21.)
Wann wird es losgehen?
Es hat bereits angefangen, die Spezifikation wurde 2000 veröffentlicht. Atmel verkauft bereits einen Fritz-Chip und obwohl man selbst ein non-disclosure agreement unterschreiben muß um an die Daten zu kommen, kann man seit Mai 2002 bereits eine Implementation in den Laptops der IBM Thinkpad Serie erwerben. Einige der bereits in Windows XP und der X-Box vorhandenen Features sind bereits TCPA-konform: wenn man z.B. die Hardware-Konfiguration seines PCs wesentlich ändert, muß man seine XP-Installation wieder in Redmond aktivieren. Zudem arbeitet Microsoft bereits seit Windows 2000 daran, alle Treiber zu zertifizieren; XP beschwert sich, sobald man einen unbekannten Treiber installiert. Das Interesse der US Regierung am technischen Standardisierungsprozess nimmt bereits zu. Der Zug ist schon in Bewegung.
Die Zeitplanung für Palladium ist derzeit weniger gewiss. Momentan scheint ein Machtkampf zwischen Microsoft und Intel stattzufinden; Palladium wird auch auf konkurrierender Hardware, wie der von Wave Systems, laufen und Anwendungen, die auf der ersten Version von TCPA aufsetzen sollen, müssen für Palladium umgeschrieben werden. Das Spielchen läuft wohl darauf hinaus, dass Microsoft allein die sichere Computerplattform der Zukunft kontrollieren will. Andererseits könnte dies eine Taktik sein, mit der andere Firmen davon abgehalten werden sollen, auf TCPA basierende Softwareplattformen zu entwickeln.
Intel und AMD planen anscheinend die kostenlose Implementation der 2. Generation von TCPA Funktionalität in ihre Prozessoren. Dies könnte größere Sicherheit bedeuten, zudem aber auch, dass sie und nicht Microsoft die Entwicklung kontrollieren würden. Palladium wurde über einen Monat, nachdem ich auf der am 20. Juni stattfindenden Open Source Software Economics Konferenz ein Papier vorstellte, angekündigt. Dieser Aufsatz kritisierte die TCPA als wettbewerbshindernd, was sich durch die Veröffentlichungen in letzter Zeit ja mehr als bestätigt hat.
22.)
Was ist TORA BORA?
Das scheint ein interner Witz bei Microsoft zu sein, siehe hierzu die Ankündigung von Palladium. Die Idee ist, dass eine Trusted Operating Root Architecture ("vertrauenswürdige Systemarchitektur", also Palladium) den Break Once Run Anywhere-Ansatz ("einmal geknackt läuft es überall") vereiteln würde; dies bedeutet, dass ein Inhalt nur ein einziges Mal geknackt werden muß, um danach von jedem im Netz verteilt werden zu können.
Seither scheint ihnen aufgefallen zu sein, dass dieser Witz schlechten Geschmack beweist. Bei meinem Gespräch mit Microsoft Research am 10. Juli lautete der geänderte Slogan BORE-Widerstand wobei BORE für Break Once Run Everywhere steht.
Übrigens bezeichnete der Sprecher das Einfügen von Wasserzeichen zu Copyrightzwecken als "Inhaltskontrolle", ein Begriff, der bisher im Zusammenhang mit dem Schutz Jugendlicher vor Pornographie verwendet wurde: die Marketingmaschine läuft anscheinend auf vollen Touren, um neue Euphemismen auszubrüten! Er teilte uns zudem mit, dass es nur auf vertrauenswürdigen Betriebssystemen laufen würde. Als ich ihn fragte, ob dies dazu diene, Linux loszuwerden, antwortete er, die Linuxanwender müssten dazu gebracht werden, Inhaltskontrolle anzuwenden.
23.)
Aber ist ein sicherer PC nicht eine tolle Sache?
Die Frage ist: sicher für wen? Man kann es begrüßen, sich keine Sorgen wegen Viren machen zu müssen, aber weder TCPA noch Palladium werden das hinbekommen: Viren nutzen es aus, dass Softwareanwendungen (wie Microsoft Office und Outlook) Scripting verwenden. Man kann sich über Spam ärgern, aber der wird auch nicht aufhören. Microsoft weißt zwar darauf hin, dass man dies durch Filtern aller unsignierter Mails erreichen kann - aber die Spammer werden einfach auch TCPA PCs verwenden. Man würde also besser fahren, indem man sein aktuelles Mailprogramm so konfiguriert, dass Mail von Unbekannten in einen bestimmten Ordner verschoben wird, den man einmal pro Tag überfliegt. Man könnte sich Sorgen um seine Privatsphäre machen aber weder TCPA noch Palladium werden diese schützen; so ziemlich alle Verletzungen der Privatsphäre resultieren aus dem Missbrauch autorisierten Zugriffes, für den man sich die Zustimmung erzwungen hat.
Nur weil man plötzlich einen "sicheren" PC einsetzt, wird die Krankenversicherung jedenfalls nicht damit aufhören, die Zustimmung des Versicherungsnehmers zu verlangen, seine private Daten weiterhin dem Arbeitgeber oder jedem sonst, der dafür zu zahlen bereit ist, verkaufen zu dürfen. Im Gegenteil, sie werden sie sogar noch an viel mehr Leute verkaufen, da die Computer dann ja "vertrauenswürdig" sein werden.
Ökonomen haben festgestellt, dass die Herstellung "grüner" Produkte oft die Verschmutzung erhöht, weil Menschen lieber grün als weniger kaufen; wir werden wahrscheinlich das Äquivalent einer sogenannten "social choice trap" im Bereich der IT-Sicherheit erleben. Dazu kommt noch, dass TCPA durch Erweiterung und Festigung der Monopole die Preisdiskriminierung vorantreibt und so auch die Verwendung persönlicher Daten zur Profilerstellung.
Die bisher wohlmeinendste Sichtweise legte ein Microsoftforscher dar: es gibt ein paar Anwendungen, für die man die Anwendungsmöglichkeiten der Benutzer beschränken möchte. Man möchte beispielsweise sichergehen, dass ein Besitzer den Tachometer nicht manipulieren kann, wenn er sein Auto weiterverkaufen will. Ähnlich ist es, wenn man DRM einsetzen will, man muß den Nutzer als den Feind betrachten.
Denkt man in diesen Kategorien, so bieten TCPA und Palladium keine Sicherheit für den Benutzer sondern für PC Hersteller, Softwareanbieter und die Contentindustrie. Sie bieten keinen Mehrwert für den Benutzer sondern zerstören ihn. Sie schränken die Anwendungsmöglichkeiten für den PC ein und ermöglichen es so den Serviceanbietern, mehr Geld von einem abzuschöpfen. Dies ist die klassische Definition eines Kartells - eine Vereinbarung der Industrie, die die Handelsbedingungen so verändert, dass die Konsumentenrente verringert wird.
Zweifellos wird Palladium in ein Bündel neuer Features verpackt, die das Paket kurzfristig als lohnend erscheinen lassen, aber die langfristigen ökonomischen, sozialen und legalen Folgen geben Anlaß zu ernsthaften Bedenken.
24.)
Warum spricht man dann vom "vertrauenswürdigen Computereinsatz"? Ich wüßte nicht, was daran vertrauenswürdig ist!
Das ist eigentlich ein Insiderwitz. Das US Verteidigungsministerium versteht unter einem "vertrauenswürdigen" System ein solches, das "die Sicherheitsrichtlinien durchbrechen kann". Dies klingt erst mal widersprüchlich, aber wenn man darüber nachdenkt, wird es einem klar. Der gesicherte Mailserver oder die Firewall, die zwischen einem geheimen und einem streng geheimen System stehen, können - falls sie überwunden werden - die gesamten Sicherheitsrichtlinien untergraben, die besagen, dass die Mail immer nur vom geheimen zum streng geheimen System aber nie in die andere Richtung gehen soll. Sie werden daher als vertauenswürdig angesehen, die Richtlinie zum Informationsfluss durchzusetzen.
Oder nehmen wir ein ziviles Beispiel: nehmen wir an, sie vertrauen darauf, dass ihr Arzt ihre Krankenakte unter Verschluss hält. Dies bedeutet, dass er Zugang zu ihren Daten hat und sie an die Presse weitergeben könnte, wenn er sorglos oder boshaft wäre. Sie vertrauen mir ihre Akten nicht an, denn ich habe sie nicht; egal ob ich sie mag oder hasse, ich könnte nichts tun, um zu erreichen, dass ihre Daten veröffentlicht würden. Ihr Arzt kann das aber; und die Tatsache, dass er in einer Position ist, ihnen Schaden zuzufügen, ist genau was (auf Systemebene) damit gemeint ist, wenn sie sagen, dass sie ihm vertrauen. Sie könnten bei ihm ein gutes Gefühl haben, oder vielleicht müssten sie ihm einfach nur deswegen vertrauen, weil er der einzige Arzt auf ihrer Insel ist. Es ist völlig egal, die Definition von "Vertrauen" des US Verteidigungsministeriums wischt all diese unklaren, emotionalen Aspekte, die Menschen bei diesem Begriff verwirren könnten, beiseite.
Man erinnere sich an Al Gores Vorschlag Ende der neunziger Jahre, in denen über Regierungskontrolle der Kryptographie diskutiert wurde, zur Einsetzung eines "vertrauenswürdigen Dritten" - eine Institution die einen Zweitschlüssel sicher aufbewahren sollte, für den Fall, dass FBI oder NSA ihn brauchen würde. Die Bezeichnung wurde genauso als Marketinggag verlacht wie der Name "Demokratische Republik" für die ostdeutsche Kolonie Rußlands. Dies ist im Einklang mit der Denkweise des US Verteidigungsministeriums. Ein vertrauenswürdiger Dritter ist jemand, der meine Sicherheitsrichtlinien umgehen kann.
25.)
Ein "vertrauenswürdiger Computer" ist also einer, der meine Sicherheit untergräbt?
Nun haben Sie's kapiert!