Hi,
Zu aller erst: ich weiss nicht was dir an diesem Thema so gut gefällt, denn ich kann mich nicht den Eindruck verwehren, dass es so ist, schließlich du hast hier nicht den ersten Thread dazu gestartet.
ich kann Dir sagen was mir an diesem Thema so missfaellt: der absolute Mangel an Liberalitaet
Der arme Hr.Hohmann hat, vermutlich religioes motiviert, eine, wie ich finde, nicht sehr gelungene Rede gehalten. Diese Rede war nicht antisemitsch und haette von der Gesellschaft ausgehalten werden muessen. Dass dies nicht erfolgt ist, deutet fuer mich darauf hin, dass die Deutsche Gesellschaft weiterhin ernste Probleme mit Minderheiten hat.
Was eine Analyse der Rede (http://www.stern.de/?id=515592&nv=hp_sr) angeht, hat dir Antje schon einmal sehr ausführlich dazu geantwortet: http://forum.de.selfhtml.org/archiv/2003/10/62087/#m351014
Ich hatte Dich explizit zu einer Argumentationsfuehrung eingeladen.
Ich bitte dich auch gleich um Entschuldigung, wenn ich hier weder Zeit noch Lust dazu habe einen Krus im Rhetorik für Redner und Reden abzuhalten, aber in der Rede des Herren Hohmann sind alle relevanten rhetorischen Mittel vorhanden, die dazu dienen die Zuhörer in eine ganz bestimmte Richtung zu bringen.
Die Tendenz der Rede ist, in Deinem Sinne, sicher rechts und, in Deinem Sinne, sicher auch boese. Ich allerdings sehe einige Sachen wie Hr.Hohmann und einige nicht.
"Ist die Bundesregierung angesichts der Wirtschaftsentwicklung und des Rückgangs der Steuereinnahmen bereit, ihre Entschädigungszahlungen nach dem Bundesentschädigungsgesetz (also an vor allem jüdische Opfer des Nationalsozialismus) der gesunkenen Leistungsfähigkeit des deutschen Staates anzupassen?"
Aha, Du nennst dankenswerterweise doch beispielhaft Textpassagen. Die o.g. Frage ist natuerlich nicht antisemitisch.
Dann kommt er zum ersten Höhepunkt in seiner Rede: "Kollektivschuld".
Genau, darum ging es Hr.Hohmann.
Dass dieses Wort eine Erfindung rechten Ideologisten ist und in der Tat über ein "Kollektivschuld" nicht gesprochen wurde, stört ihn nicht, ganz im gegenteil: er dreht es gleich um, er behauptet selber
andere würden davon reden, dass es kein "Kollektivschuld" gäbe, womit er diese Wort gleich diesen anderen als deren Erfindung unterjubelt. Rhetorisch an sich sehr geschickt, auch was die weitern Passagen angeht: paar harmlos wirkende Worte über Tatsachen leicht mit zum Thema passenden Worten und Beriffen gespiekt. Nicht falsches, aber es bereitet den Boden weiter vor.
Was, verdammt noch mal, heisst denn "den Boden bereiten"? "Bereite" ich, weil ich ganz einfach gesagt aus Gruenden der Freiheitsliebe hier den Thread initiiert habe, auch den "Boden"? - Wenn Du konsequent waerest, muesstest Du diese Frage mit einem 'Ja' beantworten.
Dann fägt er an das Buch vom Ford zu zitieren und Bumm die erste Bombe:
"So stammt Karl Marx über beide Eltern von Rabbinern ab. Sein Porträt hing im Wohnzimmer einer jüdischen Frauenforscherin ..." daraus schliest er gleich, natürlich seine drei sätze unauffällig zwischen Zitaten eingebaut, dass "Damit wird auch ausgedrückt, daß an der Wiege des Kommunismus und Sozialismus jüdische Denker standen."
Stimmen die Fakten, oder nicht?
So einen Schwachsinn. Das eine hat hier mit dem anderen nun wirklich nichts zu tun, aber das weiss er selber genau, sonst würde er seine Behauptungen nicht so zu verstecken zu versuchen.
Dann meint er gleich dazu: "Immer wieder klingen in den Schriften dieser frühen kommunistischen Zeit quasi religiöse Züge an".
Sorry, aber who the Fu*** redete wenigen Absätzer vorher vom Bösen und Guten?? (übrigens: Busch läßt Grüßen).
"Linksintellektuelle" bringen dann auch gerne den amerikanischen Vertreter der aeltesten (existierenden) und bewaehrtesten Demokratie ins Spiel. 'Antje' hat das auch getan und nicht gerade geglaenzt ("Archivsuche: Lude + Antje + Bush")
Dann folg eine Aufzählung wer alles so jüdisch war, und wenn man seine Rede bisher verfolgte, heisst es im Klratext: "Religöse Kummunisten waren die folgende Juden:" und dann kommt seine Listen.
Übrigens, ich würde wirklich gerne wissen woher er die Information haben will, dass "Von 48 Volkskommissaren in Ungarn waren 30 jüdisch gewesen."
Es stellt sich die primaer Frage, ob die Fakten stimmen. Diese scheinen aber zu stimmen.
Also das sind die bösen Juden, die die russische Zarenfamilie ausgerottet haben und sie sind noch viel mehr: "Weiter stellt sich die Frage, ob Juden in der kommunistischen Bewegung eher Mitläufer oder Leitungsfunktion hatten. Letzteres trifft zu. Leo Trotzki in der UdSSR, Bela Kun in Ungarn."
Und schon wieder ein absoluter Schwachsinn, ich möchte wissen, was er von Bela Kun, außer seinen Namen überhaupt weiss.
Wieder: es ist nicht relevant, was Du wissen moechtest, sondern, ob antisemitsche Inhalte (nicht Stimmungen, oder was auch immer Du hineininterpretieren moechtest) vorliegen.
Kurzinfo fuer alle:
an|ti|se|mi|tisch: judenfeindlich.
Quelle: DUDEN - Das große Fremdwörterbuch
an|ti|se|mi|tisch <Adj.>: feindlich gegenüber den Juden [eingestellt], gegen das Judentum gerichtet:
-e Äußerungen.
Quelle: DUDEN - Deutsches Universalwörterbuch
antis. antisemitisch antiseptisch
Quelle: DUDEN - Wörterbuch der Abkürzungen
An|ti|se|mit, der; -en, -en [geb. um 1879 von dem dt. Publizisten W. Marr]: jmd., der antisemitisch eingestellt ist; Gegner des Judentums.
Quelle: DUDEN - Deutsches Universalwörterbuch
Dank an http://www.duden.de
So wie er diese Argumtne ins Feld bingt, sind das schon reichtlich antisemitischtische Äußerungen.
Wie Du schon sagst: Nicht die Argumente sind antisemitisch, sondern die Art und Weise der Argumentationsfuehrung _kann_ als antisemitsch empfunden werden. Das reicht mir aber nicht aus.
Und so weiter, er zieht gleich einen Bogen vom Marx bis 1924 und nenn auch gleich die Zahlen der vom bösen jüddischen Kommunisten ermordeten Menschen. Dass diese Zahlen, aber nur in rechtsradikalen Schriften existieren und ausschlißlich dazu dienen eine Begründug für "die bösen Juden" zu finden, scheint ihm nicht wirklich zu stören. Seine ausführungen nach sind die Junden also die Täter. Er diese "These" natürlich als Frage, aber es ist eine rhetorische Frage, die er schon vorher ausführlich beantwortet hat.
In einem Punkt bin ich ganz sicher, dass er die Juden eben nicht als Taetervolk sieht. Er hat diese missverstaendliche Argumentationszitierung offensichtlich aus rhetorischen Gruenden gewaehlt und diese auch widerlegt (mit seinen duennen Argumenten halt). Er sagt ganz klar, dass es keine Taetervoelker gibt. (Sagt der Duden auch, das Wort 'Taetervolk' existiert nicht; Hr.Hohmann haette von 'Kollektivschuld' sprechen sollen)
Der eigentliche Clou kommt erst aber, nicht nur, dass er die Juden erst als religöse Kommunisten hinstellt, nein, jetzt sind sie noch schlimmer geworden, sie wurden gottlos.
Richtig, sie legten ihre Religion ab, um im Bolschewismus zu wueten. Der Schuldige an den Verbrechen dieser Zeit also nicht die Religion sondern deren gottlose Entsprechung: die ("kranke") Ideologie
" Die Juden, die sich dem Bolschewismus und der Revolution verschrieben hatten, hatten zuvor ihre religiösen Bindungen gekappt."
Nach dem er all das gesagt hat, macht er einen fenien rhetorischen Zug, er relativiert, aber so, dass er damit nur das gesagt unterstricht. Er meint, es waren ja nicht nur die Juden gottlos, sondern auch die Natinalsozialisten. Und deshalb sind keine der Beiden ein Tätervok. Ist das nicht nett von ihm?
Durchaus konsequent, wenn man mit etwas Empathie den etwas wirren Ueberlegungen Hr.Hohmanns in der Lage ist zu folgen. Das kannst Du offensichtlich nicht, so dass Du alles "in Deinem Intellekt gespiegelt" wahrnimmst und meinst Hr.Hohmann verstanden zu haben. - Ich wiederum meine, dass ich Teile seiner Rede verstehen konnte, Teile nicht, weil zu esoterisch fuer mich.
Und nach dem wir jetzt (ca 15 Minuten Redezeit nur über Religion, Kommunisten und Juden) wissen, wie so die Juden waren, hiess es: "Mit vollem Recht aber kann man sagen: Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das Tätervolk des letzten, blutigen Jahrhunderts."
Das stimmt nun aber, oder? :-)
Und natürlich muss man sich auf seine christliche Herkunft besinnen (G.W. Busch macht es schon ja vor!) denn "Nur sie werden ähnliche Katastrophen verhindern, wie sie uns Gottlose bereitet haben. "
Hey, bist Du Antiamerikaner, oder warum immer 'Busch'? - BTW Darf man in Deutschland eigentlich Antiamerikaner sein; ich glaube ja. Das geht, wird also akzeptiert.
Nach dem laut seiner Aussagen die Juden ja gottlos geworden sind, spricht der Satzt ja für sich. Und dann betont er ja noch: "Mit Gott in eine gute Zukunft für Europa! Mit Gott in eine gute Zukunft besonders für unser deutsches Vaterland!"
Dieser Satz macht mich Hr.Hohmann besser verstehen, Dir hilft er nicht?
Das ist schon ein kaum versteckter Aufruf zum Judenhatz.
Wie bitte?
Jetzt zu deinem Satz
"Natuerlich koennte man auf die Idee kommen, dass Hr.Hohmann da "irgendwelche Klischees" bedienen mochte und ganz bestimmte boese Ziele im Auge hatte."
Er mochte sich nicht bedienen, er _hat_ sich Nazi klisches bedient. Das zeigt sich schon darin, dass er Johannes Rogalla von Bieberstein als Quelle angibt.
Es steht dir natürlich frei das nicht zu glauben, aber hier ändert deine Glaube an den Tatsachen nicht.
Mein "Glaube" hat mich immerhin motiviert diesen Thread zu initiieren und unterstuetzt sicherlich auch den einen oder anderen beim Finden einer differenzierteren Betrachtung der "Affaere Hohmann".
Gruss,
Lude