Antje,
Diese Frage, Christoph, zeigt, dass du immer noch nicht verstanden hast, was hier eigentlich los ist
Nimms bitte nicht übel, wenn ich widerspreche. Doch, ich weiß, besser als vielleicht mancher andre, was im Elbtal "los" ist. Und nicht nur dort. Ein Haus in Kipsdorf, in dem ich mehrfach im Jahr zu Gast bin/war, gibt es nicht mehr, Freunde in Meißen, Rathen, Gößnitz erreiche ich seit Tagen nicht. Nicht einmal das Grab meines Vaters ist noch "trocken". Meine 75jährige Mutter, die unmittelbar (in 20 Meter Entfernung) neben der Mulde in Zwickau wohnt, ist der unmittelbaren Lebensbedrohung nur dadurch _aus Versehen_ entgangen, daß sie am Tag vor der ersten großen Flutwelle zu einer vierzehntägigen Reise aufgebrochen ist. Sie hat, als Urlauberin auf einem Kreuzfahrtschiff, über den Bordfernseher so nebenbei erfahren, daß das Haus, in dem sie wohnt, unterspült wurde und in den nächsten Wochen möglicherweise abgerissen werden muß.
Einer meiner ehemaligen Kommilitonen ist chirurgischer Oberarzt in Dippoldiswalde, ein anderer ist Internist in einem inzwischen evakuierten Dresdner Krankenhaus. Und gerade von diesen beiden weiß ich, daß sie nach teilweise mehr als 60 Stunden ununterbrochenem Dienst einfach als "Einschlafdroge" nochmal auf "dresden.de" schauen wollten. Sie bekamen nur das zu lesen, was sie ohnehin schon mehr als zwei Tage um den Schlaf gebracht hatte.
Nein, ich denke nicht, daß ich "nicht verstanden" hätte, was im Elbtal bzw. in Sachsen passiert ist.
Du erfasst nicht, dass es hier keinen Menschen interessiert ob die Website des Heimatortes läuft oder nicht. Hier im Hochwassergebiet beschäftigen uns ganz andere Fragen.
Nochmals, und mit der herzlichen Bitte um Verständnis: doch, das erfasse ich durchaus. Versuch es bitte in ein paar Tagen oder Wochen, wenn sich die unmittelbare Bedrohung gelegt haben wird (ich kann verzweifelt wenig dazu beitragen), nochmal zu durchdenken. Ich habe es, vielleicht etwas unbeholfen, in meinem Ausgangsposting zu artikulieren versucht: es ging mir in meinem Ausgangsposting ausdrücklich nicht um die "menschliche Dimension", sondern ausschließlich um das, was ich, als "Nicht-Betroffener" online aufrufen kann. Glaube mir bitte, daß mir eine scharfe Grenzziehung schwer fällt; aber ich muß das selber so genau unterscheiden, um nicht ganz und gar depressiv zu werden. Es nutzt doch nix, wenn ich anfangen wollte, hier in Berlin-Mitte Sandsäcke zu füllen. Das hätte in Dresden Sinn, aber ich bekomme zur Zeit nicht einmal einen Fahrschein bei der Bundesbahn.
Eine Website muss in dieser Situation lediglich Informationen zur aktuellen Lage geben und genau das tut sie. Du kannst mir glauben, mehr muss sie hier nicht leisten.
wenn du das in diesen schwierigen Tagen noch differenzieren kannst: genau _das_ war der Ansatz meines Threads. Für die regional Betroffenen _muß_ selbstverständlich diese Information gegeben werden, das stelle ich absolut nicht in Frage. Nur: ich habe von (Internet-)Bekannten aus Australien und Japan bereits vorsichtige Nachfragen bekommen, ob es Dresden überhaupt noch gibt ... Die Adresse "dresden.de" hat eben nicht nur regionale, sondern internationale Bedeutung und sollte, wenn möglich, dem Informationsbedürfnis _aller_ möglichen Besucher entgegenkommen, weltweit. Sehr grob ausgedrückt: falls du auf die Idee kommst, aus einem diffusen Informationsbedürfnis heraus die Seite http://www.svkul.cz/ aufzurufen, bekommst zwar auch als erstes Pegelstände angezeigt, aber dann immer noch ein paar Stadtinformationen zu Usti nad Labem, und wenn du http://www.praha-mesto.cz/ aufrufst, gibt es immer noch wenigstens einen Stadtplan. Und _das_ habe ich mit meinem Ausgangsposting ansprechen wollen, nichts anderes. Du wirst mir auch aus deiner Perspektive heraus zugestehen, daß Prag und Usti nad Labem durchaus "betroffen" sind.
"Vergessen" wird von den Medien und den Ortsfremden nämlich, dass nicht nur Dresden und Meissen abgesoffen sind. Außer Dresden-Meissen-Riesa-Mühlberg-Torgau ... gibt es unzählige Elbdöfer.
Ich hoffe, ich habe deutlich machen können, daß ich keineswegs "vergessen" habe, daß es außer Dresden auch noch andere schlimm zugerichtete oder zerstörte Gemeinden gibt.
Zwischen Meissen und Riesa ist, außer Merschwitz (wo ich wohne) und Leckwitz gleich daneben, jedes Dorf abgesoffen. Das wir es noch nicht sind ist einzig der Tatsache geschuldet, das einige Dämme kurz vor Riesa gebrochen sind und ein Teil des Wassers in eine Niederung abgeflossen ist.
Ja ... einer meiner Berliner Freunde hat im März genau in dieser "Niederung" ein Stückchen Land erworben, sämtliche Ersparnisse in Baumaterialien gesteckt, mit denen er eine "Datsche" bauen wollte. Das ist alles auf Nimmerwiedersehen davongeschwommen.
Ich schreibe das nur, damit dir klar wird, dass die Menschen weder Kraft noch Zeit haben, sich um solche Nebensächlichkeiten zu kümmern.
Ja, Antje, und zum drittenmal auch von meiner Seite aus die Bitte um Versträndnis: daß die unmittelbar Betroffenen "weder Kraft noch Zeit haben, sich um solche Nebensächlichkeiten zu kümmern" bedarf keiner Diskussion. Es gibt jedoch bei einer international wichtigen Adresse zwischen Grönland und Madagaskar noch asllerhand andere, die eventuell auf diese Adresse stoßen könnten und dann vielleicht schlußfolgern könnten, daß es nicht lohnt, "dresden.de" jemals wieder anzuwählen. Das ist in "Internetdimensionen" genauso schädlich wie in den "physikalischen Dimensionen" der aktuellen Flutkatastrophe.
Ich habe an der Kasse im Supermarkt heute folgendes Gespräch gehört:
Wenn ihr Hilfe beim Auspumpen braucht sagt bescheid.
Antwort (ganz ruhig geben): Dafür ist es schon zu spät.
Meine Schwester hat mir vorhin am Telefon eine ähnliche Episode erzählt. Sie hat das allerdings bei einem Fleischer erlebt, bei dem das Elbwasser bereits wenige Zentimeter unter der Warenauslage stand. Die Verkäuferin hat ihr gesagt: "nehmen Sie doch bitte noch drei Kilo Lammfleisch mit, ehe wir es ans Wasser verlieren - und laden Sie meinen Chef zum Abendessen ein". - Meine Schwester hat den "Chef" und die Verkäuferin eingeladen, aber beide sind nicht gekommen.
Liebe Antje, nimms bitte nicht übel und versuche auch du, zu verstehen, wie schwer es jemandem fallen muß, der nicht im Elbtal lebt, wenigstens intellektuell nachzuvollziehen, was in diesen Tagen bei euch passiert. In einem "Medium", wie es letzten Endes das Forum auch ist, können wir nicht mehr, als über etwas reden - selbst wenn es um die erschreckenden Zustände entlang der Elbe geht. Ich würde lieber zum Sandsäckestapeln nach Dresden fahren als zum Oilzesammeln in die Brandenburger Wälder - aber ich kann es nicht. Und auch ich muß mit diesem Zwiespalt irgendwie fertigwerden..
(wenn ich dürfte, würde ich dich jetzt ein bissel knuddeln, ganz vorsaichtig)
Christoph S.
PS: ich bin froh, in deinem posting zu lesen, daß du (bisher) keine existenzielle Schgäden erlitten hast. Wir können darüber reden, wenn wir uns das nächstemal sehen.
Übrigens gehört ein solcher Thread wie dieser hier _eigentlich_ in die "Lounge". Ich halte es jedoch für vollkommen richtig und angemessen, ihn hier im "großen Forum" zu führen.