kleinem Problem an; multipliziert man das Ganze aber tausendfach, bekommt man einen Eindruck von den Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Der Nettotransfer von Einkommen und Vermögen wird wahrscheinlich erneut von kleinen zu großen und von neuen zu alten Firmen stattfinden.

Dies erzeugt hoffentlich politischen Widerstand. Ein wohlbekannter englischer Copyright-Anwalt sagte, das Copyright würde nur deswegen toleriert, weil es nicht gegen die große Masse der unbedeutenden Copyrightverletzer durchgesetzt werde. Es wird allerdings ein paar sehr auffällige Pechvögel geben. So wie ich das sehe, werden die für später dieses Jahr in England anstehenden Copyright-Regelungen die Blinden daran hindern, ihre Spezialsoftware nach dem Prinzip des Fair-Use zum Lesen von E-Books zu entfremden. Normalerweise wäre ein solcher bürokratischer Schwachsinn ziemlich egal, da ihn die Leute ignorieren würden, und die Polizei wäre clever genug, nicht jeden zu verfolgen. Falls aber die Copyright-Regelungen mittels Hardwareschutzmechanismen durchgesetzt werden, die nur mit großem Aufwand geknackt werden können, dann werden die Blinden als die großen Verlierer dastehen. Viele andere Minderheiten sind ähnlichen Bedrohungen ausgesetzt.

18.)
Autsch. Was noch?

TCPA wird die General Public License (GPL) untergraben, unter der viele freie und offene Software vertrieben wird. Die GPL verhindert, dass private Unternehmen die Früchte gemeinsamer freiwilliger Arbeit zu Profitzwecken einsacken können. Jeder kann die unter dieser Lizenz vertriebene Software verwenden oder modifizieren, solange man bei der Verteilung dieser veränderten Versionen auch den Quellcode mitgibt, so dass andere wiederum Änderungen an diesem Code vornehmen können.

Wenigstens zwei Firmen haben bisher mit der Arbeit an TCPA-erweiterten Versionen von GNU/Linux begonnen. Dies umfasst eine Bereinigung des Codes und das Entfernen einiger Features. Zum Erhalt eines Zertifikates durch das TCPA Konsortium muß der Sponsor den beschnittenen Code an ein Labor zu Testzwecken übergeben, ergänzt um einen Haufen Dokumentation, warum verschiedene bekannte Angriffe auf den Code nicht funktionieren würden. Die Bewertung erfolgt auf Stufe E3 - teuer genug, um die Gemeinschaft freier Softwareentwickler draußen zu halten, aber noch billig genug für die meisten kommerziellen Softwarehersteller, ihren lausigen Code durchzubekommen. Obwohl diese Software hinterher von der GPL gedeckt und der Quellcode für jeden zugänglich sein wird, ist die ganze Palette an TCPA-Features erst dann aktivierbar, wenn man ein, für den eigenen Rechner gültiges, Zertifikat erworben hat. Dies wird man bezahlen müssen, wenn nicht zu Anfang dann sicherlich später.

Man wird zwar noch die Möglichkeit haben, den geänderten Code selber auch noch mal zu verändern, allerdings wird man dann kein Zertifikat erhalten, das vollen Zugriff auf das TCPA-Subsystem ermöglicht. Ähnliches gilt für die Linuxvariante, die Sony für die Playstation 2 anbietet; der Kopierschutzmechanismus der Konsole verhindert sowohl, dass man ein alternatives Linux Binary laufen lässt, als auch die Nutzung einiger Hardware Features. Selbst wenn ein Philantrop ein sicheres unkommerzielles GNU/Linux-System entwickelt, wäre das keine GPL-Version eines TCPA Betriebssystems, sondern lediglich ein proprietäres Betriebssystem, das er kostenfrei verteilen würde. Es würde sich weiterhin die Frage stellen, wer für die Anwenderzertifikate aufkommt.

Die Leute waren überzeugt, dass es unmöglich für ein Unternehmen sein würde, gemeinschaftlich entwickelten Code einfach zu stehlen. Das war für viele der Grund, in ihrer Freizeit freie Software zum Nutzen aller zu entwickeln. Die TCPA wird dies aber ändern. Sobald der Großteil der PCs auf dem Markt TCPA-konform ist, wird die GPL nicht mehr so funktionieren, wie sie gedacht war. Der Hauptnutzen für Microsoft ist nicht der, das freie Software damit zerstört wird. Es geht vielmehr darum, dass die Menschen erkennen werden, dass sogar Software unter der GPL zu kommerziellen Zwecken zweckentfremdet werden kann, woraufhin idealistische junge Programmierer viel weniger motiviert sind, freie Software zu schreiben.

19.)
Ich kann mir gut vorstellen, dass mancher sich darüber aufregen wird.

Es gibt da noch viele andere politische Probleme - die Transparenz der Verarbeitung persönlicher Daten, die in der EU Richtlinie zum persönlichen Datenschutz festgelegt ist; das Problem der nationalen Souveränität, ob Copyright-Regelungen von den Nationalparlamenten, wie derzeit üblich, oder von Firmen in Portland oder Redmond festgelegt werden; ob Microsoft TCPA zum Ausschalten von Apache benutzt; und ob die Leute sich mit dem Gedanken anfreunden können, dass ihr PC tatsächlich unter externer Kontrolle steht - Kontrolle, derer sich Gerichte oder Regierungsorgane ohne ihr Wissen bemächtigen könnten.

20.)
Moment mal, ist die TCPA entsprechend dem Antitrust-Gesetz nicht illegal?

Intel hat eine "Plattformführerschaft"-Strategie ausgefeilt, in der sie die Anstrengungen der Industrie bündeln, Technologien zu entwickeln, die den PC nützlicher machen. Intels Verfahrensweise beschreiben Gawer und Cusumano in ihrem Buch. Intel gründet ein Konsortium zur Verteilung der Entwicklungsarbeit an der Technologie, wobei die Gründungsmitglieder einige ihrer Patente mit einbringen, veröffentlicht Standards und lizensiert diese Technologie, sobald das ganze einmal ins Rollen gekommen ist, an Lizenznehmer die ihrerseits alle kollidierenden Patente kostenlos an alle Konsorten lizensieren müssen.

Als positiver Aspekt dieser Strategie lässt sich das Wachstum auf dem PC Markt ansehen; der Nachteil ist, dass so jeglicher Mitbewerber daran gehindert wird, eine starke Position mit jeglicher Technologie zu erreichen, die Intels Dominanz über PC Hardware bedroht hätte. Deshalb konnte Intel es sich nicht erlauben, IBM den Microchannel Bus durchsetzen zu lassen; nicht nur als konkurrierender Kern der PC Architektur sondern auch, weil IBM kein Interesse daran hatte, die Bandbreite zur Verfügung zu stellen, die ein Konkurrieren mit High-End-Systemen ermöglicht hätte. Strategisch betrachtet, gleicht dieser Effekt der alten römischen Praxis, alle Hütten und Wälder im näheren Umkreis ihrer Burgen zu zerstören. Keine konkurrierende Architektur ist nahe Intels Plattform erlaubt; alles muss vereinheitlicht werden. Dies aber schön, ordentlich und wohl-reguliert: Schnittstellen sollten "offen aber nicht frei" sein.

Der Konsortium-Ansatz hat sich zu einer sehr effektiven Methode, die Antitrust-Gesetzgebung zu umgehen entwickelt. Bisher scheint sich die Obrigkeit nicht allzu viele Sorgen über solche Konsortien zu machen - so lange wie die Standards für alle Firmen offen und zugänglich sind. Sie sollte vielleicht ein bisschen cleverer werden.

Sollte Fritz Hollings sein Gesetz durch den Kongress bekommen wird TCPA natürlich zwingend vorgeschrieben und das Antitrust Problem wäre dann vom Tisch, zumindest in Amerika. Bleibt zu hoffen, dass die Europäer mehr Rückgrat beweisen.