O'Brien: Schriftsprachlichkeit

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Hi Mathias,

Zudem ist der Vortrag ein weitgehend untypisches Beispiel für Schuluntericht.
Das war nicht immer so, ich kann mich jedenfalls an sehr viel Frontalunterricht erinnern.
Ich zitiere mal Wikipedia:
"Der Begriff Frontalunterricht wird uneinheitlich verwendet: entweder gleichbedeutend mit "Klassenunterricht" oder aber eingeschränkt auf bestimmte Aktionsformen, zumeist Lehrervortrag und forschend-entwickelnder Unterricht. Wiechmann (2000) hat den Ursprung des Worts "Frontalunterricht" auf einen Aufsatztitel von Petersen und Petersen (1954) zurückverfolgen können; seit den 1960er wurde der Ausdruck wie selbstverständlich benutzt, zumeist in abwertender (pejorativer) Absicht, um die favorisierte Gruppenarbeit davon abzuheben. Bis heute ist "Frontalunterricht" in der Lehrerausbildung fast ein Unwort; Lehramtsreferendaren wird oft der Eindruck vermittelt, dass alle anderen Sozialformen per se überlegen seien. In der Unterrichtsrealität hingegen ist Frontalunterricht (auch wenn im engeren Sinn verstanden) die mit großem Abstand vorherrschende Sozialform; Studien haben gezeigt, dass in Deutschland 80 bis 90% des Unterrichts [zumindest in bestimmten Fächern ?] als Frontalunterricht stattfindet."

Wenn Du Frontalunnterricht mit Lehrervorträgen gleichsetzt, stimmt Deine Hypothese eher nicht, für typischer halte ich einen Mix aus lehrergesteuerten Gesprächen, Beispielaufgaben und Gruppenarbeit.

mit Frontalunterricht meinte ich den "umgangssprachlichen" Frontalunterricht: einer steht vorne und erzählt, die Unterrichteten müssen stillsitzen und zuhören, also quasi den Nürnberger Trichter ertragen. Meine auf eigenen Erfahrungen (Vergangenheit) und Gesprächen mit aktiven Lehrern (Gegenwart) basierende Hypothese war ja, dass früher mehr Frontalunterricht gehalten wurde als heute, und die sehe ich bisher nicht widerlegt. Gruppenarbeit war bei uns jedenfalls noch ein Fremdwort, und auch die Beispielaufgaben beschränkten sich vielfach - nicht überall - auf die Hausaufgaben.

Interessant an dem Wikipedia-Artikel finde ich, dass Wunsch (Frontalunterricht ist verpönt) und Wahrheit (er wird zu 80-90% eingesetzt) gegenübergestellt werden. Eine Bekannte von mir hat mit einer Arbeit habilitiert, in der sie nachweist, dass die meisten Lehrer größtenteils den Lehrstil verwenden, den sie selber erfahren (oder auch erlitten) haben - unabhängig davon, was ihnen in der Lehererausbildung beigebracht wurde. Unter dieser Voraussetzung dauert es natürlich extrem lange, bis sich wirklich grundlegend etwas ändert. Und nur weil etwas zu 80-90% eingesetzt wird, muss es ja nicht gut sein ...

In vielen Bildungsbreichen begegnet man Lehrervorträgen mit großer Skepsis, ich sehe das anders und weiß einen gut vorbereiteten Vortrag oder eine interessante Vorlesung sehr zu schätzen. Die meisten Menschen sind allerdings heute nicht mehr in der Lage, 45 Minuten einen redenden Kopp anzuschauen und versuchen unwillkürlich umzuschalten, fummeln ein bisschen am Handy herum - eine seltsame Form der Selbstbefriedigung - oder suchen Kontakt mit dem Nachbarn. Zuhören ist halt out.

Ich bin der Meinung, dass es nicht zulässig ist, die Qualität des Frontalunterrichts dadurch zu belegen, dass man sagt, er sei nur deswegen nicht sinnvoll anwendbar, weil die Zuhörer zu unkonzentriert seien. Wenn der Vortrag oder die Vorlesung wirklich _gut_vorbereitet_ und _interessant_ ist, dann werden auch viele der unkonzentrierten Schüler dem Stoff folgen können. Dazu muss aber erst einmal das Interesse der Schüler geweckt werden, denn ohne Interesse ist der tollste Vortrag langweilig.

Selber entdeckt werden müssen die ewigen Wahrheiten, durch sofortiges Gefummel ohne lästige Instruktion oder vorangehende Instruktion oder Lektüre. Bereiche, die sich diesem Zugang nicht erschließen, sind für wenige Eierköppe reserviert.

Ich glaube, jetzt übertreibst du. Natürlich ist es viel interessanter und sicher auch gehirnfreundlicher, wenn ich bestimmte Dinge selbst herausfinden kann. Das macht nämlich Spaß und man lernt nebenbei, was kann es Besseres geben? Das Praktikum "Experimentalphysik" im zweiten Semester hat mir eine ganze Menge Verständnis gebracht, das ich durch alleiniges Zuhören in der Vorlesung nicht erworben hätte. Es muss eben eine gesunde Mischung sein, und in der Mischung ist auch Frontalunterricht durchaus zulässig, wenn er in andere Unterrichtsformen eingebettet ist. Aber bitte nicht nur Nürnberger Trichter.

HTML selbst lernen? Kein Problem: Rechte Maustaste, Quelltext der Homepage, die einem am besten gefällt kopieren und dann versuchen, teilweise eigene Inhalte reinzubeamen, komisch, die Scripte funktionieren nicht, Bilder verschwinden, häh?

Bis hierhin ist das sogar noch in Ordnung. Nun muss die Anleitung kommen, was dahinter steckt, wie man herausbekommt, die Fehler zu finden etc. Was ist dagegen einzuwenden? Analyse von fertigen Seiten bringt einen doch viel schneller weiter, als sich ein HTML-Buch zu nehmen, es von vorne bis hinten durchzulesen und dann mit eigenen Seiten anzufangen.

Dann kann man ja hier posten *g*

Das muss die Lehrkraft dann natürlich durch sinnvolle Anleitung vermeiden.

Kann man vielleicht unterscheiden zwischen dem "Gespür" dafür, ob man bei der Klasse "ankommt", also verstanden wird einerseits und dem Gespür für die ganz spezifischen Probleme des Individuums? Das würde meinem ursprünglichen Gedanken noch am nächsten kommen.
Vielleicht ist das zweite die hohe Schule, als Anfänger entgeht einem meist, dass ein Drittel nur Bahnhof verstanden hat, weil die besten Schüler sich immer fleißig gemeldet haben.

Diese "Hohe Schule" sollte jemand, der die Basis für die Zukunft, das Leben seiner "Untergebenen" legt, jedoch auf alle Fälle beherrschen.

Außerdem halte ich es für unzulässig, den individuellen Wissens- und Ausbildungsstand in eine direkte Abhängigkeit zur Qualität des Lehrpersonals zu bringen.
Man tut dies meist nur bei Negativbewertungen, wie hoch man die Bedeutung des Lehrers einschätzt, ist eine interessante Frage. Aber soviel steht doch fest: Ein großer Teil des Wissens, der einem zu Beginn eines Studiums zur Verfügung steht, kommt aus der verhassten Schule...

Aus der Schule, ja, aber wieviel ist davon den Lehrern zu verdanken? Ich sage ja auch gar nicht, dass ich von meinen Lehrern nichts gelernt hätte - es hätte aber weit mehr und weitaus angenehmer sein können. Und dann ist noch zu überlegen, was ich mir alles durch eigene "Forschungstätigkeiten" angeeignet habe, und wieviel vom in der Schule erworbenen (und danach wieder verschütteten) Wissen überhaupt erforderlich war. Ich denke nur mit Grausen an Grammatik (ob deutsche oder englische ist egal). Mit Ausnahme weniger Regeln habe ich den ganzen Mumpitz vergessen oder verdrängt, ich brauche sie ja auch nicht. Sprache lernt man nicht durch Auswendiglernen von Regeln, sondern durch Anwendung. Sicher ist dies auch auf andere Themen, wenn auch nicht auf alle gleichermaßen anwendbar. Für mich steht jedoch fest, dass ich am meisten gelernt habe, wenn ich mit Feuereifer bei der Sache war, ob das nun das Anlegen eines Herbariums oder das Ausarbeiten eines Referats zu einem selbst gewählten Thema war.

AFAIK ist es aber doch so, dass gerade im Lehrberuf die Anzahl der Frühpensionierungen sehr hoch ist.
Kann sein. Als ich meine Arbeitsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen habe, war es eine Reihe von Berufen, die man nur bis 62 versichern wollte, vielleicht wird über Lehrer einfach mehr getratscht als über andere wertgute Berufe...

In Staatsdiener werden genauer geprüft (WDR, 23.07.2001) heißt es:
"Knapp die Hälfte (47 Prozent) der pensionierten Beamten wurde wegen Dienstunfähigkeit frühzeitig in den Ruhestand geschickt"
und
"Den größten Anteil von Frühpensionären macht laut DBB die Berufsgruppe der Lehrer aus. Dies liege an der hohen Belastung im Schulbereich und am hohen Durchschnittsalter der Lehrer. Aus psychischen Gründen würden viele Lehrer mit etwa 55 Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden, so von Woikowsky."

In einem Bericht über Berliner Lehrer (Schule macht immer mehr Lehrer krank, 29. Januar 2004) steht:
"Unter den etwa 32 000 Berliner Lehrern gibt es immer mehr Dauerpatienten. Die Zahl der Pädagogen, die mehrere Monate im Jahr fehlen, ist nach Angaben der Schulverwaltung seit 2002 von 519 auf 681 Langzeiterkrankte Ende 2003 gestiegen."
"Von 523 Pädagogen, die 2002 in Ruhestand gingen, waren 350 nach Angaben des Statistischen Landesamtes dienstunfähig geschrieben. 1997 lag diese Rate bei nur 30 Prozent. Knapp ein Drittel der 350 Frühpensionäre waren zwischen 50 und 55 Jahren alt. Mehr als zwei Drittel hatten ihren 60. Geburtstag noch vor sich. Die reguläre Pensionsgrenze von 65 Jahren erreichten nur 66 der 523 Lehrkräfte."

Und der Beschreibung zum Das Anti-Burnout-Buch für Lehrer ist zu entnehmen:
"Über 90 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer scheiden vorzeitig aus ihrem Beruf aus. Die meisten davon aus medizinischen Gründen. Bis zu 50 Prozent der Betroffenen quittieren aufgrund psychosomatischer oder psychiatrischer Erkrankungen den Dienst erschöpft, überfordert und ausgebrannt."

Bessere Zahlen habe ich nicht gefunden, und ich habe auch noch keinen Vergleich mit anderen Berufen angestellt, aber für erschreckend hoch halte ich die Zahl trotzdem. Dass sie allein durch die "bösen und dummen Schüler" bedingt ist, halte ich allerdings für ein Gerücht.

Schönen Sonntag noch!
O'Brien

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