Mathias Bigge: illegales kopieren von software

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Hi Calocybe, hi Chräcker,

schade, dass der Thread schon soweit unten ist, ich find die Debatte spannend.

Es geht mir hier nicht darum, ob gegen geltenes juristisches Recht verstossen wird, sondern um eine moralische Betrachtung.
Gut, dann wirst Du aber jedem das Recht auf seine eigene moralische Betrachtung zugestehen muessen, und die Frage, wann das, was Du nach Deiner moralischen Wertung einen Diebstahl nennst, als gerechtfertigt betrachtet werden kann, wird dann zwangslaeufig gestellt werden muessen. Und dann wird's ganz schnell ganz kompliziert, weil jeder eine etwas andere Moral hat. Naja, und in der Situation sind wir wir ja schon irgendwie.

Ich finde die Lage noch etwas komplizierter: Moralische Kategorien, die im persönlichen Bereich sinnvoll erscheinen, machen in den großen Systemen nur noch wenig Sinn, da scheint mir eher das Motto zu gelten: "Jeder nimmt sich, was er kann." Ich finde es unter den Prinzipien persönlicher Moral nicht mehr beurteilbar, wie man sich im ökonomischen Weltgeschehen verhalten muss. Es scheint mir auch eine zufällige Stelle zu sein, an der Chräcker seinen moralischen Standpunkt einbringt. Wenn in Afrika Millionen Aidskranke nur unter der Bedingung versorgt werden können, dass ihre Regierungen auf das Copyright pfeifen, dann weg damit. Das gilt m.E. für alle Medikamente in der dritten Welt, auch für Computerprogramme.

Aber zur Moralisierung des Konsums hier bei uns: Ich glaube, dass dieses Projekt scheitern muss. Weißt Du, unter welchen Bedingungen das T-Shirt und die Jeans, die Du trägst, in der dritten Welt produziert wurde, wer dafür gnadenlos ausgebeutet wurde? Ich habe mal eine Zeitlang versucht, auf so etwas zu achten und kaufe auch heute noch manchmal bewusst teurere Produkte aus fairem Handel, aber im großen und ganzen habe ich doch das Gefühl, dass hier die Moral, die ich für mich und meinen engeren Umkreis für wichtig halte, in der gesamten Großproduktion keinerlei Rolle mehr spielt. Wenn man etwas  hinter die Kulissen zu gucken versucht, sieht man doch, wie gnadenlos die meisten großen Konzenre mit Menschen umspringen. Die haben bei mir einfach keinen moralischen Kredit.

Nach meiner Meinung ist die ganze derartige Betrachterei irgendwie sinnlos. Diese Debatte ist ein Symptom des Widerspruchs zwischen kopierbaren Dingen und dem Kapitalismus. Der Kapitalismus ist ein System zum verteilen *knapper* Gueter, nicht quasi unbegrenzt verfuegbarer Gueter. (Und auch an der Aufgabe scheitert er schon klaeglich.) Das Urheberrecht wurde im Prinzip eingefuehrt, um das Angebot an kopierbaren Guetern kuenstlich zu verknappen, sodass der Kapitalismus darauf wieder anwendbar wird (und die Urheber eine Moeglichkeit zum Geldverdienen haben). Aber letztlich ist das alles nur Flickwerk an einem kaputten Teppich, oder auch das nachtraegliche Einbauen eines CSS-to-JSSS-Konverters in einen Netscape 4, falls dieser Vergleich hier als anschaulicher empfunden wird. ;-)

Mir gefällt der Vergleich irgendwie, vielleicht müsstest Du noch den Dreh hinkriegen, dass man eine Erfindung wie den Netscape auf 90 Jahre so durch Patente absichern könnte, dass es unmöglich würde, irgendein Produkt von einer anderen Firma zu nutzen, ohne in Nachteil zu geraten....

Es geht um den Besitz von Wissen, das sich bestimmte Länder und Firmen aneignen und gegenüber den Besitzlosen verteidigen und abschotten wollen, auch wenn sie es von diesen produzieren lassen.

Ich finde für mich wichtig, die zwei Ebenen sauber zu trennen:
a) legales Verhalten, um nachts ruhig schlafen zu können, und nicht zu erschrecken, wenn's an der Tür klingelt
b) moralische Überzeugungen im Umgang mit Menschen, Konzernen und Produkten, und da habe ich zum Teil meine Zweifel, ob die Argumente in allen Bereichen die gleiche Gültigkeit haben.

Viele Grüße
Mathias Bigge