Moin,
Typisches blödes Deutsches Verhalten,
Mit dieser Formulierung suggerierst Du (mir), dass die Bevölkerung anderer Länder sich anders verhält. Ich habe da zwar keine gesicherten Erkenntnisse, vermute aber, dass Du das Verhalten auch in anderen Gesellschaften finden wirst. Es scheint allgemein verbreitet zu sein, dass wir lieber auf den Dreck der anderen zeigen anstatt vor der eigenen Haustür zu kehren. Das steht schon in der Bibel.
Wir haben zum einen den Wunsch, unser ohnmächtiges Ungerechtigkeitsgefühl zu entlasten; das schaffen wir z.B. durch eine demonstrative Tat gegen das, was wir nicht unmittelbar ändern können. Mancher muss dafür auf die Straße gehen, andere schaffen das - eher öffentlich unauffällig - in so einer Art Sitzstreik vor dem Fernseher, wieder andere suchen ihre Entlastung in Aktionen.
Dort, wo unser Ungerechtigkeitsgefühl nicht ohnmächtig sein muss - nämlich dort, wo wir unmittelbar Einfluss nehmen können - wirken wir durch unsere Teilnahme bei Wahlen oder anderen Abstimmungen mit. Sind solche Wahlen fern oder passt das Problem nicht in die Struktur der Parteienlandschaft, sind Demonstrationen auch zu innerdeutschen Themen nicht unüblich - sofern denn der Staatsapparat als Adressat des Protestes taugt. Unüblich sind hingegen Demonstrationen gegen Dinge, die der "Staat" schlechterdings nicht regeln kann oder soll, weil z.B. Einsicht der Mitmenschen gefordert wird oder Kapitalisten zu einem anderen Verhalten auf dem Markt gezwungen werden sollen. Im letzteren Fall sind veränderte Kauf-, Konsum oder Verbrauchsverhalten gefragt. Ansonsten: Wenn in einer Gegend z.B. verdammt viele Fälle von Kindesmisshandlungen bekannt werden und es keinen Anlass gibt, den staatlichen Institutionen (Jugendamt ...) Versagen vorzuwerfen, dann richtete sich eine Demonstration ja "gegen" die Mitbürger. Das erscheint vielen aber anscheinend als zwecklos. Zu Recht, wie ich finde. Denn hier sind andere Maßnahmen gefragt: Das In-sich-kehren, die Reflektion des eigenen Verhaltens, das Gespräch mit den Nachbarn, Freunden oder Verwandten ... das müssen Gesellschaften selbst regeln, Einsicht und Moral kann man nicht staatlich verordnen.
In bestimmten Zeiten und Schichten hatten in solchen Fragen die Kirchen und vielleicht auch mal die Gewerkschaften moralischen Einfluss und haben so die Gesellschaft jenseits des staatlichen Apparats geprägt. Ich denke, dass wir hier momentan ein Lücke haben, da diese nichtstaatlichen Institutionen tradiert sind, ohne dass schon Nachfolger in Sicht sind. Die wird es aber sicherlich geben, da, jedenfalls gemessen an der Gruppe der Menschen, die zu Wahl gehen, der Wunsch nach liberalen, nichtstaatlichen Entwicklungen groß ist, wie die dauerhaften Wahlerfolge der Grünen und jüngst auch mal wieder der FDP belegen.
Grüße
Swen