Mathias Bigge: Reply Teil B

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Hi Bio,

vielleicht diskutierst Du doch zu locker über die menschliche Katastrophe hinweg, die die Judenvernichtung in Nazideutschland darstellt und auch über die Folgen für die deutsche Geschichte. Das waren doch ganz konkrete Ereignisse im Leben unserer Großeltern: Da wurden Mitschüler gedemütigt, mussten plötzlich einen Judenstern tragen, schließlich die Schule verlassen, wurden dann ermordet. Nicht einige, tausende. In jeder Schule, in jedem Verein, in jeder Straße. Die Geschäfte wurden zerstört und enteignet, plötzlich waren da neue Besitzer, natürlich meist Parteigänger der Nazis, keine Überraschung. "Jüdischen" Nachbarn, Kollegen aus der Firma, hochdekorierten Soldaten aus dem ersten Weltkrieg, allen wurde zunächst das Selbstbewußtsein, dann alle Rechte, schließlich der Besitz genommen. Am Ende wurden sie deportiert und ermordet. Alte Freunde, Kollegen, Mitschüler. Und niemand wagte, etwas zu sagen. Wie tief muss die Scham über so etwas sitzen, wie tief das Ohnmachtsgefühl, die Verdrängung der eigenen Feigheit.

Die Frage ist aber doch, ob es konsistent ist, wenn man mit dem Argument, daß die Juden mal eine sehr große Bevölkerungsgruppe waren, den heutigen Angehörigen dieser nun leider viel kleineren Gruppe besondere Privilegien, wozu ich auch besonders große Aufmerksamkeit zähle, zugesteht.
Ich finde es irgendwie ein wenig grotesk: Die Nazis haben eine Gruppe von Leuten nach irgendwelchen Kriterien als "Juden" bezeichnet und versucht, diese Gruppe zu vernichten. Heute wird eine Gruppe von Leuten - allerdings nach deren eigenen Kriterien - als "Juden" bezeichnet, und geniesst aufgrund dessen besondere Aufmerksamkeit.

Ja, die Kriterien. Die Absurdität des Rassismus dokumentiert sich auch darin. Da gibt es eine große, gut integrierte Bevölkerungsgruppe, oft mit nichtjüdischen Deutschen verwandt, oft weit entfernt von jüdischen Traditionen. Was sind das für dunkle Punkte in der Geschichte vieler Familien, da geschwiegen oder mitgemacht zu haben, wenn plötzlich Familienmitglieder, Kinder, vielleicht die eigene Frau einer zum Tode verurteilten Gruppe angehörten. Bei der Besitzverteilung mitgemacht zu haben. Als Soldat irgendwo in Osteuropa ganz konkret wehrlose Menschen exekutiert zu haben, nur weil sie einer bestimmten Bevölkerungsgruppe angehörten.

Nun sollte man meinen, inzwischen wäre das nur noch dunkle Geschichte, längst vergessene Verfehlung einer untergehenden Generation. Aber sieh in den Kosovo, nach Bosnien, wie nah das immer noch ist. Und ich behaupte: Auch für unsere Köpfe, für unsere Ängst und Gefühle hat so etwas immer noch Folgen, ich hoffe, es kommt Dir nicht zu konstruiert vor. Aber eine derartige kollektive Erfahrung von Angst, Hass, Entmenschlichung, Verdrängung, die verblasst nicht so schnell, zieht Spuren durch die Geschichte.

Vielleicht ist es deshalb doch angemessen, klar und deutlich vor der Weltöffentlichkeit zu sagen und zu zeigen, dass sich das moderne, demokratische Deutschland von dieser Geschichte distanziert und dass deshalb jüdische Mitbürger unseren besonderen Schutz geniessen.

Aber es gibt eine Strategie im Blödblöd-Journalismus, alles zu simplifizieren, indem man es auf die Kneipen- oder Familienebene bringt. Kennzeichen: Alle werden mit Vor- oder Spitznamen angeredet (Schumi, Bill, Monica, die Amis, der Russe, ...). Ich könnte einiges über diese Erfolgsstrategie und ihre Verblödungseffekte schreiben, aber das wäre ein Thema für sich.
Hm. Mag sein. Ein Kumpel von mir studiert Publizistik, der hat mir alle möglichen Dinge erzählt, die man durch geschickte psychologische Manipulation erreichen kann. Gibt es über diese "Verblödungseffekte" nicht möglicherweise schon Studien? Würde mich interessieren.

Es gibt einen Germanistikprofessor namens Link, der einiges dazu geschrieben hat. Wie wirkungsmächtig die ganze Strategie ist, kannst Du verstehen, wenn Du darauf achtest, wie bestimmte Medienereignisse z.B. in Kneipengesprächen unmittelbar auf die eigene Realität bezogen werden. So wird alles zum Symbol für alles. Der Fußballclub, die Mannschaft, die Familie, Effenberg und Frau Strunz, das Verhalten am Arbeitsplatz, Sadam Hussein, der arabische Kollege in der Firma, Schumi, das Erfolgsteam, das eigene Auto, alles verweist auf alles und wird in einem einzigen Sermon verwurstet, meist nach Vorgaben der Bildzeitung und bestimmter Privatsender, die hier das Denken bestimmen. Nebeneffekt: Ich kann über Fußball schreiben und dabei ganz unschuldig und wirkungsmächtig eine ganze politische Weltanschauung vermitteln.

Ich kenne die BRD nur als einen der vorbildlichsten, demokratischsten und stabilsten Staaten der Welt.
Daher, und weil ich keinen einzigen antiemitisch eingestellten Menschen kenne, scheint mir das mindestens halbjährliche Warnen vor wachsendem Antisemitismus ziemlich unnötig.

Ich hoffe sehr, Du hast Recht mit dieser These. Aber ich bin misstrauisch. Denk doch mal an die Ereignisse um die Asylbewerberheime, an die Brandanschläge und die Reaktion einiger Menschen. Da ist schon noch eine ganze Menge an Missachtung für andere, für wirklich oder vermeintlich Fremde, für Leute, die sich anders kleiden, anders reden, anders denken in unserem schönen Deutschland. Wir leben in einer globalisierten Welt mit massiven Umstrukturierungen der Wirtschaft, mit bitteren Folgen für viele, vor allem sozial Schwache. Genau auf den Ängsten, die hier entstehen, auf den Lebenskrisen, auf sozialer Not und Desorientierung kochen die "Rechtspopulisten" ihr Süppchen, in der ganzen Welt, nicht nur in Deutschland.

Nun gut, die Medien sind mittlerweile ziemlich kritisch und auch die Israelis kommen darin nicht immer nur gut weg, aber diese Entwicklung ist, habe ich das Gefühl, auch wenn das mich trügen mag, weil ich so alt noch nicht bin, doch eher neu.
Jedenfalls glaube ich mich zu erinnern, es habe, als die französischen Medien in ungewöhnlich deutlicher Weise die Politik Scharons kritisiert haben Anfang des Jahres, geheissen, diese "Härte" gegenüber Israel in der Berichterstattung sei eine ganz neue Entwicklung - wenn das stimmte, würde es doch heissen, die französischen Medien seien zuvor weniger kritisch mit Israels Politik umgegangen, und das würde heissen, daß die französischen Medien zuvor latent pro-israelisch berichtet haben müssten.

In der Tat ist es fast unmöglich, in irgendeiner Weise etwas kritisches im Themenfeld Juden/Israel zu sagen, ohne in den Verdacht zu geraten, etwas neo-nazi-mässiges gesagt zu haben. Ich habe da einige Erfahrungen drin - Du solltest es bei Bedarf selbst einmal ausprobieren. Poste etwas passendes, was Du für völlig legitim hälst, und hör' Dir an, was zurückkommt.

Natürlich gibt es hier besondere Sensibilitäten. Ganz interessant übrigens, dass man hier mit rechts und links nicht allzu weit kommt. Die radikale Linke der Studentenbewegung z.B. war pro Palästina und gegen Israel. Die Rechte eher antipalästinensisch, vor allem nach den Attentaten in München und Mogadischu. Auch Axel Springer war mit seiner Bildzeitung immer pro Israel. Es macht also Sinn, über verdeckten Antisemitismus, überhaupt über Rassismus in unserer Gesellschaft ganz unabhängig von politischen Parteien nachzudenken, wenn man die offen antisemitischen Rechtsradikalen ausnimmt.

Viele Grüße
Mathias Bigge

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