Hi Sven,
"10% Brutto weniger und es wird unmittelbar ein neuer Kollege eingestellt", wäre das nicht sinnvoll? Dafür gäb's ein paar Tage Urlaub mehr und alle wären zufrieden. Vielleicht wäre es sogar ein Dreh, der Wirtschaft einen kräftigen Anschub zu verpassen.
Zehn Prozent weniger Verdienst können ja aus einer knappen, aber funktionierenden Finanzlage eine defizitäre machen. Abzugeben, damit andere eine Chance kriegen - das ist gesellschaftlich vermutlich noch nicht wirklich verankert.
Doch, etwa im Steuersystem, im Bereich der Sozialversicherung usw. Machbar wäre das schon. 10% brutto weniger sind nicht 10% weniger Einkommen, weiterhin würde ja bei einem signifikanten Rückgang der Arbeitslosigkeit die Sozialabgaben tendenziell sinken.
Abgesehen davon ignoriert der Vorschlag das Problem, dass die Arbeitslosen keine deckungsgleiche Teilmenge der bestehenden Arbeitnehmerstruktur sind und sich deshalb problemlos in diese integrieren lassen.
Nicht problemlos, richtig, aber wenn man müsste, könnte man schon wollen. Willst Du die Leute links liegen lassen?
Mehr Marktorientierung bedeutet mehr Kostenorientierung - und damit verbunden tendentiell mehr Kapitalismus und weniger Sozialverhalten. Aber gerade Bildung, sei es schulisch oder beruflich, sollte sich eben gerade nicht primär an diesen Maßstäben orientieren müssen.
Das sehe ich anders. Nehmen wir ein Beispiel: Das Arbeitsamt führt einen Integrationskurs für 100 arbeitslose Migranten durch, Dauer drei Monate, Träger: der billigste, Kosten über 3 Euro pro Stunde/Teilnehmer, um arbeitsnahe Bedingungen herzustellen, wird pro Tag 8 Zeitstunden geschult (was übrigens Standard und blanker Unsinn ist). Kein erfundenes Beispiel, sondern Standard.
Alternative: Man eröffnet den Teilnehmern die Möglichkeit als Einzelkunde mit Gutschein einen Platz in einer privaten Bildungseinrichtung zu suchen. Dabei kämen von der Trägerseite ganz andere Maßstäbe zum Einsatz, nämlich eine viel besser differenzierte Einteilung in Lerngruppen und bestehende, anerkannte Zertifizierungsverfahren.
Bildung kostet zunächst einmal ziemlich viel Geld, ohne direkten Nutzen zu erwirtschaften. Und die langen Laufzeiten (Berufsausbildung dauert 2-3 Jahre, Studium 3 bis 6 Jahre, Schulausbildung 9 bis 13 Jahre) verhindern auch, dass man "mal eben schnell" auf Marktanforderungen reagieren und schnell Hebel umlegen kann.
Richtig, der Markt ist für langfrisitige Bildungsplaner eine abstrakte Größe und immer häufiger wird von Bildungspolitikern der Fehler gemacht, auf kurzfristige Anforderungen aus der Wirtschaft hektisch zu reagieren. Dabei wird die solide Ausbildung in den Grundfertigkeiten vernachlässigt. Ich gehöre zu der Fraktion, die auf klassische Allgemeinbildung mit starkem Schwerpunkt auf allgemeinbildende Fächer setzt: Deutsch, Mathematik, Sprachen, Naturwissenschaft und, aus meiner Sicht besonders wichtig, auch kreative Fächer. Mein Hauptargument: Spezialisierte Fähigkeiten haben eine zunehmend geringere Halbwertzeit, während die anderen Qualifikationen lebenslang Möglichkeiten zum Selberlernen eröffnen.
Bildung ist teuer, das ist schon richtig, sie wird zur Verschwendung, wenn das Bildungssystem zum Auffangbecken für Menschen wird, die schulisch eigentlich an ihren Grenzen sind, und nur weitermachen, weil sie keine Lehrstelle finden.
Eine regelrechte Katastrophe sind die Tendenzen zur Zentralisierung, da es jetzt schon immer schwieriger wird, auf die stark unterschiedlichen Schüler einzugehen. Ein richtiger Schritt wäre aus meiner Sicht die Flexibilisierung von Schule. Heute ist es in den überladenen Lernprogrammen schon schwer genug, auf konkrete Defizite von Schülern einzugehen, auch wenn diese jede andere Bemühung aussichtslos machen. Schule hat einfach kaum Spielräume, entsprechende Lernangebote zu machen.
Qualität und Kosten stehen in einem Zusammenhang, das ist schon klar, da gibt es ein paar klare Maßstäbe. Wenn ich eine Sprache lerne und in einer Gruppe von 30 Leuten ankomme bei einem Kursleiter, der 28 Stunden unterrichtet, dürfte die Qualität heftig leiden, das dürfte einsichtig sein. Dennoch ist es aus meiner Sicht auch keine Lösung, immer mehr Geld in das bestehende System zu buttern, wenn die Grundfehler nicht beseitigt werden.
Zunächst müsste man das Phänomen wirklich ernstnehmen, dass es möglich ist, dass jemand 10 Jahre mit zertifiziertem Erfolg eine Schule besuchen kann, ohne richtig Deutsch schreiben, Texte verstehen, rechnen oder Englisch sprechen zu können. Solange man hier nicht an die Ursachen herangeht, wird sich auch nichts ändern, wenn man diese Leute weitere 5 Jahre in irgendwelchen Bildungseinrichtungen bespasst...
Viele Grüße
Mathias Bigge