Hallo, Thomas,
Worauf ich hinaus wollte ist das, was du "sowie an der Art, wie gewisse Versprachlichungen vorgenommen wurden" nanntest.
Ich lese durchaus solche »Heimat«-Geschichten und Erinnerungen an die Kindheit in dieser Weise nicht selten, ich bin schlichtweg nicht gewöhnt, dass solche Geschichten in der Retrospektive in eine literarische Form gebracht werden, welche sich bewusst inszenierend (nicht negativ gemeint) sprachlicher Mittel bedient, um die Erlebnisse besonders eindringlich authentisch abzubilden. Ich bin lediglich eine andere Art der Authentizität gewöhnt, nämlich eher das Gedankenprotokoll, welches keine »in sich konstruierte« (nicht negativ gemeint) Geschichte mit durch bewussten Sprachgebrauch hineingelegten Absichten zu erzählen versucht. Deshalb sprach ich indirekt an, dass ich persönlich es nahezu unmöglich erachte, eine solche Geschichte, unabhängig von ihrem Inhalt, »unbeschwert schön« zu erzählen - zumindest wird sie sich aus jahrzehnte langer Distanz anders darstellen als beispielsweise ein Tagebucheintrag am gleichen Abend als »Primärquelle«.
All das ist, wie ich bereits sagte, keine Argumentation gegen die Geschichte, sondern nichts als die Art, wie ich die Geschichte aufgenommen habe. Anfangs habe ich mich sogar auf die bloße Beschreibung der Wirkung, der Impression, der Geschichte auf mich beschränkt. Erst aus dieser offensichtlich vom Autor beabsichtigten beziehungsweise mitunter »in Kauf genommenen« Wirkung wollte ich eine »eine Kritik an der Erzählweise [...] sowie an der Art, wie gewisse Versprachlichungen vorgenommen wurden« vornehmen, weil eine »naive« (nicht negativ gemeint) Sicht auf die Vergangenheit gewissermaßen nicht ohne Zweifel möglich ist, für den Fall, dass im Nachhinein bewusst typische sprachliche Mittel benutzt werden, um das Erlebnis wiederzugeben. Als Erzähler steht man nun einmal außerhalb seines damaligen und heutigen Ichs.
Dass ist meine Meinung, nach welcher ich eine solche Geschichte formulieren würde, damit möchte ich Rolf weder das Recht absprechen, die Geschichte in dieser Weise zu erzählen (wie gesagt), noch von ihm eine Distanz zu verlangen, ich wollte es dennoch ansprechen um gegebenenfalls darüber zu diskutieren, was nun stattfindet. So gesehen ist es mein »Problem« beziehungsweise eine Rezeption, welche nur aufgrund meiner persönlichen Haltungen, Erfahrungen und Gewohnheiten zustande kommt. Wie ich sagte, waren diese speziellen Konnotationen möglicherweise voraussehbar, denn auch selbst das Posting [pref:t=32939&m=179033] zeigt, dass unabhängig von dem ethischen Diskurs, den wir führen, die Wahrnehmung der Geschichte beziehungsweise dieses Teilaspektes durch die Erzählweise quasi determiniert ist - meiner Interpretation nach. Aber das wird alleine der Autor wissen.
Ich hielt und halte deinen Sprachwahl und besonders den Hiweis auf dem Adornozitat wirklich für unangebacht. Das war an sich alles.
Meine Sprachwahl beruhte, wie gesagt, lediglich auf dem direkten Ausdrück meiner Assoziationen. Wenn ich etwas abscheulich, aufdringlich, ekelhaft und schlichtweg schrecklich finde, dann äußere ich es in dieser Weise, ohne damit etwas niedermachen zu wollen; ich habe gesagt beziehungsweise mittlerweile klargestellt, dass der gewisse Teil der Geschichte mich »anwidert und verzeihe, aber dieses Wort beschreibt meine Empfindung recht treffend, damit wollte ich, wie ich mittlerweile mehrmals zum Ausdruck gebracht habe, Rolf nicht herabsetzen oder seine Geschichte schlechtreden, denn mitunter sind solche Konnotationen vom Autor sogar beabsichtigt (bspw. Ästhetik des Hässlichen), womit ich Rolf aber wiederum auch nichts unterstellen möchte.
Aber ich möchte dir doch auch eine tiefere Begründung geben:
Ich habe schon oft im Forum Threads zu diesem sprachlichen Thema miterlebt und langsam erreicht mein Geduld sein Ende was dieses "pass mal auf, du [Sprach]Nazi" betrifft. Ich denke, dass es eine Gewisse Sensibilität durchaus gefragt ist, aber was sicher nicht gefragt ist, sind immerwährende Zitate, die bar jeglicher Kontext in Postings stehen und ebenso finde ich diese sprachpolizeiliche Untersuchungen, die dann meistens von Leuten vorgenommen werden, die selbst ihre eigene Muttersprache nur mangelhaft beherrschen und nur blind, wie dressierte Tiere, auf manche Wörter reagieren.
Ich erkenne in diesem Absatz nicht einen klaren Punkt, der auf mein Posting direkt zutrifft.
Es tut zwar hier wenig zur Sache, aber wie gesagt lese ich Beschreibungen solcher Vorgänge tagtäglich in fiktionaler Literatur sowie in Artikeln und Abhandlungen, und zweifelohne werde ich mit dieser Problematik ebenso tagtäglich konfrontiert, sodass ich mit großer Sicherheit behaupten kann, dass ich der Letzte bin, der einen Sprachpolizist (?!) mimt oder »blind«, »wie ein dressiertes Tier« auf irgendwelche Wörter reflexartig anspringt.
Ich möchte auch nicht haarklein erklären, in welchem Kontext ich das Adorno-Zitat passend fand, es sei nur gesagt, dass ich mich damit auf das Zitat Plutarchs bezog, welches aber, deiner Meinung nach, auch nichts mit der Geschichte zu tun hatte. Was ich aus deiner Kritik gelesen habe, ist, dass die Umstände in der Gesellschaft, in welcher Plutarch lebte, nicht mit der von ihm getätigten Kritik vereinbar waren - das mag sein, darüber kann ich aus Wissensmangel nicht urteilen.
Ich hatte nicht vor, die Praxis des Umgangs mit Tieren zu kritisieren, wie sie in der Geschichte dargestellt wurde (welche Absicht sollte ich damit verfolgen?), noch wollte ich Adorno unterstellen, dass sein Ausspruch darauf , das heißt auf diese und ähnliche »Situationen, abzielte; der Kernpunkt des Zitates war jedoch, wie er von mir intendiert war, lediglich, unabhängig davon, dass es von Adorno stammt, dass derjenige, der die organisierten Massentötung an Tieren billigt oder sogar aktiv unterstützt, *möglicherweise* psychologisch ähnlich gebaut ist, nämlich *möglicherweise* zum Beispiel gegenüber Lebewesen die nötige Verachtung beziehungweise Gleichgültigkeit beziehungsweise Gefühlskälte besitzt, wie die aktiv an dem Völkermord in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern Beteiligten. (Meines Wissens war Rudolf Höß »tierlieb«, soviel also zum »möglicherweise« am Beispiel einer Richtung.)
Diese von mir beabsichtigte Lesart hat Erika übrigens offensichtlich verstanden und paraphrasiert, siehe [pref:t=32939&m=179246]: »Der Satz von Adorno gibt zu denken, aber Auschwitz hat wohl doch tiefere Ursachen. Allerdings: Wer Tiere quält, der foltert unter bestimmten Umständen auch Menschen.« - Das ist exakt meine Meinung, *natürlich* hat Auschwitz tiefere Ursachen - das Zitat an sich redet übrigens selbst ohne Kontext auch nur von jemanden, der in einem Schlachthaus arbeitet und mechanisch am Fließband mit Leichenteilen hantiert. Mit dem zweiten Satz hat sie genau das ausgedrückt, was ich mit diesem Zitat sagen wollte - dies bezog sich (ich sage es noch einmal) nicht auf Rolf, sondern war es lediglich generell gemeint, genauso wie das Plutarch-Zitat (meiner Auffassung nach). Ich wollte mich dem Vorredner auch nicht in dem Punkt anschließen, dass ich Rolf schlachten will ... Absurd, ich würde bei diesem Thema niemals solche Vergleiche ziehen.
Soweit ich Adorno verstanden habe, ging es ihm duchaus darum, diese Gemeinsamkeiten herauszustellen, sicherlich nicht direkt mit der Absicht, in welcher ich das Zitat verwendet habe, sicherlich nicht in Verbindung mit dem Ausgangsthema dieses Threads, was ich auch nicht behaupten wollte, aber wie gesagt steht das Zitat nur stellvertretend für eine bestimmte Erkenntnis, es ist ein Beispiel, denn von Gandhi und dutzenden anderen Persönlichkeiten der Weltgeschichte gibt es ähnliche, welche man sicher zahlreich in einer Aphorismensammlung finden könnte und welche ungefähr (selbst wenn aus dem Kontext gerissen) ähnlichen Inhalt haben. Der Kernpunkt, den ich ausdrücken wollte, war lediglich, dass eine erniedrigende Behandlung von Tieren auf gewissen meiner Meinung nach gefährlichen Haltungen basiert, welche ich aber Rolf genausowenig wie Erika unterstellen wollte (auf Erika Postings hätte ich womöglich auch mit ähnlicher Kritik antworten können) - zumindest nicht mehr, als man sie jedem Fleischesser vorwerfen *könnte*. Dies war sicherlich weder von mir als Faschismus-/Auschwitz-/Nazikeule oder ähnliches gedacht gewesen, noch wollte ich irgendjemand denunzieren.
Im Übrigen hatte ich dieses Zitat schon seit einigen Tagen ohne besonderen Hinweis darauf in meiner Signatur. Wie du siehst, habe ich meine Antwort als Followup auf dem sich Plutarch nennenden Wesen gepostet, über Rolf sprach ich in der dritten Person, weiterhin wollte ich Rolf weder eine nationalsozialistische oder menschenverachtende Gesinnung unterstellen noch ihm die Verrohung vorwerfen, welche ein Arbeiter in einem Schlachthof haben mag. Das Zitat sollte sich damit auf das Plutarch-Zitat beziehen, welche die *Entfremdung* zwischen der tatsächlichen und der »natürlichen« Lebensweise und dem Zusammenleben mit anderen Lebewesen kritisiert (meiner Auffassung nach). Ich bezog mich folglich mit meinem Zitat ebenso wenig auf die ländliche Praxis, sondern auf das heutige, institutionalisierte Töten, welches in dem Plutarch-Zitat teilweise anklang (»Um des Fleisches willen rauben wir ihnen die Sonne, das Licht und die Lebensdauer, die ihnen von Geburt an zustehen.«) und heute m.E. natürlich in völligem Gegensatz zum damaligen Leben mit Tieren steht. In Rolfs Geschichte ist diese Distanz zumindest kleiner als die heutige, denn die wenigsten Menschen in Westeuropa verpflegen sich wie vor Jahrzehnten, wie ich es beispielsweise von meinen Eltern kenne, selbst und halten Nutztiere, weshalb heutzutage die Distanz zu den Lebewesen erschreckend groß ist, da womöglich jemand, der nicht auf einem ländlichen Hof aufgewachsen ist, niemals ein Rind, ein Schwein, ein Huhn oder was auch immer er verzehrt, zu Gesicht bekommt geschweige denn weiß, wie diese Tiere in der Maschinerie der Massenzuchtbetriebe behandelt werden - man sieht nur das Stück Fleisch und nicht das faszinierende, empfindungsfähige Lebewesen, welches nun würdelos behandelt wird.
Das ist das einundzwanzigste Jahrhundert (in dieser Gesellschaft), in welchem wir nunmal leben und in welchem immanent diskutiert werden sollte, wenn es um die Ethik des Umgangs mit Tieren geht. Insofern ist die Geschichte vielleicht passend, um harauszustellen, dass Erlebnisse, wie sie Rolf erzählte, heutzutage nicht mehr möglich sind - mit allen offensichtlich positiven und eher bedenkenswerten Folgen.
Soweit.
Grüße,
Mathias