Christoph Schnauß: 9. November

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hallo Forum,

tatsächlich, jetzt ist es 15 Jahre her  -  naja, noch nicht ganz, es war die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989. Ich hatte am 2. November von einem Bekannten einen alten (Schwarz/Weiß)Fernseher geschenkt bekommen, und da ich keine Antenne dazu hatte, habe ich eh nur DDR-Fernsehen kucken können. Da kam am Abend eine sehr merkwürdige Sendung, in der Günter Schabowski ein Zettelchen aus der Anzugtasche fischte und irgendwas davon sagte, daß Ausreise jederzeit möglich wäre. Ich fands komisch, wußte damit nix anzufangen, ärgerte mich darüber, daß ich keinen anderen Sender kucken konnte, machte das Ding aus und ging erstmal schlafen.

Damals war ich Redakteur an einer Tageszeitung, die es heute nicht mehr gibt. Ich ging am 10. November wie gewohnt in die Redaktion und wunderte mich schon ein wenig über den Verkehr in der Berlienr Innenstadt  -  die gesamte Straße Unter den Linden war völlig verstopft. In der Redaktion dauerte es dann noch bis fast 13 Uhr, bis mir jemand mitteilte, Schabowski habe doch gestern abend die Grenze geöffnet, und ich bin sicher, ich habs bis Feierabend nicht glauben wollen. Allerdings hatten wir erhebliche Mühe, eine aktuelle Tageszeitung zusammenzustellen, die Einzelmeldungen der Nachrichtendienste kamen in unerwarteter Geschwindugkeit herein und widersprachen einander ständig. Ich bin dann erst nach 19 Uhr mit meiner Tagesarbeit fertig gewesen und probehalber mal zu einem der neuen Grenzübergänge (Heinrich-Heine-Straße) gelatscht. Allein. Das machte aber nichts: die Leute standen in einer ewig langen Dreierreihe, viele hatten was zu essen bei, und Flaschen, und ich mußte dauernd ablehnen, nein, ich hätte bereits genug getrunken ... Ich habs nicht ausgehalten. Vielleicht, wenn mich irgendeine Frau Freundin am Händchen gehalten hätte, hätte ich meinen Platz in der Dreierreihe eingenommen und wäre nach stundenlangem Warten sogar in dieser Nacht vom 10. auf den 11. November schon das erstemal in den Westen getappelt. Aber da ich allein war, ging ich dann doch wieder nach Hause. Und an diesem Abend wie auch an vielen folgenden Abenden habe ich gar kein Bedürfnis verspürt, etwas anderes als die DDR-Nachrichten im Fernsehen anzuschauen. Das wurde auf einmal auf eine geradezu unglaubliche Art interessant.

Und in den Westen bin ich dann am 14. November das erstemal gegangen. Am Bahnhof Friedrichstraße ...

In den Spätnachrichten heute heißt es, jeder dritte "Wessi" wüßte nicht, daß die Mauer am 9. November abends (wegen eines Versprechers, den Schabowski im DDR-Fernsehen geäußert hatte) geöffnet worden ist. Immerhin bescheinigen die Spätnachrichten 80% der "Ossis", das dann doch zu wissen.
Wie geht euch das denn so? Habt ihr das damals gleich kapiert, was da losgeht, wenn man ein Loch in die Mauer haut?

Grüße aus Berlin

Christoph S.