hallo erika,
vermutlich schreiben Christoph Schnauß und der Dresdener ihre Postings, um *irgendwie* mit ihren Emotionen fertig zu werden. Sie sind zutiefst betroffen, auch wenn sie selbst nicht in Lebensgefahr sind und nicht ihr Hab und Gut verloren haben
genau das ist es, und ich könnt dich knuddeln dafür, wenn mir nach Knuddeln zumute wäre.
Hier in Berlin merke ich bisher vom ganzen Sintflutgeschehen fast nichts - die Spree ist um lächerliche 12 Zentimeter angestiegen. Das birgt lediglich die Gefahr, daß sich in Teilen der Spree und Havel die Fließrichtung umkehrt, weil das Gefälle zwischen den brandenburger Flußabschnitten und den berliner Teilen so gering ist. Daß der Alexanderplatz, über den ich jeden Tag mehrfach mitm Fahrrad fahren muß, mit zwei Meter brauner Brühe überflutet werden könnte (wie es dem Postplatz in Dresden passiert ist), ist völlig unvorstellbar - aber es war ja auch in Dresden unvorstellbar, daß der Postplatz in Hochwasser ertrinken könnte.
Meine "seelische Verfassung" bessert sich etwas, seit ich weiß, daß Dresden nun offenbar den Scheitelpunkt des Hochwassers hat erleben müssen/dürfen, und die Pegelstände nicht mehr steigen. Gleichzeitig kommen andere, lang schon zurückgehaltene Fragen hoch: in Bitterfeld habe ich keine Verwandten oder Freunde, und auch am Jangtse in China (wo es offenbar noch schlimmere Zustände gibt) gibt es keine individualisierbaren Menschen, deren Leid mich unmittelbar betreffen würde. _Das_ sehe ich dann wieder am Fernseher fast emotionslos, _davon_ bin ich nicht mehr betroffen. Warum eigentlich? Was gilt "mein Leid" gegenüber dem tausendfachen Leid anderer Menschen, und seien sie auch noch so fern?
Was mich am meisten bewegt und regelrecht "verstört" hat (obwohl ich mit meinen 50 Lebensjahren doch so etwas müßte wegstecken können) ist: die Flut hat selbst die Begrabenen nicht verschont. Kein Fernsehsender hat es bisher gewagt, davon zu sprechen, daß auch Friedhöfe von der Flut aufgerissen wurden. Meinen Vater hat es nur wenige Zentimeter aus seinem Grab gehoben, inzwischen ist er zurückgekehrt an die Stelle, an der er gewünscht hatte, ruhen zu können...
Die Gefahr ist noch nicht gebannt, die Fluten wälzen sich stromabwärts. Weitere Städte und Dörfer sind bedroht
Diese Städte und Dörfer haben gegenüber dem, was wir aus dem Elbtal erfahren mußten, einen unschätzbaren Vorteil: sie haben, wenn auch sehr wenig, Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten. Sie tun es auch, wenn ich den Fernsehberichten glauben darf. Das Erbärmlichste ist daran, daß in evakuierten Stadtteilen die Polizei dafür sorgen muß, daß keine Plünderungen stattfinden.
Den "Katastrophentourismus" scheint man übrigens wenigstens in Dresden einigermaßen im Griff zu haben. Auch meine Schwester, die nun wirklich eine "Dresdnerin" ist, kann nirgends mehr einkaufen gehen, ohne wenigstens nach hundert Metern Fußweg ihren Personalausweis vorzuzeigen. Die Polizeigewalt ist zumindest teilweise und natürlich zeitlich beschränkt an die Armee übergeben worden - und die davon unmittelbat betroffen sind, empfinden das als ebenso lästig wie als richtig.
Christoph S.
PS: in den waldähnlichen Gebieten rund um Berlin sieht es so aus, als ob es erneut ein "Superpilzjahr" geben würde. Vor allem Perlpilze, Steinpilze, Birkenpilze wachsen in ungeahnten Mengen, jetzt schon. Das wirkt wie Hohn, obwolh dieser "menschlche Maßstab" hier natürlich nicht angemessen ist.