O'Brien: Schriftsprachlichkeit

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Hi Mathias,

Gruppenarbeit und Methodenvielfalt werden in ihrer Auswirkung vielfach zu positiv eingeschätzt. Einige Kritikpunkte:

  1. Gruppenarbeit mündet oft in schlechten Frontalunterricht, der von Schülern gehalten wird.

Ist es nicht Aufgabe der Lehrkraft, die Gruppenarbeit so zu steuern, dass eben dies nicht passiert?

Auch an Unis ist dies häufig als Studentenreferat zu genießen.

Da muss ich meinem Physiklehrer zugute halten (also am Gym, nicht in der Uni), dass er ein Referat, das ich einmal mit einem Schulfreund gehalten habe, während der Vorbereitung "überwachend" (im positiven Sinne) begleitet hat. Leider war es jedoch nur auf Anfrage durch uns überhaupt zum Referat gekommen.

  1. Bei arbeitsteiliger Gruppenarbeit werden die Ergebnisse der anderen Gruppen oft nicht genügend vermittelt

Ist es nicht Aufgabe der Lehrkraft, die Gruppenarbeit so zu steuern, dass eben dies nicht passiert?

bzw. von den Schülern nicht Ernst genommen.

Dafür habe ich jetzt keine Lösung parat, aber ich glaube, auch dies lässt sich durch entsprechende Aktionen vermeiden, wenn z.B. die eine Gruppe erstaunt feststellen muss, was die andere Gruppe Substantielles herausgefunden hat. Dieses Staunen müsste bei jeder Gruppe einmal stattfinden. (Erster Denkansatz zu einer Lösung, bin kein Pädagoge.)

  1. Viele Methoden, die die Schüler "aktivieren", erzeugen rasenden Stillstand und hohle Betriebsamkeit.

Dann sollte die Lehrkraft die Fähigkeit besitzen, bei der jeweiligen Schülergruppe herauszufinden, welche Methoden zu guten Ergebnissen führen und die nicht so guten Methoden fortan vermeiden.

  1. Viele Probleme sind von den Schülern nicht wirklich selbständig zu erarbeiten.

Es soll ja auch eine Lösung und kein Problem erarbeitet werden ;)

Aber zurück zum Thema: Ist denn das überhaupt erforderlich? Eine _teilweise_ eigenständige Er- oder auch nur Be-arbeitung kann doch ggfs. schon ausreichen.

Und dann gibt es sie natürlich wirklich: gut geführte Lerngruppen, die selbständig arbeiten können und wollen, Lernumgebungen, die gutes Material zur Verfügung stellen. Projekte, die nach einer Vermittlung des Grundwissens wirklich zielorientiert aktiv werden.

Na also, es geht doch. Wenn auch nicht überall gleich gut. Wenn ich mich bei einem Programmierproblem immer nur auf eine einzige Methode versteife, werde ich mal gut vorankommen, mal gar nicht, und mal so lala. Wenn ich aber mehrere Methoden kenne, dann kann ich meine Problembewältigung der jeweiligen Aufgabe anpassen. Man kann das vielleicht am ehesten mit einem gut gefüllten Werkzeugkasten vergleichen, aus dem ich jeweils das passende Werkzeug herausnehme. Natürlich kann ich mit einem Schlitzschraubendreher auch eine Innensechskantschraube oder eine Kreuzschlitzschraube lösen, aber es wird sehr mühselig sein. Darum verdamme ich aber nicht den Schlitzschraubendreher als völlig unbrauchbar.

Genauso sollten mMn Lehrkräfte die Vielfalt der Methoden, die sie in der Ausbildung gelernt haben, als gut gefüllten Werkzeugkasten ansehen, aus dem sie je nach Bedarf das passende Werkzeug herausnehmen und benutzen.

Natürlich erfordert das eine Menge Vorbereitung,

Wozu viele nach einigen Jahren Lehrtätigkeit - aus welchen Gründen auch immer - nicht mehr bereit sind.

entsprechende Räume, geeignete Arbeitsmittel.

Wozu anscheinend der Geldgeber nicht bereit ist. Hier kommen wir nun zur gesellschaftlichen Komponente des Problems: Was ist uns als Gesellschaft eine sehr gute - und mMn dringend erforderliche - Ausbildung unserer Kinder wert?

Im Deutschunterricht könnte man ein Drama szenisch interpretieren, vielleicht sogar etwas auf die Bühne stellen, fachbezogene Erarbeitungen können im Internet präsentiert werden, Resultat einer HTML-Reihe könnte eine eigene Seite für jeden Schüler sein.

Es gibt _immer_ Möglichkeiten, man muss sie nur suchen, vielleicht auch mal auf Anregungen aus der Schülerschaft "horchen" (die nicht unbedingt laut ausgesprochen werden), was sicher nicht immer leicht ist. Aber das Leben ist eben nicht leicht.

Ich erinnere mich selber gern an meinen Bio-Unterricht, in dem wir selber mikroskopieren oder die Natur der Umgebung erforschen konnten.

Na siehst du, und wenn solche Einheiten öfter in den Unterricht eingebaut werden, dann lassen sich auch die trockeneren und vielleicht langweiligeren Passagen besser verdauen.

In der Grundschule gibt es seit vielen Jahren tolle Konzepte, die auch immer wieder neu entdeckt und umgesetzt werden. Wie müsste aber eine Schule aussehen, an der so etwas Standard ist? In der die Schüler Lust am Lernen haben und die Pauker Zeit, Arbeitsmittel und Unterstützung haben, um wieder wieder neue Projekte anzustoßen? Ich kann das hier nicht ausführen, aber Du kannst Dir sicher denken, dass das einige Voraussetzungen erfordert.

Siehe oben: Was ist uns eine gute Ausbildung wert?

Dazu muss aber erst einmal das Interesse der Schüler geweckt werden, denn ohne Interesse ist der tollste Vortrag langweilig.
Hört sich gut an, ist vielleicht auch richtig, es steckt aber auch eine Illusion darin. Nehmen wir an, ein pubertierender Jugendlicher soll eine Fremdsprache erlernen. Nun gehören dazu aber eine Menge wenig lustvoller Lernphasen, etwa das Pauken von Vokabeln oder Grammatikregeln. Ob sich das wirklich rein aus Interesse und ohne Druck bewerkstelligen lässt?

Natürlich, zumindest teilweise. Warum z.B. fing unser Schulbuch (die aktuellen kenne ich nicht) an mit: "Toby is lying under the chair. Toby is a dog. Tibby is sitting on the chair. Tibby is a cat." Da muss einem doch vor Langeweile die Galle hochkommen. Auch Englisch-Anfänger hören englischsprachige Musik, dann fängt man eben als erstes mit einem aktuellen englischsprachigen Lied an und übersetzt es, singt es vielleicht sogar mit der ganzen Klasse. Oder man schaut ein Stück einer gerade angesagten TV-Serie oder einen spannenden Film auf DVD - im Originalton mit Originaluntertitel. Und vergleicht dann evt. sogar den deutschen mit dem englischen Text. Oha, die sagen ja im deutschen etwas ganz Anderes! Man kann dann sogar Szenen aus dem Film nachspielen. Wichtig ist doch letztlich nur, was dabei herauskommt, nämlich dass die Schüler Englisch sprechen lernen. Der Aufwand ist anfangs sicher höher für die Lehrkraft, aber der Stress ist eher geringer.

Dass dabei ein Lehrplan eingehalten werden muss, ist mir auch klar, aber ich halte die Arbeit mit dem Lehrbuch und die Einbindung von Inhalten wie oben geschildert durchaus für vereinbar. Es sind bei entsprechend engagierten Lehrkräften auch Verbindungen zwischen mehreren Fächern möglich, z.B.Politik und Englisch/Französisch: Wie werden gleiche Ereignisse im britischen, amerikanischen, französischen und deutschen Fernsehen dargestellt? Mit ein bisschen Kreativität ist sicher noch sehr viel mehr möglich. Vielleicht wird das sogar schon so gemacht, dazu habe ich leider zu wenig Kontakt zu Sek I+II Lehrpersonal.

Die Basis für das eigene Leben legt letztlich jeder, zumindest ab einem bestimmten Alter, selbst, wer das nicht kapiert, hat nichts verstanden.

Ab einem bestimmten Alter, ja. Aber das ist sicher später als 10-12 Jahre. Und wie soll er es kapieren, wenn es ihm z.B. zuhause nicht vorgelebt wird?

Und wird die Schule nicht völlig überschätzt, wenn ihr das Grundproblem der Motivation in die Schuhe geschoben wird?

Darüber sind wir vermutlich geteilter Meinung. Die Schule ist ein Dienstleistungsbetrieb mit der Aufgabe, den Schülern Wissen beizubringen (interessanter Artikel dazu: Vergleich zwischen deutschem und französischem Grundverständnis der Institution Schule). Die Privatschulen, an denen die Eltern richtig löhnen müssen, wissen das schon lange. Wenn die ihre Schüler nicht gut motivieren, sind die ruckzuck weg und an einer anderen Schule. Und auch dort wird AFAIK nicht mehr mit dem Rohrstock gearbeitet, sondern mit positiver Motivation.

Ein Beispiel aus meinem Alltag: [...]

Den Letzten beißen die Hunde, und der Letzte bist in diesem Falle du. Wenn der Azubi dem Kunden diverse Löcher in den Pelz geschnitten hat, kann der Friseurmeister auch keine tolle Frisur mehr daraus zaubern. Du bist nun leider in der dummen Zwangslage, das Pferd von hinten aufzäumen zu müssen, was ungleich schwieriger ist, als es von vornherein richtig zu machen. Leider kann ich dir kein Patentrezept dafür nennen - und wenn ich eines hätte, würde ich es für viel Geld lizenzieren (du bekämst aber eine Freilizenz ;)

Sprache lernt man nicht durch Auswendiglernen von Regeln, sondern durch Anwendung
der unbekannten Regeln *g*

Genau, durch Anwendung der unbekannten Regeln. Willst du mir etwa erzählen, dass du erst im Grammatikunterricht gelernt hast, einigermaßen vernünftiges Deutsch zu sprechen? Das bekommt man doch intuitiv mit, weil man es sich von der Umgebung abschaut. Und wenn die Umgebung nur "Alder"-Deutsch spricht, dann wird auch der Grammatikunterricht rein gar nichts daran ändern. _Anwendung_ der "richtigen" Sprache, z.B. bei der Aufführung eines Theaterstücks, hat zumindest eine gewisse Chance, die Sprache des Schülers zu beeinflussen. Diese Meinung habe ich übrigens schon viele Jahre, bevor ich den Namen Birkenbihl das erste Mal gehört habe, vertreten.

Durch "Verbessern" erreichst du wenig bis gar nichts, das gilt mMn nicht nur für kleine Kinder, die die Sprache gerade erst erlernen, sondern auch noch für Schüler und z.T. für Erwachsene. "Korrektes Spiegeln" (oder so ähnlich) heißt doch die Methode, die sich im Kleinkindbereich mittlerweile durchgesetzt hat, also nicht verbessern, sondern die korrekte Form in einem eigenen, nicht einmal identischen Satz, erneut verwenden.

"Unter den etwa 32 000 Berliner Lehrern gibt es immer mehr Dauerpatienten. Die Zahl der Pädagogen, die mehrere Monate im Jahr fehlen, ist nach Angaben der Schulverwaltung seit 2002 von 519 auf 681 Langzeiterkrankte Ende 2003 gestiegen."
Auch an unserer Schule halten nicht alle Kollegen der Belastung stand.

Es stellt sich jedoch die Frage, worin die Belastung genau besteht und wie sie verringert werden kann.

Bessere Zahlen habe ich nicht gefunden, und ich habe auch noch keinen Vergleich mit anderen Berufen angestellt, aber für erschreckend hoch halte ich die Zahl trotzdem. Dass sie allein durch die "bösen und dummen Schüler" bedingt ist, halte ich allerdings für ein Gerücht.
Richtig, aber reale Gründe gibt es und einen Bedarf nach Personalentwicklung, Supervision, Weiterbildung und Entlastung von bürokratischen Aufgaben, vor allem mehr Platz für die Auseinandersetzung mit den Schülern und fachliche und didaktische Weiterentwicklung.

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Was ist uns als Gesellschaft eine gute Ausbildung unserer Kinder wert? Momentan sicherlich zu wenig. In eine politische Diskussion möchte ich jetzt aber nicht einsteigen, das würde den Rahmen dieses Threads sicher sprengen.

Den Rahmen dieses Postings habe ich bereits gesprengt, darum kommt gleich noch ein Folgeposting mit Teil 2.

To be continued ...