Gernot,
Mit diesem gekünstelt-unpersönlichen Schreibstil wird im Deutschen ja auch gerne kokettiert: "Der geneigte Leser dieser Zeilen mag sich fragen", warum das hierzulande so üblich ist.
Eine - wie ich finde - der schönsten Schreibwendungen, die das Deutsche kennt. Sie transportiert diesen Hauch von Ironie der uns allen doch ganz tief zueigen ist. Zum einen wird die Anwesenheit des geneigten Lesers eben durch diese Betonung in Frage gestellt, zum anderen ist es genau dieses kokettieren, dass doch im Widerspruch zu der distanzierten Anrede stand.
Und leider ist es dieser Widerspruch, der dein Beispiel ad absurdum führt. Schlichte Unpersönlichkeit, wie sie verlangt wurde lässt eine solche Redewendung nicht zu. Die Sachlichkeit behält die Oberhand und vermittelt ein weiteres mal dieses Gefühl "einen Stock im Allerwertesten haben".
Andererseits kann man doch gerade mit stilistischen Beschränkungen ganz wunderbare Stile entwickeln, man denke nur z.B. daran, was der Islam durch das Verbot bildlicher Darstellungen zur Ornamentik beigetragen hat.
Dem stimm ich zu! Allerdings würde ich Ornamentik auch nicht gerade als eine künstlerische Explosion unter Absinth-Einfluss bezeichnen. Nein - Ornamentik ist der Ausdruck von Verzicht! Zugegeben, das Korsett des Verzichts kann ästhetisch sein, aber schließt m.E. Ironie, kokettieren und dergleichen aus ... Damit ist Verzicht auch immer ein kleiner Verlust. Nicht zuletzt für die deutsche Sprache.
Beste Grüße
Biesterfeld
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